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Interview mit Michael Szentei-Heise
Jüdische Gemeinde ist jetzt wachsamer

Interview mit Michael Szentei-Heise: Jüdische Gemeinde ist jetzt wachsamer
Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde, sieht sich seit seiner Jugend regelmäßig mit dem Thema Antisemitismus konfrontiert. Schlaflose Nächte macht ihm das nicht. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde über Sicherheitsbedürfnisse, die Pläne für ein jüdisches Gymnasium in Rath und das besondere Verhältnis zu den Toten Hosen.

Herr Szentei-Heise, würden Sie mit der Kippa auf dem Kopf durch Düsseldorfer Viertel gehen, in denen viele Muslime leben? Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, würde das vielleicht für gefährlich halten.
Szentei-Heise In Düsseldorf wüsste ich kein Viertel, wo ich das als gefährlich empfinden könnte. Zudem trage ich die Kippa nur in der Synagoge. Anders mag das für einen sehr religiösen Menschen sein, der die Kippa den ganzen Tag trägt. Mir sind aus Düsseldorf aber keine Probleme deswegen bekannt

Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist in den letzten Jahren kräftig gewachsen. Wo stehen Sie heute?
Szentei-Heise Unsere Gemeinde hat 7000 Mitglieder. Wir haben Frankfurt überholt und sind die drittgrößte Gemeinde in Deutschland. Vor uns liegen Berlin (13.500 Mitglieder) und München (8000).

Der Hauptanteil des Wachstums entfällt auf Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion. Wieso war bei ihnen Düsseldorf so begehrt?
Szentei-Heise Nordrhein-Westfalen hat von Anfang an große Offenheit gegenüber diesen Menschen signalisiert. Ein sehr liberales Land, was die Aufnahme anbetraf. Und die Jüdische Gemeinde Düsseldorf war bereits eine sehr offene Gemeinde. Das hatte sich herumgesprochen und deswegen war der Zuzug hierhin größer als in manch andere Gemeinde. Die Leute haben einfach zu Hause angerufen und gesagt: Kommt hierhin, hier ist es gut, man hilft uns.

Die Gemeinde hat eine Kita, ein Jugendzentrum, eine Religionsschule und ein Altenheim. Reicht die Infrastruktur perspektivisch noch aus?
Szentei-Heise Wir sind stolz darauf, die größte Kita in Düsseldorf mit 135 Kindern zu haben, drüben an der Kaiserwerther Straße im Schul- und Erziehungskomplex. Die Stadt hat uns 2003 unter Joachim Erwin das Grundstück zur Verfügung gestellt. Bei der Einweihung hat Johannes Rau gesprochen, die Turnhalle ist heute nach ihm benannt. Jetzt steht die nächste Aufgabe an.

Sie meinen das jüdische Gymnasium. Wie sieht es damit aus?
Szentei-Heise Die Pläne werden konkreter. Wir sind dabei, ein Papier mit der Stadt zu verfassen, in dem alle Anforderungen definiert werden. Dieses soll von allen Seiten akzeptiert sein und dem Stadtrat vorgelegt werden. Es folgen dann noch Verhandlungen mit dem Land.

Standort soll die Borbecker Straße in Rath sein. Warum dort?
Szentei-Heise Wir kommen damit gut klar. An der Borbecker Straße ist der Betrieb einer mehrzügigen Hauptschule vor knapp zwei Jahren aufgegeben worden. Der Komplex steht leer. Das Grundstück selbst hat, wenn man vernünftig plant, das Zeug zu einem vierzügigen Gymnasium. Viele andere Komplexe in der Stadt können da nicht mithalten. Zudem besteht eine gewisse Nähe zur Jüdischen Gemeinde, und das ist natürlich auch gut.

Es werden aber nicht nur jüdische Kinder auf dieses Gymnasium gehen?
Szentei-Heise Ich rechne damit, dass ungefähr 60 Prozent nicht-jüdische Schüler dieses Gymnasium besuchen. Wir rechnen am Ende mit 750 Schülern. Der Schulbetrieb soll 2016 mit den unteren Klassen beginnen, eventuell zunächst fünfte und sechste Klasse zusammen.

Gibt es ein weiteres Profil?
Szentei-Heise Wir wollen einen Mint-Schwerpunkt bilden, also uns auf Angebote aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik fokussieren. Diesen Schwerpunkt hat bislang nur das Schloß-Gymnasium in Benrath, so dass wir einen Mint-Schwerpunkt im Süden und einen im Norden der Stadt hätten. Das kann für viele Familien interessant sein.

Wie wird die Schule heißen? Paul-Spiegel-Gymnasium?
Szentei-Heise Das ist eine Option, aber eher unwahrscheinlich. Was Bildung angeht, gibt es in der jüdischen Welt große Namen, auch historisch gesehen – etwa Maimonides, Theodor Herzl oder Martin Buber.

Der Anschlag von Paris hat zum Aufruf des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu geführt, Juden mögen nach Israel auswandern. Wie haben Sie dies wahrgenommen?
Szentei-Heise Mit großem Abstand und einer gewissen Skepsis. Es ist eine ambivalente Geschichte: Wir wissen sehr wohl aufgrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa, dass der Staat Israel für die Juden dieser Welt eine Aufnahmegarantie bietet. Das ist eine Art Lebensversicherung. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns von jedem schlimmen Ereignis ins Bockshorn jagen lassen wollen und an Auswanderung denken. In der Gemeinde gab es auf die Aufforderung eine klare Ablehnung. Nicht virulent-aggressiv, sondern eher nach dem Motto: Das ist kein Thema für uns. Historisch betrachtet: Es kann doch nicht sein, dass Hitler im Nachhinein Recht bekommt und Deutschland judenfrei wird.

