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Jugendarrestanstalt in Düsseldorf
So funktioniert Aufklärung hinter Gittern

Jugendarrestanstalt: So funktioniert Aufklärung hinter Gittern
Oft muss Frank Bufler korrigieren, was seine Schützlinge sich auf Pornoseiten und auf der Straße an gefährlichem Halbwissen angeeignet haben. FOTO: H.-J. Bauer
Düsseldorf. In der Jugendarrestanstalt berät Frank Bufler junge Straftäter in Sachen Sexualität. Oft muss er aber viel früher anfangen, beim Verhalten gegenüber Frauen, bei Fragen von Respekt und auch zur Funktion des eigenen Körpers. Von Stefani Geilhausen

Eigentlich ist "Schoolwork" seine Aufgabe: Für die Aidshilfe geht Frank Bufler in Schulen, um über Verhütung und HIV-Prävention zu sprechen. Aber weil das Konzept dieser aufsuchenden Aufklärungsarbeit bei Jugendrichter Edwin Pütz auf großes Interesse stieß, landete Bufler vor anderthalb Jahren sozusagen hinter Gittern.

Aufklärung aus Internet-Pornos

Pütz war seinerzeit auch Leiter der Jugendarrestanstalt, hatte den Sozialpädagogen Bufler schon durch dessen frühere Arbeit in der Jugendhilfe kennengelernt, und sich gedacht: Sexualberatung brauchen unsere Jungs auch. Und Bufler ist der richtige dafür, er beherrscht die Sprache der Jugendlichen, die meist aus unsozialen, bildungsfernen Verhältnissen in die Arrestanstalt kommen, er redet ohne Tabus, und das, sagt er, ist auch nötig, um diese jungen Männer zu erreichen. Einem 21-Jährigen, der zweifacher Vater ist und noch nie ein Kondom benutzt hat, dem kann er nicht mit anatomischen Begriffen kommen. Auch nicht dem 18-Jährigen, der die achte Klasse nicht geschafft und seine sexuelle Aufklärung aus Internetpornos hat.

Solchen Jungen muss Bufler erst einmal die Grundlagen menschlicher Sexualität beibringen, und auch, dass die ganz anders funktioniert als in Pornofilmen aus dem Netz. "Viele begreifen nicht mal, wie ihr Körper funktioniert, die schlucken Pillen, die sie im Netz bestellen, in der Hoffnung, ihre vermeintlichen körperlichen Unzulänglichkeiten - die sie beim Porno-Vergleich festgestellt haben - auszugleichen", sagt Bufler.

Jugendliche machen draußen "auf dicke Hose", drinnen stellen sie viele Fragen

Dass seine Sprechstunde immer gut besucht ist, liegt nicht nur daran, dass der Titel Sexual-Sprechstunde auf die (Spät-)Pubertierenden einen gewissen Reiz ausübt. Die Teilnahme an den Kursangeboten der Jugendarrestanstalt ist mehr oder minder verpflichtend, und weil der Arrestalltag ohne Handy, PC und Fernsehen alleine in der Zelle ziemlich langweilig ist, melden sich viele auch freiwillig an.

Sehr schnell geht es dann aber nicht mehr nur um die körperlichen Aspekte und die Notwendigkeit von Schutz vor HIV und Geschlechtskrankheiten. "Verhalten spielt eine sehr große Rolle", sagt Bufler. Die jungen Männer, die "draußen gern auf dicke Hose machen", fragen in der geschützten Atmosphäre nach vielem, was ihnen eigentlich Sorgen macht. Anzeichen von Erkrankungen beispielsweise, die eigene oder der Umgang mit der Homosexualität eines Freundes.

Auch, wie man ein Mädchen anbaggert. Nicht erst seit Silvester diskutieren Buflers Gruppen über Respekt. "Die meisten wissen, dass das, was in Köln geschehen ist, falsch war", sagt Bufler. Wenn sie dann in der Gruppe - maximal acht junge Männer nehmen teil - darüber diskutieren, werde oft deutlich, dass viele mit respektlosem Verhalten versuchten, einem Rollenbild gerecht zu werden, das sie eigentlich nicht teilen. Das Problem sei dabei in der Regel keins, das mit Religion zu tun habe, sondern eins der Bildung. "Die meisten jungen Männer hier haben keinen Schulabschluss, beziehen ihr Wissen von der Straße, aus Filmen oder - wenn es um intime Dinge geht - aus anonymen Internetforen wie 'Gute-Frage'. Und da gibt es selten gute Antworten", sagt Bufler.

Mehr als 400 Arrestanten haben Buflers Sexual-Sprechstunde schon besucht, und erst zwei Mal hat er junge Männer ausgeschlossen, "die wollten einfach nichts verstehen", sagt er. Bei den anderen hat er ein gutes Gefühl. "Ich glaube fest, dass ich etwas für sie verändere. Dass kleine Teilchen dessen, was sie hier lernen, für ihr Leben hängen bleiben."

Quelle: RP
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