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Kunst
Hydranten – Die Nebendarsteller

Hydranten - Die Nebendarsteller
Hydranten - Die Nebendarsteller FOTO: Carolin Thummes
Düsseldorf. Sie sind allgegenwärtig, doch niemand beachtet sie: Hydranten stehen in Fußgängerzonen, auf öffentlichen Plätzen und Einkaufsstraßen. Die Düsseldorfer Fotografin Carolin Thummes hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht. Von Ulli Tückmantel

Maximal einmal im Jahr schaffen es Hydranten in die Nachrichten. Wenn der New Yorker Sommer richtig heiß wird, liefern die Agenturen Bilder aus Brooklyn oder der Bronx, auf denen Anwohner den Hydrant aufdrehen, um sich, ihre Straße und ihr Auto einmal abzukühlen.

Ansonsten interessiert sich kein Mensch für Hydranten, auch Carolin Thummes nicht. Die Zugriffstellen auf die öffentliche Wasserversorgung sind einfach da. Vielleicht fielen sie der Fotografin vor 20 Jahren in München vor allem deshalb auf, weil es in ihrer Heimatstadt Düsseldorf keine gibt. Zumindest keine überirdischen.

Denn NRW hat seine Hydranten unter die Erde verbannt. Bei uns weisen rot umrandete Tafeln mit geheimnisvollen Zahlen-Codes der Feuerwehr, den Organisatoren von Straßenfesten und städtischen Gärtnern den Weg zu unterirdischen Wasserhähnen. In München wie den meisten Metropolen weltweit ist das anders.

Ihren ersten oberirdischen Hydranten hat die Fotografin bis heute nicht vergessen: "Unauffälliges Mittelgrau, stämmige Figur, tonnenartiger Aufsatz auf geradem Fuß, klassische altdeutsche Pickelhaube als krönender Abschluss. Ein roter, blasser Streifen ziert seinen Rumpf, Rost und Dreck kleiden ihn", beschreibt Thummes den Nebendarsteller der städtischen Infrastruktur: "Er fügt sich nahtlos in seine Umgebung, breiter Pflasterstein, graue Hauswand, durchbrochen von Fenstereinbuchtungen, ursprünglich weiße Rahmen, teils trübes Glas, durch das vielleicht hin und wieder jemand herausschaut oder auch nicht, militärgrüner Laternenmast, dunkelbrauner Zigarettenautomat, nicht befüllt. Kein Mensch weit und breit, kein Auto, kein Baum, Stille, Sonntagstristesse. Mittendrin, verwurzelt im Gehsteig, unverrückbar, er, der dieser Landschaft ein anderes Grau spendet, ihr einen Hauch Poesie schenkt."

Ist der Nebendarsteller, dessen Funktionsweise die europäischen Normen DIN EN 14339 und 14384 regeln, einmal in den Focus geräten, sie man ihn plötzlich überall. " Zu Tausenden ragen sie empor, in jedem Land in eigenem Gewand und mit spezifischem Aufdruck. Jeder von ihnen besticht durch seinen ganz persönlichen Charme", so die Thummes: "An finsteren Ecken, in prachtvollen Einkaufsstraßen, mitten auf der Wiese, zwischen Stühlen und Tischen auf der Caféterrasse, im Kamera-sucher vor der imposanten Sehenswürdigkeit – überall auf der Welt fristet ein scheinbar überflüssiges Relikt sein Dasein."

Hat man ihn einmal bewusst wahrgenommen, taucht er plötzlich überall auf. Wohin Thummes auch reist – der Hydrant ist immer schon da. Carolin Thummes drückt auf den Auslöser, seit 20 Jahren. In New York sieht er aus wie ein Passant, der auf seinen Augenblick wartet. Man weiß nicht so genau, ob er gleich einen Bombe zündet oder einfach nichts geschieht.

In Wien darf er die Nationalfarben tragen. In China erinnert er an einen Verkehrspolizisten, der jungen Frauen die Straße freimacht. Es gibt Städte, in denen sieht man ihn überhaupt erst auf den dritten Blick. Vielleicht ist das sein Trick. Anfang des Jahres zeigte Düsseldorferin eine Auswahl ihrer Fotos in einer Wiener Galerie. Sie fand, es war Zeit, dem Nebendarsteller für ein paar Wochen eine Hauptrolle zuzuweisen.

Längst beschreibt die Fotografin den Hydranten wie einen alten Bekannten. Er sei "einer, den niemand wahrnimmt, der allzu gerne übersehen wird. Einer, der der Zeit trotzt, der immer schon da war, ab und zu gewartet, im Laufe der Jahrzehnte in neuem Gewand präsentiert, einer, der einfach nur dazugehört, einer, dem kaum jemand Aufmerksamkeit widmet. Doch schwingt mit ihm ein zarter Zauber, eine Magie, die sich dem erschließt, der ihn beachtet und würdigt.", so Carolin Thummes.

München, Shanghai, Budapest, New York, Kopenhagen, Zürich – fast überall, wo Carolin Thummes in den vergangenen 20 Jahren hinkam, traf sie auch auf ihn. "In meinen Fotos möchte ich ergründen, wie ein unscheinbares metallisches Wesen, ein Nebendarsteller, seine Umgebung zu verwandeln vermag", so Carolin Thummes.

(anch/das/jco)
 
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