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Serie Wohnen in Düsseldorf
"Ich will in meinem Viertel bleiben"

Serie Wohnen in Düsseldorf: "Ich will in meinem Viertel bleiben"
Waltraud Gottschau hat eine der begehrten Seniorenwohnungen in Wersten bekommen. Die Warteliste im Wohnungsamt ist lang. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Lange Wartelisten, viele Anfragen: In Düsseldorf sind Seniorenwohnungen knapp. Bald wird in Wersten eine kleine Anlage fertig. Von Ute Rasch

Der Maler klebt gerade die Raufasertapete in ihrem künftigen Schlafzimmer. Waltraud Gottschau überprüft, ob die Steckdosen an der richtigen Stelle sitzen und richtet in Gedanken schon mal ein. Die 83-Jährige plant zurzeit ihre Zukunft - in einer neuen Wohnung. "Weihnachten werde ich hier leben", sagt sie und rätselt noch, wo sie ihre Gäste unterbringen soll. Denn ihr künftiges Domizil ist nicht mal halb so groß wie ihr bisheriges. Viele Düsseldorfer würden trotzdem gern mit ihr tauschen: Im Wohnungsamt liegen lange Wartelisten von Interessenten, die auf eine der raren Seniorenwohnungen warten.

Reinhild Schneider, Diakonin der Evangelischen Kirchengemeinde in Wersten, kennt den Mangel aus ihrer täglichen Arbeit: "Es gibt einfach viel zu wenig Wohnungen, die für alte Menschen geeignet sind." Wohnungen mit Lift und der Möglichkeit, einen Rollator unterzubringen - und vor allem ohne Stolperkanten, vor allem im Bad.

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"Viele alte Menschen können keine Treppen mehr gehen, sie kommen deshalb weder vor die Tür noch zueinander - das macht einsam", so Reinhild Schneider. Und während sie noch über das Problem nachdachte, schaute sie auf ein leerstehendes Grundstück gegenüber der Kirche. So keimte eine Idee...

Das Grundstück gehört der Stadt, das vereinfachte das Verfahren. Ein Investor, der eine kleine Anlage mit 13 Seniorenwohnungen bauen wollte, war ebenfalls bald gefunden. Trotzdem sollten Jahre vergehen, bis an der Wiesdorfer Straße Richtfest gefeiert wurde. Die Architektin Nicole Neumüller erinnert sich: "Der Boden war mit Altlasten kontaminiert, die Nachbargebäude mussten abgesichert werden." Und dann war da noch die Sache mit der "Stellplatzverordnung." Die soll zwar jetzt geändert werden, aber bisher war vorgesehen, dass für jede Wohnung, die in Düsseldorf gebaut wird, ein Tiefgaragenplatz fürs Auto gleich mitgeplant werden muss. Von den Senioren, die an der Wiesdorfer Straße einziehen wollen, hat lediglich einer ein Auto. "Es wurde lange diskutiert", so die Architektin.

Schließlich einigte man sich darauf, statt der ursprünglich geforderten 13 Plätze noch neun zu bauen. Waltraud Gottschau wird davon jedenfalls keinen nutzen. Wenn sie im Dezember umzieht, werden nicht mal die Möbelpacker fahren müssen, denn bisher wohnte sie im Nachbarhaus - 47 Jahre lang in einer Wohnung mit 106 Quadratmetern. "Aber von meiner großen Familie bin nur noch ich übrig, ich brauche nicht mehr so viel Platz." Wie viele Menschen in ihrem Alter.

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Laut Wohnungsamt existieren nur 1800 öffentlich geförderte Seniorenwohnungen in Düsseldorf. Wirklich aussagekräftig ist diese Zahl aber nicht, denn seit 1998 müssen alle neu gebauten (öffentlich geförderten) Wohnungen barrierefrei und somit auch für alte Menschen geeignet sein. Seit diesem Zeitpunkt werden Seniorenwohnungen nicht mehr speziell gefördert. Aber dass der Bedarf viel größer als der Bestand ist, bezweifelt niemand. Hartmut Mühlen, Mitglied des Seniorenbeirats: "Wir gehen davon aus, dass nur fünf Prozent aller Wohnungen barrierefrei sind, also viel zu wenig." Der Beirat plädiere ohnehin für Wohnanlagen, in denen Alt und Jung gemeinsam wohnen wie in dem lange geplanten Projekt am Moorenplatz, wo soeben der Rohbau fertig wurde. "Große Anlagen ausschließlich für Senioren wären mir unheimlich", so Mühlen.

Waltraud Gottschau steht derweil auf ihrer künftigen Terrasse, die viel Platz und einen weiten Blick bietet. Da kann sie verschmerzen, dass ihre Zwei-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss mit offener Küchenzeile nur 45 Quadratmeter misst. "Ich muss mich halt von vielem trennen." Sie konzentriert sich lieber auf die positiven Aussichten: zum Beispiel die Warmmiete von 411 Euro im Monat. "Und dass ich in meinem Viertel bleiben kann. Ich kenn doch hier jeden."

Quelle: RP
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