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Serie So Wohnt Düsseldorf
"Ich kann mich an unseren Zorn erinnern"

Serie So Wohnt Düsseldorf: "Ich kann mich an unseren Zorn erinnern"
Heidi Weisser-Klippel und ihr Mann Karl-Heinz Klippel zogen 1970 in das Haus Berger Allee 3. Sie gründeten die Initiative "Rettet unsere Stadt jetzt". FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Vor 40 Jahren sollten Jugendstilhäuser an der Berger Allee abgerissen werden. Ein Paar verhinderte mit einer Bürgerinitiative das Schlimmste. Von Ute Rasch

Um diese Häuser wurde erbittert gestritten und gekämpft. Heute stehen sie da in blassgelber, silbergrauer und zartrosa Pracht - und es lässt sich mit dem Abstand der Jahre nicht mehr nachvollziehen, dass sie mal verschwinden sollten. Und dass ihre Nachbarn trotz aller Proteste tatsächlich abgerissen wurden. Aber diese fünf Jugendstilhäuser an der Berger Allee, mit Blick auf das Stadtmuseum, sind erhalten geblieben. Alle zusammen ein denkmal-schönes Ensemble, jedes Gebäude für sich ein Ausrufezeichen aus Stein, zur Erinnerung daran, was Bürgerzorn erreichen kann.

Wo heute das Bistro Zicke mit seinen immer gleichen Künstlerplakaten an den Wänden dem schnellen Wechsel trotzt, war früher mal ein Lebensmittelladen. "Der Besitzer gehörte zu den Zeitgenossen, die die Polizei rufen, wenn einer mal falsch parkt", erinnert sich Heidi Weisser-Klippel. Sie war damals, vor genau 45 Jahren, gerade mit ihrem Mann Karl-Heinz Klippel in die Berger Allee Nummer 3 gezogen. Viele ihrer einstigen Nachbarn sind längst gestorben oder weggezogen. Sie aber sind geblieben an diesem Ort, der ihren Widerstand markiert.

Zurück in die 1970er Jahre: Das Paar war jung, arbeitete als Grafik-Designer, der gemeinsame Sohn war gerade geboren. Da wurde bekannt, dass der Mannesmannkonzern neben seinem Hochhaus einen Erweiterungsbau an der Berger Allee hochziehen wollte. Erste Häuser der Jugendstil-Reihe hatte er bereits erworben und verfolgte nun den kompletten Abriss. Diese Pläne setzten eine beispiellose Protestwelle in Gang, an der sich Politiker sowie Prominente wie Loriot, Peter Zadek und Günther Grass beteiligten. Und die Düsseldorfer Presse: Allein von März bis Dezember 1993 waren in den Zeitungen 220 Artikel, Kommentare und Leserbriefe erschienen. In erster Reihe: Das Ehepaar Weisser-Klippel, das die Bürgerinitiative "Rettet unsere Stadt jetzt" gründete: "Ich kann mich gut an unseren Zorn erinnern, wir wollten das nicht einfach so hinnehmen."

Zu den Mitstreitern von einst gehörte auch der damalige SPD-Fraktionschef Klaus Bungert, der spätere Oberbürgermeister. Von ihm stammt das Zitat: "Wir stehen an der Schwelle des Unglücks." Unzählige Diskussionen und Aktionen folgten, mal hingen schwarze Fahnen aus den Fenstern, mal stiegen weiße Luftballons in den Himmel. In den Zeitungen wurden Todesanzeigen für die Berger Allee geschaltet, im Rathaus folgte Debatte auf Debatte.

Auch die Eigentümerin des Hauses mit der Nummer 3, in dem das Ehepaar Weisser-Klippel seine Wohnung gemietet hatte, erhielt wie ihre Nachbarn regelmäßig Besuch von Mannesmann: Ob sie denn nicht doch verkaufen wolle? Aber sie blieb standhaft. Schließlich - nach sieben Jahren erbitterter Auseinandersetzungen - einigte sich die Stadt mit dem Konzern auf das, was man einen Kompromiss nannte: Fünf Häuser blieben erhalten, fünf wurden abgerissen, darunter eine der wenigen erhaltenen Stadtvillen aus Naturstein, erbaut um 1907. Daran änderten auch die 11.668 Unterschriften, die die Bürgerinitiative gesammelt hatte, nichts mehr. Schließlich rückten im November 1979 - während einer Pressekonferenz über die Mannesmann-Pläne - die Bagger an, kurz darauf waren die fünf Häuser nur noch Trümmer. Ein Denkmalschutz-Gesetz des Landes existierte damals noch nicht, der Landeskonservator hatte dem Abriss schließlich zugestimmt.

Wenn Heidi Weisser-Klippel heute vom Balkon ihrer Wohnung auf den Spee'schen Graben schaut, dann blickt sie auch auf ihre kämpferische Vergangenheit. Ihre Wohnung hat in den vergangenen 45 Jahren manchen Wandel erfahren, war lange Zeit auch Sitz des gemeinsamen Ateliers. Heute ist sie mit ihren 160 Quadratmetern, den fünf Räumen und der geräumigen Küche, in der man spürt, dass dort viel und gern gekocht wird, vielleicht ein bisschen groß für das Paar. Aber sie bietet eben auch reichlich Platz für die vielen Erinnerungsstücke und die Kunst, die beide ihr Leben lang geschaffen haben. Und für das umfassende Archiv der einstigen Bürgerinitiative. "Wir haben alle Unterlagen und jeden Zeitungsartikel von damals aufgehoben." Es sei mal eine Ausstellung im Stadtmuseum geplant gewesen, die dann doch nicht zustande kam: "Wir könnten sie immer noch bestücken."

Quelle: RP
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