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Serie Düsseldorfer Geschichten
"Ich schaffe das"

Serie Düsseldorfer Geschichten: "Ich schaffe das"
Seit 16 Jahren sitzt Christopher Görs im Rollstuhl. Er musste erst lernen, Hilfe von Fremden anzunehmen. FOTO: andreas bretz
Düsseldorf. Für Menschen im Rollstuhl - nach Schätzungen sind das einige Tausend in Düsseldorf - ist das Leben voller Hindernisse. Drei von ihnen berichten von ihrem Alltag, den Herausforderungen und dem Ringen um Selbstständigkeit. Von Ute Rasch

Neulich war wieder so ein Moment. Als ihn die nette Supermarktkassiererin fragte, ob sie ihm helfen könne, da hat er einfach "ja gern" gesagt und ließ sich seine Einkäufe einpacken und die Tüten an die Griffe seines Rollstuhls hängen. Es hat Jahre gedauert, bis er soweit war. "Hilfe anzunehmen, ist mir lange Zeit schwergefallen", sagt Christopher Görs. Kein Wunder. Schließlich ist eigenständig zu leben, Ansporn und Anspruch zugleich. Oder wie er das formuliert: "Selbstständigkeit ist mein Lebensmotto."

Es gibt eine Zeit davor. Und eine Zeit danach. Vor dem Unfall war Christopher Görs ein junger Mann von 20 Jahren, der sich gerade auf seinen ersten Job vorbereitete, der eine Freundin hatte, gern ausging. Auf einer privaten Feier vor 16 Jahren ist es dann passiert: Er stürzte vom Balkon sechs Meter tief. Der Grund wurde nie geklärt, und ihm selbst fehlt jede Erinnerung daran. "Spielt heute auch keine Rolle mehr."

"Der Informationsfluss funktioniert in Düsseldorf besser als in anderen Städten", findet Helge Hahn, der hier mit seinem Handbike am Rhein unterwegs. FOTO: NatKo

Als er nach Monaten aus dem Koma erwachte, war die Diagnose ein Schock: Bruch der Wirbelsäule in Brusthöhe, Querschnittslähmung. "Ich habe mich erst geweigert zu begreifen, dass mein Körper kaputt ist." Aber dann kam ein Tag, er hatte gerade von seinem Klinikbett aus die "Simpsons" im Fernsehen gesehen, da bekam er seinen ersten Rollstuhl. "Ich konnte mich wieder bewegen, das war wie ein Befreiungsschlag." Und der Beginn seines zweiten Lebens.

Heute ist er 36 Jahre alt und lebt allein in einer Hochparterre-Wohnung in Flingern. Seine Eltern wohnen um die Ecke, somit ist ihre liebevolle Unterstützung immer nah. Außerdem fördern Hilfsmittel seine Eigenständigkeit: Die Haustür wird per Fernbedienung geöffnet, die paar Stufen zu seiner Wohnungstür lassen sich im Plattform-Lift überbrücken. Sein Spezialbett hat sein Großvater gebaut - mit einem Regal für sein Keyboard, an dem er gern improvisiert. In der Dusche steht ein zweiter, wasserdichter Rollstuhl, Föhn und Haarbürste hängen leicht erreichbar an der Wand. Funktionalität, die seinen Bedürfnissen angepasst ist.

"Ich bin noch immer kreativ." Thea K. würde anderen Menschen gern das Nähen beibringen - und mal wieder ihre Wohnung verlassen. FOTO: anne orthen

"Wollen Sie einen Kaffee?", hatte er zur Begrüßung gefragt und war dann mit kraftvollen Armstößen voran gerollt zu seiner Küchenzeile, auch hier ist alles nah beieinander und klug durchdacht. Wenn er heute an den Unfall zurückdenkt, dann findet er: "Es hätte noch schlimmer kommen können." Denn immerhin könne er seine Arme bewegen. So war es möglich, dass er nach dem Unfall mehrere Ausbildungen abschließen konnte, zum Mediengestalter, IT-Berater und IT-Administrator. Während eines Volontariats beim WDR betreute er als Grafiker Live-Sendungen und entwickelte ein Advents-Spiel. "Eine spannende Zeit", doch trotz intensiver Unterstützung einiger Redakteure wurde daraus keine Festanstellung. "Es hieß, man müsse sparen."

Einen Job zu finden, bezeichnet Christopher Görs als seinen größten Wunsch. Und als größte Herausforderung. Denn auch seine Zeit als Redakteur bei einer süddeutschen Stiftung für Rollstuhlfahrer endete letztlich mit einer Enttäuschung: Er wurde wieder nicht in eine Daueranstellung übernommen. Seitdem hat sich Christopher Görs unzählige Male beworben. Immer vergeblich. "So viel zum Thema Integration." Am liebsten würde er an der Produktion von Videos oder Werbeclips für TV und Kino mitwirken. Die Wartezeit überbrückt er nun mit anderen Projekten: Zurzeit entwickelt er eine eigene Webseite mit dem Titel "How to Rolli". In Video-Clips zeigt er da anderen Rollstuhlfahrern, wie sich die Hindernisse des Alltags überwinden lassen.

Mit Stolperkanten kennt er sich aus, "sie sind überall". Ob vor Geschäften oder an seiner Straßenbahnhaltestelle in Flingern - der Einstieg ist dort unerreichbar hoch für ihn. "Ich muss zur nächsten Haltestelle fahren, da ist ein Hochbahnsteig." Neulich sei er mit seinem Vater in Frankfurt gewesen, dort wollten sie sich den berühmten Palmengarten anschauen, "aber erst mal musste ich endlos recherchieren, ob das für mich überhaupt möglich ist". Seiner Heimatstadt stellt er bessere Noten aus. Die Hilfsangebote wie kostenlose Fahrmarken für Taxis und der Informationsfluss seien hier für Rollstuhlfahrer deutlich besser als in anderen Städten.

