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Düsseldorf
"In mir ist eine große Traurigkeit"

Düsseldorf. 9940 Griechen bilden die zweitgrößte ausländische Community der Stadt. Im Moment beschäftigt sie vor allem Krise in ihrer Heimat. Von Ute Rasch

Spricht man in diesen Tagen mit einem Griechen in Düsseldorf, mündet jedes Thema unweigerlich in der Krise. "In mir ist eine große Traurigkeit", sagt Nico Tzimas, Wirt der Taverne Pegasos, der sonst kein trauriger Mensch ist. "Ich muss endlich was tun", sagt die Pädagogin Sofia Tsempekidou - und hat einen konkreten Plan. "Wir müssen ein Klima der Freundschaft schaffen", sagt Ionnanis Psarakis, Oberpriester der orthodoxen Gemeinde, der die Sorgen seiner Landsleute teilt. Drei von 9940 Griechen, die in Düsseldorf leben. Sie haben eigene Schulen und eine eigene Kirche. Die ersten kamen vor 60 Jahren als Gastarbeiter, manche eröffneten Restaurants und Imbissbuden und würzen seitdem deutschen Alltag mit Moussaka und Ouzo.

Die Krise ist in einer leeren Halle in Heerdt angekommen. In den Regalen sollten sich jetzt eigentlich Produkte aus Griechenland stapeln. "Aber da ich kein Geld überweisen kann, bekomme ich auch keine Waren." Sofia Tsempekidou (46) will Typisches aus ihrem Heimatland importieren und in Oberkassel, gleich neben dem Imbiss-Restaurant ihrer Eltern in einem eigenen Geschäft anbieten: Olivenöl von kleinen Manufakturen, Schaumwein "in Spitzenqualität" von einem jungen Paar in Zentralgriechenland. Und natürlich den köstlichen Schafskäse ihrer Cousine. Dazu typisch griechische Gerichte.

Auslöser der Geschäftsidee: Die studierte Diplom-Pädagogin konnte irgendwann all die schlechten Nachrichten aus Griechenland nicht mehr ertragen, "ohne irgendwie zu handeln". Pläneschmieden als bewährtes Mittel gegen miese Stimmung. Sie berichtet von ihren Cousinen, Lehrerinnen, beide geschieden, die von 900 Euro im Monat ihre Kinder ernähren müssen. Von ihren Nichten, die studiert haben, keine Jobs fanden und jetzt als Verkäuferinnen arbeiten. Denn nach einem Jahr wird kein Arbeitslosengeld mehr gezahlt und auch keine andere staatliche Unterstützung. "Wenn ich in den Nachrichten Bilder aus Griechenland sehe, dann habe ich Bilder von Menschen in meinem Kopf, die ich liebe, deren Geschichte ich kenne."

Sofia lebt seit ihren Studientagen in Düsseldorf. Ihre Eltern kamen schon 1969, als sie noch ein Baby war. "Ich blieb erst mal bei der Großmutter, später war ich ein Kofferkind." Und dann sagt sie: "Deutschland ist mein Zuhause", schätzt am Leben hier Stabilität und Sicherheit. Nur manchmal vermisst sie die Gelassenheit der Griechen, "und das Gefühlvolle". Paradox: Hier wird sie als Griechin behandelt, in ihrem Geburtsland als Deutsche. Ihre Antwort darauf: "Ich bin Europäerin."

Sofias Sohn Dimitri (16) besucht den griechischen Zweig des Leibniz-Gymnasiums, Hauptunterrichtssprache ist Neugriechisch, Deutsch (intensiv), Englisch und Altgriechisch stehen auch auf dem Stundenplan. Seiner Mutter ist es wichtig, dass auch Kenntnisse über die griechische Antike vermittelt werden, schon wegen ihrer Bedeutung für Europa. "Außerdem werden dort die alten Traditionen vermittelt - wie die sieben Regeln der Gastfreundschaft."

Catherine Yannidakis-Hahne war lange Jahre als Lehrerin an dieser Schule tätig, hat das pädagogische Konzept mitentwickelt und erprobt. Heute ist sie Vorsitzende der Deutsch-Griechischen Gesellschaft in Düsseldorf, die schon seit 60 Jahren das Verständnis zwischen den Ländern fördern will. Und deren Freundschaft. Auch wenn die zurzeit vielleicht einen Knacks bekommen hat.

