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Düsseldorf
Abschied von der Himmelgeister Kastanie

Himmelgeister Kastanie: Ein Abschiedsbrief von Andreas Vogt
Als die Kastanie noch ein schöner Anblick war - eine Aufnahme aus dem Jahr 2012. FOTO: Günter von Ameln
Düsseldorf. "Ich habe mit Dir jede Sekunde meines Lebens genossen." Der Baumgeistsekretär Andreas Vogt hat einen Brief an den Baum geschrieben, der in diesem Jahr gestorben ist. Die Kastanie wurde knapp 200 Jahre alt.

Liebe Himmelgeister Kastanie, lieber Heimatbaum, lieber Lieblingsbaum,

jetzt passiert mit Dir das, was mit jedem Lebewesen auf dieser Erde eines Tages passiert: Du wurdest geboren und jetzt bist Du gestorben. Aber Du gehst nicht von uns, sondern Du gehst uns nur voraus. Sei Dir bewusst, ich beziehungsweise wir alle werden Dir eines Tages folgen. Deshalb leben wir jeden Tag bewusst in Harmonie und Achtsamkeit mit der Natur. Denn nicht die Natur braucht uns, sondern wir die Natur.

Einige Jahre warst Du bereits krank, ein Bakterium und ein Pilz machten Dir immer mehr zu schaffen. Ich beobachtete das besorgt bei meinen täglichen Besuchen. Deutschlands prominentester Baumdoktor gab Dir vor zwei Jahren eine exklusive Privatbehandlung. Er impfte Dich, versuchte Dein Immunsystem zu vitalisieren. Es war nicht die Miniermotte, die Dich letztendlich erledigte, sondern ein Bakterium, gegen das es kein Mittel bei weissblühenden Rosskastanien gibt. Seit 2007 kamen wir jedes Jahr im November mit viele Kindern zu Dir, sammelten Dein Laub ein, in dem die lästige Miniermotte überwintert und entsorgten Dein Laub. Da kamen mal schnell einige Hundert Kilogramm Laub zusammen. Im Hochsommer brachten wir Dir mit der Feuerwehr Wasser.

Das Ende des Jahrhundert-Baums - die Reste der Kastanie sollen als Baumgeist-Skulptur erhalten bleiben. FOTO: Günter von Ameln (vam)

Den Orkanen Kyrill und Ela konntest Du erfolgreich trotzen. Doch schon im letzten Jahr hattest Du kaum noch Kastanienfrüchte und kaum noch Blätter. Dein Immunsystem machte schlapp und doch freutest Du Dich immer wieder über die vielen großen, kleinen, alten und jungen Verehrer, welche Dich zu jeder Tages und Nachtzeit besuchten, Dir Mut zusprachen, Dich umarmten und Dir persönliche Geschichten erzählten.

Zwei Kriege überlebtest Du. Der schlimmste Tag in Deinem Leben war der 6. März 1945, als Tausende von Bomben, Granaten und Artilleriegeschossen der Alliierten rund um Dich herum in den Himmelgeister Rheinbogen einschlugen. Noch nie traf Dich ein Blitz. Auch ein Brand in einer direkt neben Dir gelegenen Feldscheune am 23. November 1972 konnte Dir nichts anhaben, da die Himmelgeister Feuerwehr Deine Äste mit dem letzten Löschwasser löschten. Ich wünsche mir von Dir sehr, das eines Tages jemand schreibt und mitteilt, was am 23. November 1972 wirklich passiert ist.

Mit viel Glück wurdest Du dank unserer Aktion im April 2006 vor der Fällung gerettet. Gerade bei unserer Unterschriftenaktion erlebte ich, wie viele Menschen Dich lieben und verehren. Unser Freundeskreis Himmelgeister Kastanie gab sich sehr viel Mühe und hatte es sich zum Ziel gesetzt, Dich zu einem nahezu "heiligen" Baum zu machen, der von niemandem mehr angerührt werden sollte. Das war uns gelungen.

