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Kolumne Heimatreport
Hochkultur im Zooviertel

Düsseldorf. Beim Ortstermin auf der Achenbachstraße gerät man leicht in eine besondere Stimmung - Erinnerungen und Entdeckungen inklusive.

Der Name Achenbach ist etwas in Misskredit geraten, seit bekannt wurde, dass der Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach seinen Kunden Rechnungen ausgestellt hat, die um ein paar Millionen Euro zu hoch waren. Ich wollte etwas zur Ehrenrettung des Namens unternehmen und hatte die Achenbachstraße aufgesucht, gelegen im Stadtteil Düsseltal, wobei der ortsansässige Volksmund eher von Zooviertel spricht, was natürlich viel repräsentativer klingt. Der Name der Straße, die mit breiten Gehsteigen und teilweise feudalem Immobilienbestand ausgestattet ist, bezieht sich selbstredend nicht auf den Kunstberater, sondern auf die beiden Landschaftsmaler und Brüder Andreas und Oswald Achenbach, beide seit mehr als einem Jahrhundert tot und der Düsseldorfer Malerschule zugehörig. Außer der Achenbachstraße finden sich in dem Viertel die Goethestraße, die Schumannstraße oder auch die Humboldtstraße.

Man kann also festhalten, dass hier, im Umkreis der Achenbachstraße, an das Beste erinnert wird, wozu der Mensch, um nicht zu sagen die Zivilisation imstande ist, weshalb es gerade in diesen rauen Zeiten gut tut, sich in dem Viertel aufzuhalten und bewusst zu machen, dass das Gute, oder wenigstens die Erinnerung daran, überdauern kann. Weil die Straßennamen auf so viel Hochkultur verweisen, war ich nicht erstaunt, in dem Bücherschrank, der auf dem nahen Schillerplatz vor dem Kiosk steht, nicht nur die üblichen Konsalik-Simmel-Easy-Reading-Bestseller zu entdecken, sondern zum Beispiel das dünne Buch "Ufer der Verlorenen" von Joseph Brodsky, geboren 1940 in St. Petersburg, gestorben 1996 in New York. Eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden, meine ich. Obwohl ich es seit Langem besitze, steckte ich das Buch ein, in der Überzeugung, dass es eins meiner Lieblingsbücher ist, also irgendwie mir gehört.

Die Stadt Düsseldorf wirbt für Düsseltal mit den Worten: "Insgesamt ein gut durchgrünter Stadtteil. Dank seiner Parks und der schönen Alleen, an denen sich alte Mietshäuser und ansehnliche Villen finden, zählt Düsseltal zu den bevorzugten Wohnadressen der Stadt." Letzteres trifft besonders auf die Achenbachstraße zu, wo ich vor vielen Jahren gewohnt habe. Ich erinnere mich an den Vermieter, einen seriösen, weißhaarigen Herrn, wie er, als ich ihn zur Vertragsunterzeichnung in meiner künftigen Wohnung traf, mit wehendem Mantel die Flügeltüren im Wohnzimmer aufstieß, auf das Parkett deutete und den Erker, und wie er stolz und mit ausgebreiteten Armen sagte: "Jetzt haben Sie eine repräsentative Wohnung!"

Eineinhalb Jahre wohnte ich an der Achenbachstraße, meine repräsentativste Zeit, und jetzt stand ich vor dem Kiosk, Brodsky in der Hand, und blickte nach gegenüber, auf meine frühere Wohnung, die aussah, als stünde sie leer, und so wirkte auch der Rest des Hauses. Die Hausnummer verrutscht, der Vorgarten voller Laub, Müllbeutel lagen offen herum. Das ganze mächtige Gebäude - verlassen, verloren, abgewirtschaftet wie Helge Achenbach. Und das mitten in einem Viertel, das ich als Fest der großbürgerlichen Lebensart in Erinnerung hatte. "Wissen Sie, was mit dem Haus los ist?", fragte ich den Kioskverkäufer, der von seinem Platz aus direkt auf das Haus guckte. "Steht leer, schon seit Monaten", sagte er. Ich: "Aber wie kann das sein? Das ist 1-A-Lage. Super repräsentativ." Er: "Jeder fragt mich nach dem Haus. Aber tut mir leid, ich weiß nicht, was damit ist."

