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Hamed Shahi
"Großstadtgefühl ist ein Wirtschaftsfaktor"

Hamed Shahi: "Großstadtgefühl ist ein Wirtschaftsfaktor"
Hamed Shahi in seinem Büro in Flingern: An den Wänden hängen Plakate von Veranstaltungen seines Unternehmens und sehr viele Klebezettel. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Der Leiter des New Fall Festivals erörtert, wo Düsseldorf urban ist und wie dies in die neue Marke der Stadt einfließen kann.

Als die Reihe Parklife im Sommer die Düsseldorfer zu DJ-Musik und Picknick in die Grünanlagen brachte, haben wir "Endlich urban" als Überschrift gewählt. Inwiefern hatten wir Recht, inwiefern nicht?

Hamed Shahi Es muss noch einiges passieren, bis wir wirklich urban sind, also ein echtes Großstadtgefühl haben. Es muss noch ein Dutzend oder jedenfalls viele Aktionen wie Parklife geben, damit wir wirklich dieses Gefühl haben. Parklife ist ein Tropfen.

Was fehlt zum Großstadtgefühl?

Shahi Damit kein Missverständnis aufkommt: Das ist keine Kritik. Ich verstehe die Menschen nicht, die ständig über Düsseldorf meckern. Ich finde, man muss Dinge positiv angehen, damit sie die richtige Energie haben. Ich finde unsere Stadt großartig. Ich genieße es zum Beispiel sehr, wie toll man hier essen gehen kann. Aber wir müssen mehr zum Thema Popkultur machen, damit Düsseldorf auch Spaß macht.

Was braucht es dafür?

Shahi Letztlich sind die Menschen entscheidend, die etwas einbringen, die Lust haben, ihre Stadt zu gestalten. Künstler sind der wichtigste Faktor für Urbanität. Politik kann dafür die Plattform schaffen. Nehmen wir noch einmal Parklife: Die Stadt hat unsere Idee sehr unterstützt und die Parks zur Verfügung gestellt.

Kann ein Großstadtgefühl ein Wirtschaftsfaktor sein?

Shahi Selbstverständlich. Was bringen einem starke Unternehmen, wenn die Mitarbeiter keinen Bock haben, in die Stadt zu ziehen? Die Hälfte meiner Leute kommt aus Köln, und ich kriege sie einfach nicht überzeugt, hierher zu ziehen.

Was läuft da schief?

Shahi Wir müssen Düsseldorf anders kommunizieren. Fakt ist: Leute, die Düsseldorf nicht richtig kennen, mögen es nicht. Wenn ich jemanden frage, warum er nicht hierherzieht, sagt er: "Mag ich irgendwie nicht."

Wie lässt sich das ändern? Wie muss die Marke Düsseldorf aussehen, die der Chef von Düsseldorf Marketing & Tourismus gerade entwickelt?

Shahi Düsseldorf ist eine großartige Kunst- und Kreativstadt. Und auf uns Düsseldorfer kann man sich verlassen. Wir haben eine sehr gut funktionierende Infrastruktur, und wir sind total international. Der Rhein wird hier wirklich gelebt und wahrgenommen. Diese Stärken müssen wir stärken und nicht gucken, was die anderen machen. Das sind die Leuchttürme, das gibt Identität.

Kann ein Großstadtgefühl auch ein Exportgut sein?

Shahi Das ist schwierig zu beantworten. Natürlich können andere Städte etwas kopieren, aber ob es dann bei ihnen funktioniert? Man kann auf jeden Fall etwas von Düsseldorf lernen: wie eine tolle Ballett- und Tanzszene funktioniert, wie man Leuchtturmprojekte schafft und vor allem, wie man junge Familien anspricht.

Gelingt das Berlin nicht viel besser?

Shahi Ich weiß nicht, ob junge Familien wirklich arm und sexy sein wollen. Reichtum kann natürlich auch spießig sein, aber Mittel zu haben und gut einzusetzen, das hat schon etwas für sich. Ich genieße die Infrastruktur in Düsseldorf sehr, ich liebe die neue U-Bahn.

Wenn es so schwierig ist, ein Großstadtgefühl zu exportieren, warum machen Sie das "New Fall Festival" in diesem Jahr erstmals auch in Stuttgart?