Europäisch zu denken, das ist auch in Nico Tzimas (76), Mitinhaber der Taverne Pegasos, tief verwurzelt. Deshalb ist für ihn der Gedanke unerträglich, sein Heimatland könnte nicht mehr zu Europa gehören. "Ich fühle mich als Grieche, aber ich bin Deutschland dankbar, weil ich hier alle Möglichkeit hatte." Schon 1959 kam er zum Studium hierher - und blieb, bis er 20 Jahre später schließlich mit einem Freund und Partner seine Taverne in Bilk eröffnete.

Heute blickt er auf "ein gutes Leben" zurück, mit zwei erwachsenen Kindern, einem Freundeskreis, darunter viele Deutsche. "Ich bin immer als Grieche akzeptiert worden." Was er an seinem Alltag schätzt: "Die Großzügigkeit der Gesellschaft, die Freiheit, dass jeder sagen kann, was er denkt." Was er vermisst: Seinen Obstgarten in einem Bergdorf im Norden Griechenlands. "Wenn du da einen reifen Pfirsich vom Baum pflückst, dann riecht deine Hand lange nach Pfirsich."

Wenn Nico Tzimas jetzt mit seiner Schwester oder Freunden in Griechenland telefoniert, dann rückt die Misere ganz nah an ihn heran. Deshalb kann er gar nicht anders, als die täglichen Nachrichten zu kommentieren. "Da ist viel schief gelaufen in den letzten Jahren und Jahrzehnten." Er kritisiert die griechische Regierung, "die zwar in vielem Recht hat", aber verheerend aufgetreten sei. Aber er sagt auch: "Der harte Sparkurs treibt Griechenland in den Ruin." All das aus der Ferne zu beobachten, sei sehr belastend, "da ist ein großer Kummer in mir".

Und wo fühlt er sich zu Hause? Wenn Nico Tzimas heute Urlaub in seinem Bergdorf macht, sagt er: "Ich fahre nach Hause." Und wenn er dann zurück nach Düsseldorf fliegt, sagt er auch: "Ich fahre nach Hause." Heimat im Doppelpack.

Ortswechsel nach Hassels. Am Schönenkamp bricht ein Gebäude deutsche Sehgewohnheiten: die griechisch-orthodoxe Kirche, spirituelles Zentrum und Hafen für Heimwehkranke gleichermaßen. Hierher kommen alle gläubigen Griechen zum Sonntagsgottesdienst - "und die anderen stehen draußen und reden über Politik", sagt Erzpriester Ionnanis Psarakis (77). Willkommen sind sie ihm alle. Zumal seine Gemeinde in ihm einen "väterlichen Ratgeber" sieht, mit dem man Alltagssorgen bespricht - von der Ehekrise bis zum Fußball. Er fühle sich jedenfalls in den Familien sehr willkommen, sagt der Kirchenmann und lächelt fein.

Aber zurzeit würden sowieso alle nur ein Thema kennen: die Situation in der Heimat. "Griechen diskutieren sehr temperamentvoll. Viele sind in großer Sorge um Angehörige und Freunde. Und um ihr Land." Ionnanis Psarakis, der diese Sorgen teilt, wirkt wie ein Mensch, den nichts so leicht aus der Balance bringen kann. Der Priester, der von Kreta stammt, wurde mit Frau und Kindern 1972 von seinem Bischof nach Düsseldorf geschickt. "Eine gute Entscheidung", findet er, denn er sei glücklich hier, zumal ja die Gemeinde eine Art griechische Insel sei. "Es ist schön, in Deutschland zu leben", kurze Pause, "aber in Griechenland ist mehr Lächeln." Jenseits aller Krisen.

Dann führt er mit Stolz durch seine Kirche: Alle Decken, Kuppeln, Wände wurden bemalt - von griechischen Nonnen. So wird ein Kirchenbesuch zu einem Rundgang durch die Schöpfungsgeschichte, mit Menschen aller Hautfarben, mit Tieren aller Kontinente. Und Maria lächelt über dem Altar, Schlossturm und Schauspielhaus im Miniformat zu ihren Füßen. Eine ganze Welt hat in dieser Kirche Platz. Und dann sagt der Priester zum Abschied noch einen Satz über Europa. "Wir müssen die Einigkeit in den Seelen der Menschen finden."

Quelle: RP
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