So ist das mit dem Leben, das man früher hatte, es ist tot. Rückblickend habe ich in dem Haus, offen gesagt, nur halb gern gewohnt - ich glaube, es war mir zu repräsentativ -, dennoch ist es schade, zu sehen, wie etwas, das einem eine Zeitlang wichtig gewesen war, und sei es etwas so Gefühlloses wie ein Haus, so offensichtlich auf den Hund kommt.

Ach, die Achenbachstraße! In leicht nostalgischer Stimmung spazierte ich sie entlang, fragte eine Dame, die mir entgegenkam, ob das Viertel unverändert teuer sei oder inzwischen vielleicht nur noch halb teuer, woraufhin sie, nach kurzem Nachdenken, präzise erwiderte: "Etwas mehr als halb teuer." Und kurz darauf dann traf ich Alexander Romanov. In meiner Zeit als Achenbachstraßenbewohner hatte ich ein ambivalentes Verhältnis zu den Nachbarn.

In Erinnerung ist mir vor allem das Bild einer gepflegten älteren Dame, Typ Bankdirektorgattin, die ihr Hündchen Gassi führte und es ungerührt geschehen ließ, dass es sein Geschäft in fremden Vorgärten verrichtete. Unsympathisch auch der damalige Kioskverkäufer, der Kinder, die bei ihm kauften, von oben herab behandelte und maßregelte. Jetzt aber zu Alexander Romanov, geboren in Moskau, seit 18 Jahren in Düsseldorf beheimatet, und zwar in dem Haus mit der Adresse Achenbachstraße 17. Aber was sage ich Haus - es handelt sich um die 1907 erbaute "Villa Achenbach", ein Viersterne-Hotel, das Romanov mit seiner Frau Maja führt und in dem das Paar auch wohnt.

In Joggingschuhen und mit Bascecap stand er vor der offenen Hotelgarage und rümpelte irgendetwas aus, und weil er so nett wirkte, sprach ich ihn an - dass er Chef des Hotels war, wusste ich da noch nicht. Romanow, mittelgroß, schlank, braune Hornbrille, spendierte mir spontan eine Führung durch die Jugendstil-Villa, die prachtvoll weihnachtlich geschmückt war, meterlange Lichterketten funkelten an den Treppengeländern. Die Villa strahlte eine solche Wärme und Behaglichkeit aus, dass ich am liebsten gleich ein "Deluxe-Zimmer" gemietet hätte, um mich auf dem Himmelbett solange in die Welt der Achenbachbrüder und die Welt von Schumann, Humboldt und Goethe zu träumen, bis für immer Frieden auf der Welt war. "Von Moskau nach Düsseldorf, wie geht so etwas?", fragte ich Romanov. "Das fragen viele", sagte er. Die Antwort sei einfach: "Düsseldorf ist klein, gemütlich, reich und nett. Mehr geht nicht." Romanov sagte das mit einem so bescheidenen Lächeln, dass mein Glaube an die Achenbachstraße und das Beste im Menschen augenblicklich wiederhergestellt war.

Und als hätte der Hotelbesuch die besseren Eigenschaften in mir freigelegt, lief ich anschließend zu dem offenen Bücherschrank am Schillerplatz und schob Joseph Brodskys Ufer der Verlorenen wieder hinein. Ich habe es ja schon. Und jemand anders hat es noch nicht und steht nun möglicherweise kurz davor, das wichtigste Buch in den Händen zu halten, dass sie oder er jemals gelesen haben wird. Es findet sich übrigens in einem der unteren Regalfächer, zwischen "Ewige Nacht" von Ilkka Remes und "Exodus" von Leon Uris.

Quelle: RP
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