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Düsseldorf
"Ich bin nicht die Richterin"

Düsseldorf: "Ich bin nicht die Richterin"
Pfarrerin Brigitte Keuer sagt: "Mir ist sehr wichtig, dass mein Gegenüber das Tempo bestimmt." FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Brigitte Keuer ist seit fünf Jahren Seelsorgerin im Gefängnis. Bei ihr können sich Insassen öffnen, ohne dass ein Dritter vom Inhalt erfährt. Warum tut man sich das an? Ein Gespräch über Reden, Zuhören und den Wert der Freiheit. Von Ludwig Krause

Was treibt einen Menschen an, sich jede Woche freiwillig hinter Gitter zu begeben? Sich unter Sexualstraftätern und Mördern zu bewegen? "Freiheit ist mir einfach sehr wichtig", sagt Brigitte Keuer. Die 54-Jährige ist Pfarrerin, seit knapp fünf Jahren als evangelische Seelsorgerin an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Düsseldorf tätig. "Mich hat schon früh umgetrieben, wie es ein Mensch aushalten kann, der Freiheit beraubt zu werden", sagt sie. Das zieht Keuer schon im Studium ins Gefängnis, mit 23 Jahren absolviert sie dort ein Praktikum. "Ich habe mich dazu entschieden, weil viele bei dem Thema auf Distanz gehen", sagt sie.

Ihre Arbeit als Pfarrerin beginnt aber außerhalb der Gefängnismauern. Erst im Saarland, dann in Neuss. "Ich bin froh, dass ich die Erfahrungen in der Arbeit mit einer Gemeinde sammeln konnte", sagt sie. Und trotzdem: Als sie sich dazu entscheidet, ein neues Kapitel im Berufsleben aufzuschlagen, und das Stellenangebot für Düsseldorf sieht, muss sie nicht lange zögern. Ob ihr die Arbeit hinter Gittern Spaß macht? "Zuweilen ja, aber nicht immer", sagt Keuer. "Einen Familiengottesdienst finde ich immer spannend."

Ansonsten haben die Inhaftierten vor allem eines: Redebedarf. "Die Menschen wollen einfach mal mit jemandem sprechen, ohne dass alles dokumentiert wird", sagt Keuer. Schon der Antrag auf ein Gespräch bei ihr oder einer ihrer Kollegen unterscheidet sich grundsätzlich vom üblichen Verfahren. Es ist der einzige Termin, für den kein Grund vermerkt sein muss. Trotzdem kann die 54-Jährige anhand der Unterlagen sehen, weswegen ihr Gegenüber im Gefängnis sitzen muss. "Ich mache das aber nicht", sagt sie. Trifft Keuer das erste Mal auf einen Häftling, weiß sie also kaum etwas über ihn. "Ich bin nicht hier, um zu urteilen", sagt sie. Eines schaut sie dann aber doch nach: Ob für den Inhaftierten ein Warnhinweis vermerkt ist. Manche Häftlinge sind bekannt dafür, Angestellte angegriffen zu haben.

Das Schlüsselerlebnis hat die Pfarrerin noch in ihrer Zeit während des Praktikums. Ein Sexualstraftäter sucht gezielt das Gespräch mit ihr, einer Frau, um darüber nachzudenken, was er verbrochen hat. Aus dem tiefen Wunsch heraus, die eigene Tat im Dialog aufzuarbeiten. Wie die Gespräche verlaufen, kann man vorher nicht wissen. Bei vielen Insassen arbeitet in der Zelle das "Kopfkino", wie Keuer es nennt. Sie fragen sich, ob die Freundin auch während der Haft zu ihnen steht, was aus den Eltern wird. Manche suchen einen Weg, die Zeit zu überstehen, oder sie wollen lernen, mit Aggressionen besser umzugehen. Es gibt Gespräche über Schuld und solche über Scham. Gerade, wenn es um Sexualstraftaten geht, ist das nicht immer leicht. "Aber ich bin nicht die Richterin, sondern eine Begleitung." Das kann ebenso konfrontativ geschehen. "Manchmal bedeutet Seelsorge aber auch, einfach mal zuzuhören", sagt sie.

Mittlerweile bekommt Keuer schon beim Erstgespräch ein Gefühl für ihren Gesprächspartner. "Manche wollen nur Zigaretten oder mal telefonieren, da ist die Sache ganz schnell raus", sagt sie. Bei anderen werde aber deutlich, dass weitere Gespräche folgen sollten. "Mir ist sehr wichtig, dass mein Gegenüber das Tempo bestimmt", sagt sie.

Wird bei ihr eher gelacht oder geweint? Die Seelsorgerin überlegt kurz. "Ich lade dazu ein, bei mir zu weinen." Das sei für die Gefangenen außerhalb ihres Büros schließlich nur selten möglich. Aber, fügt sie an: "Ich habe natürlich auch nichts dagegen, mal kräftig zu lachen."

Quelle: RP
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