| 09.11 Uhr
Chaosdorf - Ableger des Chaos Computer Clubs
In Düsseldorf liegt Nerdistan an der Hüttenstraße
Chaosdorf - Düsseldorfs Chaos Computer Club
Chaosdorf - Düsseldorfs Chaos Computer Club FOTO: Bretz, Andreas
Düsseldorf. Das Chaosdorf ist der hiesige Ableger des Chaos Computer Clubs. Dort treffen sich auch Leute, die keinen Kapuzenpullover tragen, um zu programmieren, Bier zu brauen und Tentakel auszudrucken. Von Sebastian Dalkowski und Andreas Bretz

Es gibt in Düsseldorf einen Ort, aber was für einen. Spaziergänger könnten daran vorbeigehen und diesen Ort für eine Bar halten. Weil dort Menschen im Halbdunkeln vor Laptops hocken und Szene-Brause trinken. Aber nichts wäre weiter von der Wahrheit entfernt. Vielleicht ist Ort auch der falsche Begriff und Paralleluniversum der richtige. Weil der Besucher vergisst, in welcher Stadt er sich gerade aufhält. Auf jeden Fall besteht dieser Ort oder dieses Paralleluniversum aus folgenden Räumen: Schleuse, Laptop-Lounge, Hackcenter, Nomspace, Hinterzimmer, Transporterraum und Maschinenraum. Und schon besteht Erklärungsbedarf, wie sowieso jede Sekunde Erklärungsbedarf besteht für jeden, der sich dort zum ersten Mal aufhält.

Also los.

Wer die Räume des Chaosdorfs an der Hüttenstraße betreten möchte, dem lokalen Ableger des Chaos Computer Clubs, der muss klingeln. Freitagsabends ist Tag der offenen Tür, dann löst das Klingeln den Summer aus. Zu anderen Zeiten muss ein Vereinsmitglied den Summer drücken und die Verantwortung für den Gast übernehmen. Stellt der Blödsinn an, muss der andere dafür geradestehen. Seit mehr als zwei Jahren haben sich die fast ausschließlich männlichen Mitglieder auf den 180 Quadratmetern im Erdgeschoss des Gebäudes eingerichtet. Früher war hier ein Nachtclub, daran erinnern allerdings nur noch die Spiegel.

Lieber Nicknames statt persönlicher Daten

Wer es durch die Schleuse geschafft hat, kommt zunächst in die Lounge, einer zu einer Seite offenen Couchlandschaft mit einem Tisch in der Mitte. Dort sitzt zum Beispiel Rachid Maazouz. Maazouz, Jahrgang 1983, Absolvent der Kunstakademie, trägt gerne einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Fliege. Nicht nur, weil er im Nebenjob bei einem Juwelier arbeitet, sondern auch, weil es seiner inneren Haltung entspricht. Wer ihn fragt, was er denn sei, dem sagt er "elektrischer Maler". Wer ihn fragt, was das sein solle, dem gibt er seinen Laptop und lässt ihn auf seinem Facebook-Profil ziemlich bunte Collagen gucken, die die einen für Anspruch halten, die anderen für Trash. "Irgendwas verstanden?", fragt er. "Ne." "Ich habe jetzt aber auch keine Zeit, was zu erklären."

Ein paar Meter von ihm entfernt sitzt ein junger Mann mit Brille, langen braunen Haaren und Bart. Der Informatiker ist im Juli von Karlsruhe nach Düsseldorf gezogen, wegen seiner Freundin. Sein Interesse gilt dem "machine learning". Sehr sehr einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass Maschinen beziehungsweise ihre Software besser werden, wenn man sie mit Beispielen füttert. Die Maschinen lernen eben. Ungefähr ab dem dritten Satz wird es für den Laien schwer zu folgen. "Sagst du mir noch deinen Vornamen?" Er zögert. Mitglieder des Chaos Computer Clubs sind vorsichtig, was die Herausgabe privater Daten betrifft, häufig treten sie nur unter Spitznamen auf, sogenannte Nicknames. "Du kannst dir auch einen Vornamen ausdenken, ich prüfe das nicht nach." Er überlegt eine Weile und sagt dann "Na gut, Jochen". Während die Leute in der Lounge entspannen, wird im Hackspace im hinteren Teil des Raums gearbeitet. Irgendwer ist eigentlich immer hier, abends sind es mehr als mittags, manche haben quasi ihr Büro ins Chaosdorf verlegt. Der Hackspace besteht aus zwei Tischreihen, an denen Leute mit ihren Laptops sitzen und auf der Tastatur tippen. Apple oder Lenovo, andere Rechner gibt es kaum, die Betriebssysteme von Apple und Linux dominieren, die Produktpalette von Microsoft hat es sehr schwer. Das Licht ist gedimmt und kann über eine App gesteuert werden. So unnütze Hilfsmittel wie Lichtschalter gibt es kaum. Der Hackspace ist der Ort, an dem die Mitglieder an ihren Projekten arbeiten und programmieren. Nicht nur Informatiker, auch Rechtsanwälte, Künstler, Rentner, ein Zahnarzt, ein Pharmazeut. Die Hacker sind zwischen 15 und 60, aber die meisten liegen zwischen 20 und 40.

