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Serie 60 Ist Die Neue Lebensmitte
Jungbrunnen Rock'n'Roll

Serie 60 Ist Die Neue Lebensmitte: Jungbrunnen Rock'n'Roll
Bernie Lewkowicz in seiner Kommandozentrale: mit Auszeichnungen an der Wand und einer Diskokugel in Totenkopfform FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Bernie Lewkowicz hat als Konzerthelfer angefangen und managte später die Auftritte von Rammstein, Robbie Williams und den Hosen. Von Konrad Schnabel

Seit über 40 Jahren holt Bernhardt Lewkowicz, in der Szene kurz Bernie genannt, die großen Live-Events nach Düsseldorf. Zuletzt Ende Juni, als er binnen einer Woche mit Robbie Williams und Kraftwerk zwei der größten Konzerte des Jahres organisierte. Außerhalb der Musikszene ist er kaum bekannt. Während sich mancher Hobby-Veranstalter gerne in den Medien profiliert, meidet Lewkowicz das Scheinwerferlicht. Viel wichtiger als der Ruhm ist ihm die Bilanz. Schließlich betreibt er sein Geschäft als Vollprofi, nicht als von öffentlichen Geldern geförderter Kulturvermittler. Ein Kaufmann, der in zweiter Ehe mit einer Professorin für BWL verheiratet ist. Da muss man nicht groß raten, welchen Studiengang seine beiden Kinder absolviert haben.

Wie ein typischer Ökonom kommt er allerdings nicht rüber. Sein Outfit besteht im Wesentlichen aus einem bequemen Sammelsurium von Merchandising-Klamotten, als Halsschmuck trägt er ein paar Backstage-Pässe und ein obligatorisches Baseball-Käppi oben drauf. Lewkowicz gehört nicht zu denen, die sich verbissen Anti-Irgendwas auf die Haut klatschen, Modetrends oder der ewigen Jugend hinterherhecheln. Er stand sogar über all die ganzen Punk- und Techno-Jahre zu seinem buschigen Schnauzer. Als Bärte wieder hip wurden, rasierte er ihn ab.

So wenig Aufhebens er um seine Person macht, so wenig schert er sich um Ehrentage. Seinen 60. Geburtstag wollte er so alltäglich wie möglich verbringen: Beruflich unterwegs in der Mitsubishi Electric Halle, beim Konzert mit Alan Parsons. Unter großer Geheimhaltung ließen ihn seine Mitarbeiter nach der Show doch noch mit einer Überraschungsparty hochleben.

56 Jahre zuvor waren seine Eltern mit dem kleinen Bernie vor dem Berliner Mauerbau nach Düsseldorf geflohen. "Wir wohnten damals mit der Familie Heinersdorff im gleichen Mehrfamilienhaus an der Kaiserswerther Straße. Die mussten abends oft arbeiten und meine Eltern haben auf deren Kinder aufgepasst." Durch diesen Kontakt jobbte er als Jugendlicher beim Konzert Kontor Heinersdorff, schleppte bei Konzerten Kisten und machte alles Mögliche. "Meine Eltern pochten aber darauf, dass ich ein Studium absolviere. Nach einem misslungenen Versuch mit Maschinenbau in Aachen einigten wir uns auf BWL."

1986 machte sich Lewkowicz mit der Firma Concert Team selbstständig. Er erkannte schnell, dass Düsseldorf noch eine mittelgroße Konzerthalle benötigt und wurde mit dem Tor 3 fündig. In der florierenden Dekade Ende der 80er bis Ende der 90er avancierte es zur Top-Adresse in NRW. Große Namen wie Guns'n'Roses, Rammstein, Robbie Williams und Die Toten Hosen nutzten die ehemalige Fabrikhalle auf dem Weg zur Superstarwerdung. Die meisten blieben Lewkowicz bis heute treu.

Schneller, höher, weiter hieß die Devise, bis es 1997 zum Desaster beim "1000 Konzert" der Toten Hosen im Rheinstadion kam. Ein 16-jähriges Mädchen aus den Niederlanden verstarb, 300 weitere Fans werden verletzt. 72 Stunden am Stück verrichtete Lewkowicz ein vorbildliches Krisenmanagement.

Auch als Ausbilder hat er seine Spuren in der Party- und Kulturlandschaft Düsseldorfs hinterlassen. Stefan Prill (Stahlwerk), Kai Schlossmacher (Allrounder), Fabian Feldmann (Milchbar) und Stefan Jürging (Savoy, Volksbühne) lernten ihr Handwerk bei ihm.

Zwar könnte sich der Rotwein- und Zigarren-Connaisseur längst zur Ruhe setzen, doch daran verschwendet er keinen Gedanken. "60 ist doch kein Alter" meint er und nennt seinen neuen Lebensabschnitt genauso lakonisch "Projekt 6.0". Statt sich in seinem südfranzösischen Domizil zurückzulehnen, arbeitet er unverändert und mit viel Spaß in seiner kleinen Lohausener Kommandozentrale, Garten und Flugzeuglärm inklusive. Mehr als 320 Konzerte betreute seine Agentur in diesem Jahr. Doch der Blick geht stets voraus, der Tatendrang ist ungebremst. "Als ich mich selbstständig machte, gab es parallel die Junge Aktionsbühne. Dort wurden viele Talente entdeckt, die ihren nächsten Schritt dann mit uns machten. Jetzt ist es an der Zeit, selbst Aufbauarbeit zu betreiben. Wir wollen uns nicht mehr alleine auf die Großkonzerte konzentrieren, sondern Bands von Klein bis Groß betreuen."

Mit dem The Tube Club in der Altstadt hat er begonnen, jetzt sucht er zwei weitere Locations mit einer 500er- und 1500er-Kapazität. Bei der Suche unterstützt ihn auch die Stadtspitze. Kein Oberbürgermeister habe die wirtschaftliche Strahlkraft der Musikbranche und den Nutzen eines bestens vernetzten Managers so deutlich erkannt wie Thomas Geisel, meint er. Und ein "Tor 3 reloaded" wünschten sich wohl auch seine Schäfchen.

Quelle: RP
 
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