| 00.00 Uhr

Kolumne Heimatreport
In Ludengrafenberg

Kolumne Heimatreport: In Ludengrafenberg
Künstlerin Olga Tschubarowa arbeitet gerne in Grafenberg. Oder Ludenberg. Jedenfalls mischt sie Abstraktes und Konkretes. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Unterwegs im Grenzgebiet zweier Stadtteile. Und immer mit der Frage: Wo bin ich hier?

Wo war ich? Einerseits eine leicht zu beantwortende Frage: Ich lehnte an einer knorrigen uralten Kastanie und suchte Schutz vor dem Regenschauer, der auf einmal niederging. Ich beobachtete, wie der Wind Schwaden von Regen über den benachbarten Acker trieb und wie im Hintergrund der Wald vor lauter Regen zu verblassen begann, wie die ganze Szenerie im Regennebel verschwand. Okay, dachte ich, so sah sie also aus, die Kastanienallee im Regen, die berühmte Düsseldorfer Kastanienallee, die an der berühmten Düsseldorfer Pferderennbahn entlangführt. Nur dass mir niemand sagen konnte, zu welchem Stadtteil diese ganzen Sehenswürdigkeiten eigentlich gehörten.

Über Ludenberg heißt es, dass viele Düsseldorfer diesen Stadtteil gar nicht kennen, und das, obwohl er als einer der wohlhabendsten gilt. Viele kennen ihn nicht, viele verwechseln ihn. "Das hier ist Grafenberg." "Hier ist Ludenberg." "Auf jeden Fall nicht Gerresheim." Solche Antworten bekam ich von den Spaziergängern, die ich nahe der Kastanienallee befragte. Jaja, schon klar, dass alle Welt von der Grafenberger Rennbahn spricht. Aber wussten Sie, dass sie laut der Stadt Düsseldorf (und auch laut Wikipedia) zu Ludenberg gehört? Ups - kratzt das jetzt am Selbstwertgefühl der Pferde-High-Society, dass sie sich streng genommen nicht mit Grafen schmücken dürfte? Dass sie zu Luden hinab müsste? "Welcher Stadtteil ist das hier?", fragte ich auch die Mitarbeiter der "Gestaltanstalt" in der "Villa Wandershof", Rennbahnstraße 22, um die Ecke von der Kastanienallee. Ich hatte die Klingel des Designbüros einfach gedrückt, denn irgendwer, verdammt, musste mir doch sagen können, wo ich hier war. Ein Mitarbeiter mit Autorität in der Stimme sagte: "Ludenberg."

Die Villa Wandershof war das Beste, was mir bei meinem Ausflug in dieses seltsame Grenzgebiet im Düsseldorfer Osten passieren konnte. Ob umgekehrt auch ich das Beste war, was der Villa Wandershof passieren konnte, kann ich nicht sagen, nur dass ich dort einige Leute mit meinem Ansinnen, Klarheit darüber zu bekommen, auf welcher Seite der Grenze wir uns befanden, ins Grübeln brachte. Kaum hatte ich die Tür des Designbüros hinter mir zugezogen, fing ich an, mich in dem Haus umzusehen. Laut den Firmenschildern am Eingang waren in dem Gebäude ein Detektivbüro, zwei Immobilienfirmen, Rechtsanwälte, die Designer und mehrere Künstler ansässig. Letztere hatten die Wände und Flure im Erdgeschoss mit Gemälden vollgehängt, sehr bunt, teils abstrakt, teils konkret. Ich spazierte an den Bildern entlang, nahm einen Flur links, einen Flur rechts, dann stand ich vor der verschlossenen Tür eines Ateliers, aus dem Stimmen drangen. Ich klopfte und öffnete die Tür. Ich mag es, unangekündigt in das Leben wildfremder Menschen zu platzen, und immer wieder staune ich, wie oft das gut geht. So platzte ich in das Leben von Olga Tschubarowa, Künstlerin, geboren im südrussischen Stavropol, lange, glatte, schwarze Haare, grünblaue Augen und seit mehr als 25 Jahren in Düsseldorf zuhause.

Oh, Olga. Sie war so nett, so gastfreundlich. Wir kannten uns eineinhalb Minuten, hatten das Atelier, in dem sie gerade vier, fünf Erwachsenen Malunterricht gab, kaum verlassen, da sagte sie: "Wir können Du sagen." Und nach zweieinhalb Minuten: "Ich habe Kaffee gemacht, möchtest du?" Und nach dreieinhalb Minuten stand ich mit Olga Tschubarowa in einer kleinen Küche und goss Kaffee in meine Tasse, während sie Pralinen anbot und, ohne dass ich darum gebeten hatte, Milch in meinen Kaffee tat. Ich fragte: "Olga, woher weißt du, dass ich Kaffee immer mit Milch trinke?" Sie sah mich an, senkte den Blick und sagte leise, das habe sie sofort gesehen. Auf einmal wusste ich nicht mehr, ist das jetzt Wirklichkeit? Oder ein Film? Sie schwärmte von ihren Reisen, und wie sie es liebe, in ihrem Atelier in diesem wunderschönen Grafenberg zu arbeiten. Neulich habe vor ihrem Fenster ein Pferd gestanden, sie habe kaum fassen können, wie schön das war. Ich: "Olga, das hier ist Ludenberg." - "Nein, Frank. Grafenberg." - "Die aus dem Designbüro sagen: Ludenberg! Es muss Ludenberg sein, außerdem wollte ich, als ich vorhin losfuhr, unbedingt nach Ludenberg!" - "Nein, es ist Grafenberg!!" Da betrat einer ihrer Schüler die Küche, ein älterer Herr. Ich fragte ihn: "Können Sie uns sagen, welcher Stadtteil das hier ist?" Er blieb stehen, dachte nach und sagte: "Grenzwertig. Grafenberg?" Olga nickte, ich schüttelte den Kopf, war mir aber nicht mehr sicher. Olga erzählte mir noch von ihrer Kunst, dass sie gerne Abstraktes und Konkretes mische, und ich dachte, seltsam, hier ist alles vermischt. Die Kunstrichtungen, die Stadtteile. Andererseits: Was interessiert das eigentlich, wie der Stadtteil heißt? War ich Beamter im Vermessungs- und Liegenschaftsamt? Etwas anderes ist doch viel wesentlicher: Zum Beispiel festzuhalten, dass es kaum etwas Schöneres gibt, als in einem fremden Haus auf das Gastfreundlichste empfangen und bewirtet zu werden.

Ich fühlte mich schon wie zu Hause in dieser einzigartigen Villa in Ludengrafenberg, als ich die Toilette aufsuchte. Neben der Klotür war eine Pinnwand angebracht, an der ein Jahreskalender der Awista hing, der Gesellschaft für Abfallwirtschaft. Oben drüber stand: "Abfallkalender, 40629 Düsseldorf-Ludenberg, Rennbahnstraße 22". Ich holte Olga aus ihrem Atelier und zeigte ihr den Beweis. "Olga, dies ist Ludenberg." Olga fiel aus allen Wolken, fragte: " Ist das wirklich wahr?" Ich nickte, denn eines ist ja wohl klar: Die Awista lügt nicht. Oder?

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kolumne Heimatreport: In Ludengrafenberg


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.