Einmal die Woche wird diskutiert

Fast 70 Mitglieder hat das Chaosdorf. 20 Euro kostet die Mitgliedschaft pro Monat. Zwar ist es ein eingetragener Verein, Vereinsstruktur hat das Chaosdorf aber nur nach außen. Weil das für einen Verein eben Pflicht ist und es einfacher ist, einen Mietvertrag zu unterschreiben. Doch nach innen spielt es keine Rolle, wer gerade Vorsitzender und wer Kassenwart ist. Entscheidungen treffen die Mitglieder nach dem Konsensprinzip. Einmal in der Woche setzen sie sich zusammen und diskutieren so lange, bis alle mit einer Lösung leben können. Oder aber sie vertagen.

Die Hacker haben nichts gegen den Begriff Nerd, aber sie haben etwas dagegen, auf das Klischee vom Kapuzenpullover tragenden Autisten reduziert zu werden. Es ist nun aber so, dass viele ungefähr so aussehen, wie man sich ein Mitglied des Chaos Computer Clubs vorstellt. Schwarze Kleidung, schwarze Schuhe, Metal-Shirts, lange Haare, Brille, blasse Haut. Es sind längst nicht alle, aber sie sind eben auch längst nicht die Ausnahme, und ab und zu läuft auf einem Laptop eben Star Wars. Wer seine Klischees bestätigen will, kann das hier machen. Wer nicht an diese Klischees glaubt, findet hier genügend Gegenbeispiele. Aber eines stimmt in so ziemlich jedem Fall: Wenn sie unter sich sind, unterhalten sie sich in einer Sprache, die auch Klingonisch sein könnte. Einer von ihnen nennt sich Marudor, was kein Protagonist aus "Herr der Ringe" ist, und neulich hat er bei Twitter gepostet: "8k wirft SSL Handshake error. mit Pidgin auf nem Linux connected er allerdings." Das hat nichts damit zu tun, dass sie sich toll vorkommen wollen, es ist einfach eine Fachsprache, die die Kommunikation untereinander beschleunigt. Einer der Gründe, warum sie sich hier treffen, ist eben der: Man ist unter seinesgleichen und muss nicht alles erklären. Da kann man dann auch schon mal ausführlich darüber diskutieren, ob es wirklich empfehlenswerte freie Software gibt oder wie gut ein Programm namens LaTex ist, mit dem man seine Doktorarbeit nicht schreibt, sondern quasi programmiert, weil sie dann besser aussieht. Oder so ähnlich.

Hinter dem Hackspace liegt der Nomspace, Hackersprech für Küche. Man muss das nicht verstehen, man muss das bloß wissen. Diese Küche besteht nicht nur aus einem Backofen, in dem sich die Clubmitglieder ihre Pizza aufwärmen können. Pizza gibt es hier ohnehin seltener, seitdem nebenan "Helmuth" eröffnet hat, ein Imbiss für deftige deutsche Küche, der zwar keinen Lieferservice hat, deren Mitarbeiter die Portionen aber trotzdem gerne ins Chaosdorf tragen. Doch es gibt auch Clubmitglieder, die richtig kochen, gerne auch vegan oder vegetarisch, die Rezepte dafür stehen im Chaosdorf-Wiki. Es ist auch ein Klischee, dass die Hacker nur Club Mate trinken. Ein Blick in den Kühlschrank zeigt: Sie trinken auch Club Mate Eistee, Club Mate Cola und die Matebrause eines Konkurrenten. Oder eine dieser Brausen, die sonst nur Hipster trinken. Coca-Cola findet man hier ebenso wenig wie den Microsoft Internet Explorer. Sie brauen sogar ihr eigenes Bier beziehungsweise gleich eine ganze Reihe an Sorten, ein beliebtes Gastgeschenk, wenn sie sich mit anderen Clubs treffen. Bezahlt wird auf Vertrauensbasis. Das Chaosdorf schlägt einen Preis für die Getränke vor, ob man sich daran hält, kontrolliert kein Mensch. Man vertraut sich. Wer will, kann seine Limonade auch per Handy-App bezahlen.

