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Heimat erleben in Düsseldorf
Jugendliche und ihre zweite Heimat

Heimat erleben in Düsseldorf: Jugendliche und ihre zweite Heimat
Suzanna (14) aus Polen lebt seit einem Jahr in Düsseldorf. Mit anderen Jugendlichen der Gesamthauptschule Bernburger Straße nimmt sie im Atelier des Künstlers Mischa Kuball (stehend) an dem Projekt "Heimat - Herkunft - Heute" des Heine Hauses teil. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Schüler mit Migrationshintergrund erforschen in einem Projekt des Heine Hauses mit dem Künstler Mischa Kuball ihre Identität. Was bedeutet zu Hause? Was macht Düsseldorf für sie aus? Ergebnisse werden morgen präsentiert. Von Denisa Richters

Vier Jahre war die Familie von Suzanna getrennt. Erst sind ihre ältere Schwester und ihr Vater aus Nord-Polen nach Deutschland gezogen, dann folgte vor einem Jahr der Rest der Familie. Was für sie Heimat und zu Hause bedeutet? "Mein Bett, Freiheit, Geburtstag feiern mit der Familie", sagt die 14-Jährige. Und natürlich polnisches Essen: Piroggi und Bigos. Was das genau ist, fragen ihre Mitschüler. Sie kennt die Rezepte, aber nicht alle deutschen Begriffe. Details will sie nachliefern.

Jugendliche der Gesamthauptschule Bernburger Straße haben für zwei Tage Unterrichtsräume gegen das Atelier des Düsseldorfer Künstlers Mischa Kuball getauscht und sich auf die Spuren ihrer Identität und der neuen Heimat Düsseldorf gemacht. Sie stammen aus dem Irak, aus Serbien, Albanien oder Ägypten. Der Workshop ist ein Projekt des Heine Hauses, unterstützt von der Bürgerstiftung Düsseldorf, morgen präsentieren die Mädchen und Jungen ihre Ergebnisse im Heine Haus (siehe Info-Kasten).

Nacheinander gehen die Schüler nach vorne, erzählen, woher sie und ihre Familien stammen, was ihnen Heimat bedeutet, welches Essen, welche Feiertage typisch sind. Für den einen ist die Toilette zu Hause das Wichtigste, für den anderen der Namens- oder Nationalfeiertag. In Polen ist es der 11.11. - ein "trauriger, besinnlicher Tag", sagt Suzanne. Das närrische Treiben zum Start des Karnevals draußen spielt für sie und ihre Familie da keine Rolle.

Was bedeutet für sie alle Düsseldorf? "Ich bin dankbar, hier zu sein", sagt Kaltrina (14) aus Albanien, die seit acht Jahren in Deutschland lebt. Hier dürfe man seine Meinung sagen, und es gebe keine Blutrache. "Es ist meine zweite Heimat geworden." Das sagt auch Nashuan. Er stammt aus dem Nord-Irak gehört der Minderheit der Jesiden an. "In Deutschland kann man werden, was man will", sagt der 15-Jährige. Ausländerhass kann er nicht verstehen: "Deutschland wäre ohne Ausländer nichts, es muss jedem eine Chance geben, nach dem Zweiten Weltkrieg hat es doch auch eine Chance bekommen." Auch Stivan (15) ist Jeside aus dem Nord-Irak. "Hier kann ich auf Feste gehen, ohne um mein Leben zu fürchten." Ähnlich sieht es Ramy (15) aus Ägypten: "Deutschland ist viel sicherer als bei uns." Alex (14) aus Serbien ergänzt: "Der Verkehr ist sicherer, bei uns wird man überfahren."

Saubere Krankenhäuser, bessere Technik nennt Ibrahim (14), halb Bosnier, halb Tunesier, als Vorteile Düsseldorfs. Für Manar (14) ist das McDonald's der Höhepunkt. In Syrien gebe es das nicht. "Ich mag das Land, aber nicht manche Leute", sagt Randy (12). Er ist in Düsseldorf geboren, seine Eltern stammen aus Nigeria. Wenn er auf Rechtsextreme trifft, wie neulich am Rand der Dügida-Demonstration, mache ihm das Angst. Emily (15), seit zwölf Jahren in Düsseldorf, vermisst die Dominikanische Republik. "Dort ist es wärmer, es gibt einen Strand. Und das Essen ist besser." Kochbanane mit weichem Käse zum Beispiel.

"Wir wollen ihr Selbstvertrauen stärken, zeigen, dass wir uns für sie interessieren, aber auch die Zerrissenheit zwischen der Liebe zur alten und zur neuen Heimat", erklärt Ursula Nowak vom Heine Haus das Ziel des Projekts. Künstler Mischa Kuball, der bereits mit "New Pott" Heimat in 100 Einzelporträts thematisiert hat, sagt: "Unwissenheit ist oft die Ursache von Vorurteilen und Angst." Die soll das Projekt abbauen. "Man kennt sich, und weiß doch so wenig voneinander."

Das gilt auch für die Gruppe. Da stellen Mitschüler fest, dass sie aus Nachbarorten im Irak stammen. Oder sie erfahren, dass bei Luna und Juliana, 13-jährige Sinti aus Düsseldorf, Pferdefleisch nie auf den Tisch kommt. "Es waren unsere Transporttiere", erklärt Luna, "wir danken, indem wir sie nicht essen."

Quelle: RP
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