| 16.51 Uhr

Düsseldorf
Sprayer mogelt sich in die Kunstsammlung

Harald Naegeli mogelt sich in die Kunstsammlung
Winzig, aber durchaus entschlossen: Das Männchen von Harald Naegeli im Treppenhaus des K20. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Harald Naegeli hat im Treppenhaus des K20 zwei kleine Zeichnungen hinterlassen. Das Museum freut sich - warnt aber vor Nachahmung. Von Arne Lieb

Die Kunstsammlung des Landes Nordrhein-Westfalen ist um zwei Werke reicher - und das ohne eigenes Zutun. Der in Düsseldorf lebende Graffitipionier Harald Naegeli, um dessen inzwischen entfernte Sprüherei am Alten Hafen es im Frühjahr eine breite politische Debatte gegeben hatte, hat in einem Treppenaufgang des K20 am Grabbeplatz zwei Werke hinterlassen. "Der Tänzer" und "Der Schritt in den Abgrund" nennt der 75-Jährige die winzigen Arbeiten, die er ohne Erlaubnis des Museums an die Wand gemalt hat. Dass sie wirklich von ihm stammen, gilt als unstrittig.

Der Pressesprecher der Kunstsammlung, Gerd Korinthenberg, begrüßt die überraschenden Neuzugänge. "Wir freuen uns über jede Kreativität an diesem Ort der Kunst", sagt er. "Insbesondere diese charmanten Werke unseres Freundes Harald Naegeli." Der Künstler sei ein Stammgast des Museums, den man seit langem kenne.

Street Art in Düsseldorf FOTO: Anne Peters

Zugleich betont Korinthenberg, dass es sich bei den Zeichnungen streng genommen um Sachbeschädigung handele - und weitere Künstler, die das Museum auf eigene Faust verschönern wollten, nicht willkommen seien. "Wir warnen vor Nachahmung", sagt Korinthenberg.

Die winzigen Zeichnungen befinden sich im Aufgang an der Hinterseite der Klee-Halle, also dem vom Grabbeplatz aus gesehen hinteren Gebäudeteil. Wenn man die Treppe vom Erdgeschoss, wo derzeit eine Miró-Ausstellung gezeigt wird, in die ständige Sammlung im ersten Geschoss nimmt, befindet sich eine der beiden Figuren am oberen Treppenabsatz. Es handelt sich um ein Männchen, das am Ende der Nische für das Geländer über eine Klippe zu treten scheint. Ums Eck befindet sich über einem Brandmelder die andere Zeichnung. Korinthenberg lobt, wie subtil der Künstler seine Umgebung mit einbezieht - das ist typisch für seine Arbeiten im öffentlichen Raum. "Er hat ein gutes Auge", meint Korinthenberg.

Man kann die Zeichnungen auch als einen Kommentar zu den Geschehnissen in den vergangenen Monaten verstehen. In der Düsseldorfer Politik wurde kontrovers darüber diskutiert, wie sich das Schaffen des international bekannten Schweizer Künstlers würdigen lässt. Zunächst hatte die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP überlegt, seine illegal angebrachte Sprüherei am Alten Hafen zu konservieren, die CDU war strikt dagegen. Während die öffentliche Debatte lief, wuschen unbekannte Graffitifeinde die Farbe ab. Die Kulturverwaltung stellte daraufhin eine Ausstellung mit Naegelis - ganz legalen - Papierarbeiten in einem Düsseldorfer Museum in Aussicht, Kulturdezernent Hans-Georg Lohe kündigte an, das Gespräch mit dem Museum Kunstpalast zu suchen. Jetzt hat der Künstler sich vorab einfach schon mal selbst in ein Museum gebracht.

Harald Naegeli war Ende der 1970er Jahre als "Sprayer von Zürich" berühmt geworden. Mit seinen filigranen Zeichnungen im öffentlichen Raum sorgte er für großes Aufsehen. In seinem Heimatland wurde er aber für das oft illegale Sprühen massiv strafrechtlich verfolgt. Als ihm Haft drohte, floh Naegeli 1981 nach Düsseldorf, wo er bei Freunden unterkam. 1984 wurde er beim Grenzübertritt festgenommen und saß neun Monate im Gefängnis. Anschließend ließ er sich in Düsseldorf nieder.

Inzwischen ist Naegeli auch in seiner Heimatstadt rehabilitiert, dort hat man eines der letzten erhaltenen Werke im öffentlichen Raum konserviert. In Düsseldorf sind auch außerhalb der Kunstsammlung viele mutmaßliche Naegelis zu finden: Der Künstler - oder Nachahmer - sind immer noch oft mit der Spraydose unterwegs.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Harald Naegeli mogelt sich in die Kunstsammlung


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.