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Kolumne Heimatreport
In Eller stirbt man. . . Sie wissen schon

Kolumne Heimatreport: In Eller stirbt man. . . Sie wissen schon
Meinung | Düsseldorf. Warum wird in einem bestimmten Stadtteil angeblich schneller gestorben? Auf der Suche nach dem Ursprung eines geflügelten Wortes.

Seit ich denken kann, bin ich ein Freund von Gedichten. Vor allen Dingen von gereimten, denn wenn sich etwas reimt, dann stimmt es, was Robert Gernhardt einst zu dem Appell inspirierte: "Der Reim muß bleim!" Nun bin ich an einem Vormittag in Eller gewesen. Und dort, in diesem schönen Stadtteil mit seinem herrlichen Schloss und dem großzügigen Gertrudisplatz mit der tollen Gertrudiskirche, ist mir erstmals klargeworden, was für eine schädliche Wirkung Reime haben können. Reime und, ich muss es leider sagen, Zeitungen.

Andere waren noch niemals in New York. Ich war noch nie in Eller gewesen. Ich wusste über Eller nur, was alle wissen: "In Eller stirbste schneller." In Eller war im 12. Jahrhundert das Rittergeschlecht der Herren von Eller ansässig. Der 1909 von Düsseldorf eingemeindete Stadtteil hat also wahrlich Historie zu bieten. Und doch scheint das einzige, was alle Welt mit Eller verbindet, dieser tödliche Reim zu sein, weshalb die örtliche Werbegemeinschaft den Slogan "Wir sind individuELLER" ersann, damit es ein Ende hat mit dem wenig verkaufsfördernden Sterben. Natürlich konnten sie nicht damit rechnen, dass eines Tages ein Haarspalter wie ich an der Gumbertstraße den "Dampfshop" betritt. Der Dampfshop verkauft alles Mögliche rund um die E-Zigarette, zum Beispiel Flüssigtabak mit Erdbeer-Käsekuchen-Geschmack und stufenlos wählbarem Nikotingehalt. (Ich hätte nie gedacht, dass es so was mal geben würde.) Betreten hatte ich den Laden, weil an der Tür der Spruch "Wir sind individuELLER" klebte und ich wissen wollte: individueller als wer? Oder was?

Der Mann hinter dem Verkaufstresen nahm erst einmal einen tiefen Zug und verschwand in einer Rauchwolke. Dann antwortete er: "Na, wir als Dampfshop sind individueller!" Ich wollte nicht noch lehrerhafter erscheinen, als ich bin, sparte mir die Erklärung, dass sich ein Komparativ auf ein Vergleichsobjekt beziehen muss, und dachte: Wie sie's auch machen: Ob "stirbste schneller" oder "individuELLER" - es geht in den Keller, ich meine in die Hose. Und: Fiese Reime sind nicht mit gut gemeinten Wortspielen zu besiegen. Man muss das Problem, denke ich, bei der Wurzel packen. Eller hören und sterben - damit soll es mal gut sein. Und dazu musste ich herausfinden, wie der Reim überhaupt entstand.

Eine Stunde lang spazierte ich um den Gertrudisplatz herum. Gut gefallen hat mir auch die "Reinigung Maria" (Gumbertstraße) mit ihrem Versprechen: "Himmlisch sauber". Maria, Reinigung, himmlisch - das ergibt eine solche Vieldeutigkeit, dass es nicht erstaunlich gewesen wäre, wenn an der Tür "Wir sind intellektuELLER" geklebt hätte. (Und wenn sie dann noch im Laden Musik gespielt hätten, zum Beispiel das berühmte "Eller Eller" von France Gall, ich meine natürlich "Ella, Elle L'a".) Am besten jedoch gefiel mir, was ich als Antwort erhielt auf meine Frage: Warum, zur Hölle, stirbt man schneller in Eller? Ich stellte die Frage zwei Dutzend Menschen. Immerhin einer wusste die Antwort. Hier die fünftbeste, die ich von mehreren Menschen erhielt, darunter ein Mitarbeiter des Stadtteilrathauses: "In Eller stirbt man schneller, weil sich das reimt."

Die viertbeste (von einer Mitarbeiterin des Ordnungsamtes): "Keine Ahnung. Aber in Wersten gibt's auch so einen Spruch. Irgendwas mit Hinrichten." Die drittbeste (ein Mann von 80 Jahren): "Ich wohne seit 40 Jahren in Eller, aber den Spruch habe ich noch nie gehört." Ich: "Wie das?! Ich dachte, den kennt hier jeder." Er: "Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich ungern über den Tod unterhalte. So, jetzt muss ich weiter." Die zweitbeste (wieder ein älterer Mann, rauchend auf der Terrasse eines Restaurants): "Weil es stimmt. Hier wird viel gestorben." Ich: "Ja, aber es geht vor allem um das schnellere Sterben." Er: "Stimmt auch. Hier wird binnen zwei Wochen gestorben!"

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre beim Fernsehen. Wäre ich beim Fernsehen, ich hätte wunderbar filmen können, wie sich der Himmel allmählich verdusterte und die Sonne einen letzten Strahl auf den Gertrudisplatz schickte. Wie es zu tröpfeln begann und ich an "Rudis Pinte" vorbeilief und in die nächstbeste Straße bog, "Am Krahnap". Da sah ich einen Hünen von Mann, der mir mit großen Schritten entgegenkam. Kein anderer Mensch weit und breit, nur der kahlköpfige, dunkel gekleidete Hüne und ich. 12 Uhr mittags. In Eller. Am Krahnap. Ich ging zu dem Mann, sah zu ihm auf und stellte meine Frage.

In den sechziger Jahren gab es einen Rockerclub namens "Florett Club Eller", der den Stadtteil gleichsam terrorisierte. Einmal lieferte er sich in Eller eine Schlacht mit einem Rockerclub aus Hilden. Zwei Florett-Club-Mitglieder verschanzten sich in einer geräumigen Mülltonne und fingen an, aus der Mülltonne heraus zu schießen. Tags darauf titelte eine Düsseldorfer Boulevardzeitung: "In Eller stirbste schneller". Die Geburt der Anti-Werbung für Eller aus dem Geiste des Zeitungmachens - so lief das also. Der Hüne, der mir diese Geschichte in aller Ausführlichkeit auf der Straße erzählte, war, so stellte sich heraus, Ralf Schlebusch, Mitglied der Düsseldorfer Jonges, geboren 1954 in Eller und dort unverändert zu Hause. Ein Elleraner Jong also, der seinem Stadtteil viel Gutes abgewinnen kann. "Eller bietet eine Menge Vorteile", sagte er. "Hier gibt es alle Geschäfte, die man braucht. Und: Die Anbindung an die Innenstadt und die Autobahn ist hervorragend."

So, damit hätte ich die Wurzel des schädlichen Reims freigelegt. Wie man sie rausreißt, weiß ich allerdings nicht.

Quelle: RP
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