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Gastbeitrag Caspar Schmitz-Morkramer
Gut verpackt?!

Gastbeitrag Caspar Schmitz-Morkramer: Gut verpackt?!
Caspar Schmitz-Morkramer ist Architekt in Düsseldorf und Köln. Projekte: Wohn-, Büro-, Museumsbauten, die BVB-Fanwelt FOTO: abr
Düsseldorf. Viele Neubauten werden mit Wärmedämmverbundsystem verkleidet. Das wirkt uniform - und die Recyclingfrage ist noch nicht geklärt.

Düsseldorf boomt! Wo man hinschaut, entstehen tolle neue Wohnhäuser. Meist werden diese mit Wärmedämmverbundsystem verpackt und nett angestrichen. Wenn man vor einer solchen WDVS-Fassade steht und dagegen klopft, hört man einen stumpfen Ton. Klingt nicht hochwertig! Was steckt dahinter? Seit vielen Jahren wird über die Energie-Einsparverordnung (Enev) geregelt, wie gut neue oder sanierte Bauten gedämmt sein müssen. Das macht Sinn. Vor allem wenn man bedenkt, dass rund 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs auf Gebäude entfallen.

Düsseldorfer Neubauviertel - hier der Belsenpark - sind oft strahlend weiß gestaltet. Oft sind die Fassaden mit Dämmstoffen verkleidet und angestrichen. FOTO: Schaller,Bernd (bs)

Einfach, günstig und effektiv dämmt man mit Wärmedämmverbundsystem. Auf fast jeder Baustelle sieht man die bunten Platten. Hierbei handelt es sich um einen expandiertes Polystyrol (EPS), ein synthetischer Dämmstoff. Er besteht zu 98 Prozent aus Luft, das Polystyrol selbst wird aus Erdöl gewonnen. Zurzeit bereitet uns Planern, aber auch den Ausführenden EPS Sorgen, da es brennbar ist und ein Risiko darstellt. Deswegen wird EPS mit Flammenschutzmittel behandelt. Das früher verwendete Mittel führt dazu, dass EPS zu Sondermüll wird. Die Industrie hat reagiert und andere Flammenschutzmittel entwickelt. Aber: Die Recyclingfrage ist noch nicht ausreichend geklärt. Bisher waren die Mengen so gering, dass sich der Aufbau eines groß angelegten Recyclingsystems schlichtweg nicht gelohnt hat. Außerdem gibt es EPS noch nicht so lange, dass zuverlässig gesagt werden kann, wann es entfernt werden muss.

Es bleibt neben der ökologischen die gestalterische Frage. Altern die Häuser, die mit EPS verkleidet werden, in Würde? Für mich als Architekten ist das eine entscheidende Frage, wenn ich ein Haus plane. Wie sehen die WDVS-Paläste in 20 Jahren aus und wie recyceln wir dann? Man kann wunderbar mit WDVS arbeiten, schöne Beispiele gibt es genügend. Aber immer einfach nur weiße Putzfassaden, ist das nicht ein bisschen simpel?

Im Grafental hinter der Metro möchte der Bauherr besonders viele Gebäude mit Klinker-Fassaden ausstatten. Hier ein Blick auf die Piazza. FOTO: SChaller

In Düsseldorf schießen weiße Retrovillen aus dem Boden. Sieht gut aus, ist aber nur EPS. Ist es nicht wohltuend, mal mit anderen Materialien Fassaden zu verkleiden? Mit Klinker, gebrannt aus Ton und Erde, lässt sich variieren. Naturstein, über Jahrtausende im Boden gewachsen, verleiht Fassaden Eleganz und Solidität. Holz, in unseren Breitengeraden ungewöhnlich, aber als schnell nachwachsender Rohstoff nicht zu unterschätzen, lässt unglaubliche Varianz in der Fassadengestaltung zu. Natürlich muss auch hier gedämmt werden. Das passiert in der Regel über eine zweischalige Konstruktion, bei der Mineralwolle zum Einsatz kommt - die ist recycelbar.

Wäre es nicht schön, wenn nicht alles gleich aussehen muss? So wie in der Mode wünsche ich mir, dass wir nicht eindimensional denken, sondern offener werden für mehr Gestaltung. Kein Placet gegen Putzfassaden - wir planen auch welche. Aber Stadt und Stadtraum leben aus Varianz und Beständigkeit. Diese erreicht man eher mit natürlichen Materialien. Also: Mehr Raum für Fantasie - diese Aufforderung geht nicht nur an uns Planer, sondern auch an Bauherrn und vor allem an die Käufer der vielen Wohnungen. Ihr habt ein Recht auf Gestaltung, die gibt es aber nicht zum Nulltarif.

Quelle: RP
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