Gleich hinter der Küche führt der Weg weiter zum Hinterzimmer, so nennen sie ihren Aufenthaltsraum, in dem auch geraucht werden darf und in dem die Getränkekästen gelagert werden. Viel interessanter aber wird es, wenn man rechts weitergeht, durch den Transporterraum, einen Flur mit Regalen. Dort stehen Kisten, in denen alles liegt, was die Hacker so zum Basteln brauchen. Daran schließt sich der Raum an, der vielleicht noch mehr über die Clubmitglieder aussagt als der Hackspace: der Maschinenraum, also die Werkstatt. Hier gibt es alles, um sowohl ein Fahrrad als auch einen Laptop zu reparieren. Das meiste davon haben die Clubmitglieder zur Verfügung gestellt, einiges hat sich der Club angeschafft. Vielleicht lässt sich durch diesen Raum besser verstehen, was diese Leute auszeichnet. Hacker sind im besten Sinne Spielkinder. Sie haben eine große Neugier, sie können so ziemlich alles selbst reparieren, sie wollen alles auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. "What could possibly go wrong?" ist eines ihrer Mottos. Was kann schon schiefgehen? Ob das Ganze einen Nutzen hat, ist zweitrangig. "Das Sinnvollste, was wir in den vergangenen Jahren gemacht haben, war die Türsteuerung", sagt Daniel, 27, Nickname Operative, Spitzname Opi. Druckt sich gerne Tentakel mit dem 3-D-Drucker des Vereins aus. Jedes Mitglied bekommt einen Chip, mit dem es die Tür öffnen kann. Verlässt einer den Verein, wird dieser Chip gesperrt. So können sie es sich sparen, jedes Mal das Schloss auszutauschen. Der 20-jährige Marudor beschreibt seinen Antrieb so: "1. Lass es blinken, 2. Projizier Katzenbilder drauf".

Dieser Spieltrieb speist auch einen besonderen Humor, der sowohl albern als auch sehr treffend ist. In ihrem Chaosdorf-Wiki haben sie die besten Sprüche und Dialoge gesammelt. Sagt der eine: "Hmm wir sollten auch Orangensaft und Apfelschorle kaufen." Sagt der andere: "Du sprichst das Wort Bier aber komisch aus." Einmal hat ein Kerl mit dem Nickname Byte gesagt: "Wir sind Brot. Widerstand ist Zwieback." Er hat auch gesagt "Ich bin dafür Twitter zu verbieten, als Selbstschutz für die Piratenpartei." Ach ja, die Piratenpartei. Ein paar aus dem Chaosdorf sind auch Piraten, aber der Chaos Computer Club lässt sich von keiner Partei im Wahlkampf einspannen. Manches, was die Piratenpartei sagt, ist den Chaosdörflern geradezu peinlich. Gemeinsam sind ihnen gewisse Grundsätze wie "Private Daten schützen, öffentliche Daten nutzen". Das Chaosdorf hat Demos organisiert oder den Leuten von der evangelischen Kirche in Kempen gezeigt, wie sich Mails verschlüsseln lassen. In ihren Räumen haben sie einen Freifunk eingerichtet, also WLAN, der nicht nur ihnen freisteht, sondern auch der Nachbarschaft.

Vielleicht lassen sich die Menschen, die vor ihren Laptops sitzen und Limonade trinken, auch durch etwas ganz anderes am besten verstehen. Neuen Mitgliedern geben sie gerne einen fünf Kilo schweren Vorschlaghammer, aus dessen Griffende der Stecker eines USB-Sticks herausschaut. Berichten zufolge stellen die nicht so Klugen unter ihnen den Hammer auf den Boden mit dem Griffende nach oben und versuchen so mit viel Balance, den Laptop auf den Stecker zu setzen. Die Klügeren holen sich ein Verlängerungskabel für den USB-Anschluss und verbinden so Hammer und Laptop. Doch dann stellen sie fest, dass nichts passiert. Also versuchen sie, den Anschluss zu reparieren, überprüfen die Treiber. Bis ihnen dämmert, dass es nur der Stecker ist und daran gar kein USB-Stick mehr hängt.

Quelle: top
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