Abschied von der Himmelgeister Kastanie

Über die seit 2007 über 5500 zugestellten Briefe an Dich habe ich mich sehr gefreut. Die Briefe machten mich aber auch nachdenklich, traurig und sentimental. Meist kam der sympathische Postbote Ekrem Dönder zu Dir in den Rheinbogen geradelt und warf die Post in Deinen Briefkasten. Alle Briefe wurden von mir beantwortet. Kinder, welche Dir 2007 schrieben oder bei Benefizaktionen bei Dir waren, schreiben noch heute als Erwachsene an Dich (Anm. d. Red.: Die Briefzustellung durch die Deutsche Post wird auf Wunsch der Initiative der Himmelgeister Kastanie baldmöglichst eingestellt.).

2009 bekamst Du ein eigenes Lied "Stark wie ein Baum", welches auf CD für einen guten Zweck verkauft wurde. 2015 drehte die "Sendung mit der Maus" bei Dir und alles rund um Deine Geschichte als Baum kam in eine Zeitkapsel, welche nun für 100 Jahre im Kirchturm von St. Nikolaus versteckt ist. Im Sommer 2015 wurde ein Baby an Deinem Stamm vom Jüchtgrafen Ingo mit echtem Rheinwasser symbolisch getauft und vor einigen Jahren feierte ein Himmelgeister Brautpaar bei Dir ihre Hochzeit. Wir organisierten viele Aktionen für den guten Zweck, die Zeitungen und das Fernsehen berichteten über Dich. So wurdest Du zu einer Berühmtheit, die in jedem Stadtführer verzeichnet ist.

Jetzt bist Du gestorben. Niemals hätte ich gedacht, dass es plötzlich so schnell geht. Aber wir haben unsere gemeinsame, intensive Zeit stark genutzt und voneinander gelernt. Ich habe mit Dir jede Sekunde meines Lebens genossen. Schon als Kind war ich begeistert und fasziniert von Dir.

Die Kastanie wurde knapp 200 Jahre alt - was in dieser Zeit in Düsseldorf und der Welt geschehen ist, zeigt unser Zeitstrahl. FOTO: RP

Als mein Vater starb, warst Du für mich da, als meine Mutter starb, gabst Du mir Trost und als mein bester Freund Egon vor drei Jahren uns vorausging, fand ich bei Dir Halt. So ging es auch vielen anderen Menschen, die Dir schrieben. Jetzt schreibe ich Dir erstmals diesen Abschieds - und Dankesbrief.

Dein Schwesterbäumchen "Kastaniellchen", eine Infotafel, Jüchtgraf "Ingo" und der Briefkasten bleiben da.

Nächstes Jahr feiern wir leider ohne Dich ein rauschendes Fest zum zehnjährigen Bestehen des Freundeskreises. Das kleine Kastanienbäumchen bekommt dann eine zehnjährige Baumelfe zugestellt. Du hättest dabei Deinen Spaß.

Unser Freundeskreis der Himmelgeister Kastanie wird weiterhin die in den Briefkasten eingeworfenen Briefe beantworten und mit kreativen Benefizaktionen Akzente setzen. Das verspreche ich Dir.

Ich bin traurig und dankbar für alles, was ich mit Dir erleben durfte.

Du bist alt und tot und so wurde es Zeit zu gehen. So ist das Leben, und das ist völlig normal. Ich akzeptiere das schwermütig. Beim nächsten Sturm wärst Du komplett zusammengebrochen. So trocken und morsch war Dein Holz.

Aber etwas von Dir bleibt nachhaltig erhalten. Dein Baumgeist "Jüchtwind" lebt in einem Rest Deiner imposanten Baumhülle als Kunstdenkmal weiter. Eine große Ehre für Dich, eine große Freude für mich. So verwandelst Du Dich von einem Naturdenkmal zu einem Kunstdenkmal. Mein Idol Heinz Rühmann hat es mit dem Titel seines Buches 1982 nicht besser ausdrücken können: "Das war's".

"Das war's" auch für Dich. Ich werde Dich sehr vermissen und nie vergessen. Du warst ein einzigartiger, besonderer Baum. Das haben die Menschen gewusst und gespürt.

Dein Lieblingsmensch und Baumgeistsekretär Andreas

Quelle: RP
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