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Tiersprechstunde für Obdachlosen-Hunde
Hilfe für „Underdogs“

Tiersprechstunde für Obdachlosen-Hunde: Hilfe für „Underdogs“
Warten bis der Arzt kommt: In Düsseldorf können Obdachlose mit ihren Tieren in eine kostenfreie Sprechstunde gehen. FOTO: RP, A. Bretz
Düsseldorf. Obdachlose haben kaum soziale Kontakte und scheuen sich, in Beratungsstellen zu gehen. Ihre besten Freunde sind oft ihre Hunde. Wer denen hilft, lernt auch deren Besitzer kennen. Deshalb bietet die Düsseldorfer Hilfsorganisation fiftyfifty eine Tiersprechstunde für Obdachlosen-Hunde an. Von Dieter Dormann

Düsseldorf Einmal im Monat herrscht um 14Uhr in der ansonsten um diese Tageszeit - zumindest im Vergleich zum dort allabendlich herrschenden Trubel - noch verschlafen wirkenden Düsseldorfer Altstadt-Gasse "Kurze Straße" großer Andrang. Vor dem Haus Nummer 7, der "Axept!"-Beratungsstelle für Wohnungslose, warten ein gutes Dutzend Obdachlose. Sie sind nicht allein. Bei ihnen sind ihre besten Freunde - ihre Hunde. Ihr gemeinsames Ziel: Die kostenlose "Tiersprechstunde" der Wohnungslosenhilfe "fiftyfifty".

Dort bekommen die Hunde eine kostenlose "veterinärmedizinische Grundversorgung" - von der Impfung bis zur Entwurmung. Das Angebot richtet sich an 200 Obdachlosen, die in Düsseldorf schätzungsweise leben. "Wir prüfen genau, wer zu uns kommt", sagt Sozialarbeiterin Ila Glzari, die mit einer weiteren Teilzeitkraft das Projekt betreut. "Schmarotzer" sind unerwünscht.

Finanziert wird die Sprechstunde durch eine 70-prozentige Förderung des Landes NRW. Damit ist das Projekt bundesweit die einzige aus Landesmitteln bezahlte Maßnahme dieser Art. Hinzukommen die ehrenamtliche Unterstützung der Tierärzte Katja Beyer aus Düsseldorf und Georg Specker aus Heilgenhaus sowie Spenden.

Einer der Ersten, die an diesem Tag in das im Freizeitraum der Beratungsstelle improvisierte Wartezimmer kommen, ist Guido Pracht. Er bringt gleich drei Patienten mit. Angeleint sind der sechsjährige Tibet-Terrier-Mischling Ares und die eineinhalbjährige Jack-Russel-Dobermann-Kreuzung Lady. Deren zehn Wochen alten Welpen Thor trägt Guido Pracht in einem Tragetuch vor der Brust unter der Windjacke. "Ares und der Kleine müssten geimpft werden. Und alle drei haben Milben, glaube ich", sagt der Hundebesitzer. Tierärztin Katja Beyer checkt alle drei Vierbeiner kurz durch, bevor sie die Spritzen setzt und die Flüssigkeit gegen die Milben im Nackenfell der Tiere verreibt. "Vorher brauche ich noch die Impfausweise", sagt die Ärztin. Guido Pracht durchsucht seine Taschen, findet aber den Pass von Ares nicht und ist der Verzweiflung nahe: "Mensch, den hab' ich vergessen - tatsächlich, den hab' ich nicht dabei." Der Hundebesitzer ist nicht zum ersten Mal in der Tiersprechstunde, seine Schützlinge haben eine Karteikarte, und Katja Beyer kann ihn beruhigen: "Dann bringst Du den beim nächsten Mal mit." Ares Herrchen ist erleichtert.

Guido Pracht ist 31 Jahre alt und er kann nicht genau sagen, wie viele davon er auf der Straße gelebt hat. "Da war so viel Knast dazwischen", sagt er. Hunde hat er immer gehabt. Die Vierbeiner sind für ihn - "außer meiner Verlobten" - das "Wichtigste im Leben". Tag und Nacht sei er mit den Tieren zusammen, niemals wichen sie ihm von der Seite. Als "Beschützer" während seines Lebens auf der Straße hat der 31-Jährige die Tiere jedoch nie gesehen. "Schützen kann ich mich selber. Das sind einfach Kumpel, die immer da sind, treu sind, dir zeigen, was los ist - Hunde sind einfach super", meint Guido Pracht. Die meisten Obdachlosen empfinden genauso wie der 31-Jährige. "Bei vielen, besonders bei den krassen Fällen, steht der Hund an erster Stelle", berichtet die Sozialarbeiterin Ila Glzari aus ihrer Erfahrung. "Viele haben keine sozialen Beziehungen mehr und haben unzählige gescheiterte hinter sich. Aber ihre Hunde sind verlässlich und etwas, um das sie sich kümmern können."

Vom Angebot der Tiersprechstunde sind die Obdachlosen begeistert. "Das ist voll super", sagt Guido Pracht, "Futter zu finanzieren, ist kein Problem - das schaffe ich. Aber regelmäßig zum Arzt gehen, das wäre nicht drin."

Für die Sozialarbeiter hat die Versorgung der Tiere einen wertvollen Nebeneffekt. "Wer sich um ihre Tiere kümmert, den lassen die Obdachlosen auch an sich selbst eher ran", sagt Ila Glzari. Grund genug, mit der Tiersprechstunde mobil zu werden. Spätestens ab Januar soll ein zur Tierarztpraxis umgebauter Kleinbus auf Tour zu den Treffpunkten der Obdachlosen-Szene in Düsseldorf gehen.

Für das Projekt zur Tier-Mensch-Hilfe hat die Düsseldorfer Werbeagentur McCann Erikson sich den Namen "Underdog" und ein entsprechendes Plakat ausgedacht, mit dem ab Dezember für Spenden geworben wird. Das Land NRW wird "Underdog" genauso wie die Tiersprechstunde in der Altstadt zu 70 Prozent finanzieren. "Für die restlichen 30 Prozent brauchen wir noch Spenden. Wir suchen auch weitere Tierärzte, die bereit sind mitzumachen", sagt Ila Glzari. Durch den Bus hofft die Sozialarbeiterin, auch solche Obdachlose zu erreichen, die bislang noch nicht die Hemmschwelle überwunden haben, eine Beratungsstelle zu besuchen.

Guido Pracht versichert, schon zur nächsten Tiersprechstunde im Dezember wieder in die "Kurze Straße" zu kommen. Er müsse schließlich Ares Impfpass nachreichen. Zum Abschied legt er der Ärztin eine kleine Plastiktüte mit Trockenfutter auf den Tisch. "Die kann ich doch als Leckerchen hierlassen? Tschüss und Danke!"

Quelle: RP
 
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