Tatsächlich gibt das Amt für soziale Sicherung seit 2010 einen ständig aktualisierten "Wegweiser für Menschen mit Behinderung" heraus, ein 150-Seiten-Werk mit Kontaktadressen und Informationen. Hilfreich für Rollstuhlfahrer dürfte außerdem die Broschüre "Düsseldorf barrierefrei erleben" sein. Geeignete Toiletten lassen sich darin ebenso finden wie Geschäfte, Kulturinstitute, Sehenswürdigkeiten ohne Stolperkanten - das passende Foto dazu zeigt einen Rollstuhlfahrer an einem der Aussichtsfenster des Rheinturms.

Der Mann auf dem Foto ist Helge Hahn (53), der sich selbst als "aktiven Rollifahrer" bezeichnet. Mit seinem Handbike ist er gern am Rhein unterwegs, mit seinem Auto in der Stadt oder auf Reisen, erst neulich ist er von einem Urlaub am Comer See zurückgekehrt. Er hat verschiedene Jobs, in einer Autowerkstatt erledigt er den "Organisationskram", außerdem ist er Mitglied des Beirats für Behinderte. Dessen "Runde Tische" sind beratende Gremien, die unter anderem bei Verkehrs- und Bauprojekten gehört werden.

Da gilt es manchmal auch, zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen mit Behinderung zu vermitteln: Rollstuhlfahrer stolpern über Kanten, Blinde fordern sie geradezu, weil sie ihnen als Orientierungshilfe für ihren Stock dienen. Helge Hahn: "Aber mit Bordsteinkanten von geringer Höhe kommen wir alle klar." So wird Kompromiss buchstabiert. Der Beirat und seine "Runden Tische" wollen auch Überzeugungsarbeit leisten. "Manche Fahrstühle in Gebäuden sind nur über Stufen zu erreichen - und dadurch sinnlos", so Helge Hahn. Angehende Architekten würden im Studium über diese Themen viel zu wenig erfahren. Wenn aber zu wenig barrierefreie Wohnungen gebaut werden, dann sei es hinterher oft viel teurer nachzurüsten. Das gilt beispielsweise auch für die Düsseldorfer Schulen. "Sind die nicht barrierefrei, muss eventuell ein Integrationshelfer für ein Kind im Rollstuhl bezahlt werden, der kann dann leicht 2500 Euro im Monat kosten", bringt Charlotte Heggen vom Amt für soziale Sicherung und Integration, das Problem auf den Punkt.

Vor einigen Jahren hätte sich Thea K., die ihren vollen Namen nicht nennen will, über Stolperkanten und unüberwindbare Treppen kaum Gedanken gemacht. Dann aber erkrankte die heute 85-Jährige an einem Nervenleiden in den Beinen, ohne ihren Rollstuhl kann sie sich mittlerweile nicht mehr fortbewegen. "Das bedeutet für mich, dass ich die Wohnung nicht mehr verlassen kann, denn im Haus gibt's keinen Lift." So rückt selbst das Lieblingsbrot vom Bäcker in unerreichbare Ferne. Wäre da nicht eine "mitfühlende Seele" aus der Nachbarschaft, die für sie gelegentlich einkaufen geht, "ich wüsste gar nicht, wie ich das schaffen sollte". Dabei sei sie ein kreativer Mensch, "ich hab' immer noch den Kopf voller Ideen", sagt Thea K., die frühere Schneiderin.

Die Ergebnisse sind überall in der Wohnung zu sehen: selbstgenähte Kinderkleider, Handtaschen aus feinen Gobelins, Strandbeutel mit fröhlichen Mustern. Geblieben ist ihr ein Haufen Stoffreste, sie zieht ein grünes Lederstück heraus und einen lila Samt: "Da ließe sich doch was draus machen." Vielleicht mit anderen Menschen? Thea K. würde gern anderen das Nähen beibringen und sie mit ihren Ideen inspirieren.

Außerdem will sie nun endlich umziehen. "Ich brauche dringend eine Wohnung mit Lift." Trotz erster Erfahrungen mit Vermietern habe sie ihren Optimismus nicht verloren: "Einer hat mich gefragt, wie alt ich denn sei. Und meinte dann, er würde mir die Wohnung nicht geben, ich hätte vielleicht Alzheimer und würde vergessen, den Herd auszuschalten." Nun hat sich bei Thea K. Besuch vom Sozialdienst der Stadt angekündigt. Gemeinsam will man überlegen, wie ihr zu helfen ist: Betreutes Wohnen, Haushaltshilfe, die für sie einkaufen geht und eventuell kocht, Fahrdienst? "Der würde sie zur Not auch die Treppe runter tragen", versichert Charlotte Heggen. Viele Hilfen sind möglich.

"Man muss nur wissen, dass es sie gibt", meint Christopher Görs aus Flingern. Er hat trotz seiner Einschränkungen auf eigene Kosten einen Führerschein gemacht. Nun leiht er sich manchmal bei einem Autovermieter einen speziell umgerüsteten Wagen - auch ein Stück Selbstständigkeit. Offenbar hat er sich in seinem Leben ganz gut eingerichtet, oder wie er das nennt in seinem "Projekt Querschnitt". Auch wenn Freunde nach dem Unfall rar geworden sind und manche Menschen ihn behandeln, "als hätte ich eine ansteckende Krankheit". Wovon träumt er? Pause. Dann ein Lächeln. "Ich würde gern einer Frau begegnen, mit der ich das Leben teilen könnte." Vielleicht hilft ihm dabei ja sein tägliches Mantra. Es lautet: "Ich schaffe das!"

Quelle: RP
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