In Paris packen viele Juden ihre Koffer.
Szentei-Heise In Frankreich ist es eine andere Situation. Die Rechten dort sind zwar antisemitisch, aber sie sind nicht aggressiv-antisemitisch, sie greifen keine jüdischen Einrichtungen an. Das Problem in Frankreich ist der Maghreb, die Nordafrikaner, die einen virulenten arabischen, islamistisch geprägten Antisemitismus betreiben.

Und wegen dieser Einwanderer wiederum hat der Front National so an Stärke gewonnen, der Reflex gegen diese Einwanderer war in Südfrankreich sein Nährboden.
Szentei-Heise Heutzutage entstehen Bündnisse, die man vor Monaten nicht für vorstellbar gehalten hätte. Strukturell betrachtet, hat Pegida in Deutschland ebenso verwirrende Diskussionen ausgelöst.

Ist das Sicherheitsbedürfnis nach den Anschlägen in Paris größer geworden?
Szentei-Heise Ja, das schon. Nicht panikartig, die Gemeinde wird ohnehin geschützt und wir können Maßnahmen herauf- und herunterfahren. Jetzt ist die Wachsamkeit größer, einige Einrichtungen werden intensiver bewacht. Das wissen alle und ertragen es ohne Murren.

Sie haben jüngst beklagt, heute werde Antisemitismus offener ausgelebt. Sie sprachen von Bedrohungen auf der Straße, bei Demos, in der Gemeinde und auch zu Hause. Wie verarbeiten Sie das?
Szentei-Heise Erstaunlicherweise belastet mich das nicht, ich habe auch keine schlaflosen Nächte. Nachdem ich das zweite Staatsexamen des Jura-Studiums hinter mir hatte, hat man mir angeboten, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde zu werden. Ich bin aber Kind dieser Gemeinde, ich bin mit all dem groß geworden und durfte sein, was sonst nicht gilt: der Prophet im eigenen Land. Über Antisemitismus habe ich als Jugendlicher schon mit Palästinensern diskutiert, später mit Rechtsradikalen. Das Thema ist mir also seit dem 15. Lebensjahr ständig begegnet, ich lebe damit und begegne ihm mit einer deutlich professionellen Attitüde. 

Wie empfanden Sie die Eröffnung der Jüdischen Kulturtage in der Tonhalle?
Szentei-Heise Sehr lebendig, sehr schön und vielfältig. Ich organisiere selbst Veranstaltungen und krittel gerne an Details herum. Kinder und Jugendliche auf der Bühne, Theaterleute - und dann als Überraschungsgast die Toten Hosen mit den Musikern von der Robert-Schumann-Hochschule: Das war großartig.

Wie hat sich das Verhältnis der Jüdischen Gemeinde zu den Toten Hosen entwickelt? Was bedeutet Ihnen diese Beziehung?
Szentei-Heise Als die drei Konzerte zur verfemten Musik im Oktober 2013 über die Bühne gegangen waren, war die Diskussion auf Vorschlag von Ruth Rubinstein, den Toten Hosen und Professor Thomas Leander von der Robert-Schumann-Hochschule die Josef-Neuberger-Medaille zu verleihen, die kürzeste, die wir je hatten. Als wir uns mit dem Hintergrund der Band beschäftigten und sahen, wie konsequent sie sich schon immer gegen Rechts, für Menschenwürde etc. eingesetzt hatte, haben wir uns eher gefragt, wieso wir sie nicht schon eher ausgezeichnet haben. Die Verleihung mit dem Auftritt war dann das Emotionalste, was wir in 25 Jahren erlebt haben.

Und jetzt gibt es eine Connection.
Szentei-Heise Ja, wir kennen und vertrauen uns. Dass die Toten Hosen bei der Eröffnung der Kulturtage gespielt haben, haben wir am Abend der Preisverleihung spontan ausbaldowert. Gerade erst haben sie wegen eines anderen Projekts angerufen, das sie verfolgen. Es ging um eine historische Frage. Unser Umgang ist sehr unkompliziert, weil das tolle Typen sind, sehr liebenswürdig und authentisch.

Die Jüdischen Kulturtage betonen die eigene Identität – wie wichtig ist dies für die Gemeinde auch vor dem Hintergrund drohender Assimilation?
Szentei-Heise Mir ist jedes Mittel recht, um zu zeigen, dass das Judentum sich nicht nur über den Holocaust definiert, sondern unglaublich viel zu geben hat. Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, dann sprechen wir von einem christlich-jüdischen Abendland. Die westlichen Werte des Abendlandes sind mit geprägt durch jüdische Kultur. Das gerät immer wieder in Vergessenheit und man muss dies der nicht-jüdischen Welt aufzeigen. Es gibt nicht nur die orthodoxen Juden mit den Schläfenlocken und auch nicht nur die Shoa. Wenn ich es plakativ sagen darf: Bis 1933 waren 25 Prozent aller deutschen Nobelpreisträger Juden – bei einem Bevölkerungsanteil von einem Prozent. Der Gesellschaft ist viel gegeben worden. Von dem Verlust seiner Juden hat sich Deutschland bis heute nicht erholt.

Wenn Sie für die Jüdische Gemeinde Düsseldorf einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das? Szentei-Heise Frieden für alle, nicht nur für unsere Gemeinde. Ein Ende von Aggression und Terroranschlägen. Das Geld, das ich jedes Jahr für Sicherheitsaufgaben ausgeben muss, würde ich gerne für Bildung einsetzen und schöne Dinge, etwa für Ferienfahrten der Kinder – damit sie die Schönheit des Lebens auskosten können.

DAS INTERVIEW FÜh UWE-JENS RUHNAU.

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