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War es versuchter Mord?
Hintergrund: Amok-Fahrt durch Pempelfort
Amok-Fahrt in Pempelfort
Amok-Fahrt in Pempelfort FOTO: AP
Düsseldorf (dto). Die Stadt stand im Juni 2002 unter Schock. An dem sonnigen Samstagmittag des 21. Juni saßen viele Menschen arglos in den Straßencafés rund um die Nordstraße. Um 14.14 Uhr setzte sich auf der Schwerinstraße ein feuerroter, über 200 PS starker Chevrolet Camaro in Bewegung. Am Steuer der betrunkene 64-jährige Besitzer eines Bistros. Das war der Beginn einer Amok-Fahrt durch Pempelfort, an deren Ende 14 Verletzte zu beklagen sind.

Ein siebenjähriges Mädchen war am Tag nach der Fahrt außer Lebensgefahr, der Gesundheitszustand eines 29-jährigen Mannes, der unter dem Chgevrolet mitgeschleift worden war hatte sich stabilisiert. Die Staatsanwaltschaft ging sehr schnell nach ersten Ermittlungen nicht mehr von einem Unfall aus, sondern von versuchtem Mord. Es wurde ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, gegen den Gastronomen Gerd F. eingeleitet. F. blieb selbst unverletzt. Einen Tag nach der Tat wurde gegen ihn Haftbefehl erlassen.

Für die Ermittler stellte sich der Vorgang folgendermaßen dar: Nachdem der Mann in sein Auto gestiegen war, gab er plötzlich Gas, nahm ein Paar Poller mit und fuhr quer über die Fahrbahn und dann mitten durch die Terrasse des Eiscafés Da Forno. Dort erfasste er ein siebenjähriges Mädchen und dessen Mutter. Ungebremst setzte der Sportwagen seihne Fahrt weiter in Richtung Nordstraße fort, rammte dabei ein paar Fahrräder und Motorräder und fuhr an der Ecke Nordstraße über die Außenterrasse des Café Florian. die dort sitzenden Gäste sprangen in Panik zur Seite. Nur ein 29-jähriger Fußgänger schaffte es nicht mehr. Er geriet unter das Auto und wurd noch 20 Meter mitgeschleift. Schließlich kam der Wagen wegen eines Achsenbruchs an der Parkstraße zum Stehen.

Der Unfallort im Stadtteil Pempelfort wurde am Samstag weiträumig abgesperrt. Sieben Krankenwagen, ein Löschzug der Feuerwehr sowie zahlreiche Streifenwagen waren im Einsatz. Ein Augenzeuge, der in einem der Straßencafés ein Eis essen wollte, berichtete später: "Mit einem Mal brauste der zehn Zentimeter neben uns durch diesen Zaun. Dann ging alles sehr schnell - er fuhr da lang, fuhr voll durch's 'Florian'. Ich hab' gesehen, wie die Leute da zur Seite gesprungen sind. Ich hab' mich gewundert, dass der nicht jede Menge Leichen hinterlassen hat."

"Er wollte wohl nur schnell seinen Wagen wegfahren", berichtete eine Kellnerin des Cafés über den Unglücksfahrer. "Unsere Tische waren voll besetzt. Das ist ein grauenhaftes Unglück." Auch der Koch des "Florian" an der Nordstraße stand sichtlich unter Schock. "Als ich das gehört habe, dachte ich, hier ist gerade eine Bombe eingeschlagen", sagte er.

War es versuchter Mord?

Staatsanwalt Uwe Kessel ging einen Tag nach der Amokfahrtnicht mehr von einem Verkehrsunfall aus, sondern von Mordversuch. "Der Tötungsvorsatz ist wegen des objektiven Ablaufs des Geschehens gegeben", argumentierte Kessel. Die Staatsanwaltschaft unterstellte dem 64-jährigen Fahrer des Sportwagens Heimtücke, da er den Tod von Cafébesuchern billigend in Kauf genommen habe. "Keiner hätte damit rechnen können, dass einem beim Besuch eines Cafés so etwas passieren könne." Weiterhin habe der Mann für seine Tat ein "gemeingefährliches Mittel" verwendet, nämlich sein Auto. Die Motivlage sei aber noch unklar. Allerdings habe der Mann in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt und seine mit 31 Jahren deutlich jüngere Lebensgefährtin habe sich jüngst von ihm getrennt.

Kurz vor der Amok-Fahrt soll es zwischen den Beiden zu einem Streit gekommen sein. Der 64-Jährige betreibt auf der Schwerinstraße ein kleines Bistro, das dem Vernehmen nach nicht so gut läuft. Nachdem er zunächst geschwiegen hatte, vertraute er sich in der Nacht zum Sonntag einem Beamten an, dem er von seinen finanziellen Schwierigkeiten und seinem drohenden Ruin erzählte. An seine Fahrt könne er sich aber nicht richtig erinnern, er habe aber noch versucht zu bremsen. "Das passt allerdings nicht so richtig zusammen", so Staatsanwalt Kessel am Sonntag. Wegen dieser Äußerungen sei der Mann dann aber vorläufig festgenommen worden, nachdem er zuvor rein juristisch lediglich in Polizeigewahrsam genommen worden war.

Als mögliches Motiv des 64-Jährigen nannte Kessel deshalb auch Verzweiflung über seinen finanziellen Ruin und die bevorstehende Trennung von seiner Lebensgefährtin. Der Mann wurde am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt. Kessel sieht in der Tat des Mannes einen vorsätzlichen, gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. "Der Mann hat gehandelt, als hätte er einen Unglücksfall herbeiführen wollen". Als Grund für die Haft sieht Kessel eine mögliche Fluchtgefahr des Gastronoms, da dieser mit einer erheblichen Strafe rechnen muss.

Der Bistro-Besitzer wollte sich außer gegenüber dem einen Ermittlungsbeamten nicht weiter äußern. Dazu haben ihm seine beiden Anwälte geraten.

Von Stefan Felten

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