Shahi Wir haben hier seit 2011 eine Marke entwickelt, die funktioniert. Die Leute verstehen, was wir tun, weil unser Konzept simpel ist und simple Konzepte immer funktionieren - wenn sie dann authentisch und liebevoll gemacht sind.

Was verbinden Ihre Besucher denn mit dem Festival? Es findet offenkundig im Herbst statt und es geht um Konzerte. Das reicht?

Shahi Nicht ganz, denn die Leute verbinden damit auch, dass wir zuverlässig sind und zuverlässig Qualität liefern. Sie können blind Karten für ein "New Fall Konzert" kaufen und werden niemals eine Kirmesveranstaltung, niemals Quatsch erleben.

Aber warum dann Stuttgart und nicht eine Stadt, die näher an Düsseldorf liegt?

Shahi Wenn wir in der Nähe ein weiteres "New Fall Festival" machen würden, würden wir unsere Marke kaputt machen. Wir haben uns Stuttgart, München, Wien und Warschau angesehen. In Stuttgart hat gleich alles gepasst. Wir haben tolle Locations gefunden und gleich die passsenden Termine. Und wir waren sehr angenehm überrascht, wie positiv die Stadt und die Unternehmen mit uns umgingen.

Welche Erfahrung aus Düsseldorf lässt sich nach Stuttgart exportieren?

Shahi Beides sind dynamische Städte, schön kompakt, mit einer guten Infrastruktur. Aber beide leiden darunter, dass die großen Namen der Musik an ihnen vorbeiziehen. Bands spielen in Frankfurt oder München statt in Stuttgart beziehungsweise in Köln oder Dortmund statt in Düsseldorf. Jetzt aber spielen Regina Spektor oder Wilco ganz wenige Shows in Europa, aber beide in Stuttgart und Düsseldorf. Das ist kluges Stadtmarketing.

Welche Städte kommen als Nächstes?

Shahi Ich bin mir sicher, dass wir Kreativwirtschaft Made in Düsseldorf in weitere Städte Europas exportieren können. Wien, Zürich...

Ist Parklife auch ein mögliches Exportgut?

Shahi Zunächst einmal war es ein Importgut. Vor drei Jahren habe ich mir für drei Monate eine kreative Auszeit genommen und bin nach Barcelona gegangen. Dort gab es jeden Sonntag das Piknic Electronik. Die Besucher konnten ihr Essen mitbringen, mussten die Getränke aber bezahlen.

Was haben Sie geändert, damit es in Düsseldorf funktioniert?

Shahi Wir haben die Musik weiter in den Hintergrund gerückt und sind mit der Veranstaltung durch die ganze Stadt gewandert. Es gab gute, leise Musik, zu der manchmal die Leute sogar ein bisschen getanzt haben. Aber wir haben es eben komplett für Familien ausgerichtet, haben extra die nicht so populären Parks genommen und das Ganze sehr nachhaltig angelegt. Das hat funktioniert, denn die Müllcontainer haben wir leer zurückgegeben.

Was hat nicht funktioniert?

Shahi Manchmal das Wetter.

Geht es mit Parklife weiter?

Shahi Ich würde es sehr gerne fortsetzen.

Aber?

Shahi Aber ich muss mir die Kalkulation anschauen. Ich möchte nicht draufbezahlen.

Welche anderen Ideen verfolgen Sie, die die Landeshauptstadt der Urbanität ein bisschen näher bringen können?

Shahi Ich könnte mir ein Indie-Festival gut vorstellen, da hat Düsseldorf noch Nachholbedarf. Und wir wollen eine Verbindung zwischen Popkultur und Gastronomie schaffen.

Ihr Name fällt auch im Zusammenhang mit Badeschiffen, die es im Rhein geben könnte.

Shahi Ich finde das interessant, und wir würden uns gerne darum bewerben - wenn es ein urbanes und kein Zirkusprojekt wird. Wir brauchen zuallererst einen geeigneten Platz, sonst brauchen wir gar nicht darüber zu reden. Wenn der gefunden wird, wäre das großartig für die Stadt.

CHRISTIAN HERRENDORF FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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