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Heimatreport
Kafkaeskes Kalkum

Düsseldorf. Unser Autor ist bei seinem Besuch im Norden der Stadt beseelt von der Idylle. Im Schloss Kalkum hat er ein sonderbares Erlebnis.

Mein Besuch der Schlossallee in Kalkum gestaltete sich vollkommen anders als gedacht. Vor allem der Besuch des Schlosses. Wer - wie ich - mithilfe des Gesellschaftsspiels Monopoly in die Grundzüge des kapitalistischen Wirtschaftssystems eingeführt worden ist - Leitsatz: mehr ist besser -, der wächst mit der Gewissheit auf, eine Schlossallee sei das höchste der Gefühle, der Olymp, das Ziel aller Mühen.

Mit dieser Vorstellung fuhr ich nach Kalkum. Die Kalkumer Schlossallee entsprach ihr nicht ganz. Sie ist eine ewig lange, an Feldern vorbeiführende Landstraße. Allein schon die altertümlichen Namen der Straßen, die hier abzweigen: Viehstraße. Gerichtsschreiberstraße. Dazu die Aura des Dörflichen. Schon mal von der Sackgasse Am Klompenkothen gehört, unmittelbar am Schwarzbach? Oder die lebensgroßen schwarzweißen Katzen aus Stein bewundert, die in Kalkum dekorativ an gusseisernen Fenstergittern und über Zäunen hängen, als hätte es sie mal im Sonderangebot gegeben? Na, dann doch lieber das "Haus des Kuhhirten" bestaunen, erbaut 1703. Und gleich daneben das "Haus des Schweinehirten", ebenfalls aus dem Jahre 1703.

So langsam bin ich wirklich fassungslos, wie idyllisch Düsseldorf ist. Ich kapiere immer weniger, was die Leute vom Stadtmarketing so lange geritten hat, Düsseldorf als Synonym für Kö und Altbier und Oberkassel zu verkaufen. Dabei steht das alles höchstens für ein Prozent von Düsseldorf. Wie ich in Kalkum den Weg Auf der Hofreiht entlangging, der gesäumt ist von Doppelhaushälften und wo es einen Kreisverkehr gibt, der so lauschig ist, dass ich mich fragte, wieso es an dieser Stelle einen Kreisverkehr gibt, wollte ich ausrufen: Du bist Düsseldorf! Ja, Kalkum, auch du! Stattdessen blieb ich stehen, kritzelte etwas in den Block und fotografierte. Es war mittags halb zwölf, und weit und breit keine Menschenseele. Wenn du in einer stillen Wohnsiedlung auf offener Straße schreibst und knipst, wirst du in der Regel von irgendwem durch ein Fenster kritisch beäugt - so kommst du ins Gespräch. Ein alter Trick von mir. Diesmal kam ich mit einer jungen Frau ins Plaudern, die in einer Doppelhaushälfte Fenster putzte. Praktisch das Erste, was sie zu mir sagte, war: "Sind Sie an Immobilien interessiert?" Ich: "Immer!" Sie: "Da hinten, da ist was zu verkaufen. Eine Doppelhaushälfte, so wie unsere." Ich: "Wie viel?" Sie: 580." Ich: "Ist es schön, hier zu leben?" Sie: "Ja. Viele Familien mit Kindern ziehen hierher. Für Kinder ist es perfekt."

Kalkum ist einer der ältesten Stadtteile Düsseldorfs. Es soll eine Urkunde aus dem Jahre 947 geben, die auf Kalkum verweist. Im Landhaus Freemann, direkt an der Schlossallee gelegen, hatte die Mitarbeiterin hinterm Tresen geschwärmt, wer in Kalkum einmal wohne, der wolle nicht mehr weg. Außerdem hatte sie von der Mühle am Schwarzbach erzählt und den vielen denkmalgeschützten Häusern in dem Stadtteil. Ich konnte ihre Liebe verstehen. Wie ich durch den Schlosspark lief, gegenüber vom Freemann, war ich regelrecht ergriffen von der Historie. Noch ergriffener war ich von dem Umstand, dass das Schloss, dieses steinalte prachtvolle Wasserschloss, komplett leer stand. Leere alte Immobilien ziehen mich an. Sie repräsentieren für mich eine Art Zeit-Vakuum. Eine Zwischenzeit. Eine, wie soll ich das nennen, Kluft an Gegenwart. Während der eine Teil der Geschichte des Hauses vergangen ist, hat der nächste noch nicht begonnen. Als klappte eine Zeitfalltür auf. Und ich liebe es, hineinzuspringen.

Alle Türen in dem Schloss waren verriegelt. Einzig ein Scheunentor stand offen, weil drinnen Handwerker zugange waren. Ich schlüpfte durch das Tor, und ehe mich einer der Arbeiter bremsen konnte, war ich schon einen Raum weiter und hatte eine Metalltür hinter mir zugezogen. So gut wie alleine in einem Schloss zu sein, ist unbeschreiblich, zumal dann, wenn es sich um das Kalkumer Schloss handelt, das seit Monaten instandgesetzt wird und in dem ehemals das Landesarchiv untergebracht war.

Ich lief in einen düsteren Raum, der auf den Innenhof ging. Er war voller grauer, leerer Metallregale, vom Boden bis zur Decke. Ich verließ den Raum, stand in einem Durchgang und öffnete die Tür zum nächsten Raum. Wieder reihenweise graue, leere Metallregale. Im Raum dahinter dasselbe Bild. Dahinter dasselbe. Dahinter dasselbe. Die Welt schrumpfte zusammen auf Kolonnen von grauen, leeren Regalen. Der Leichnam eines Archivs. Gefleddert. Geplündert. Ich wähnte mich in einem Roman von Franz Kafka, der ja nicht zufällig "Das Schloss" geschrieben hat. Ehe ich paranoid werden konnte, weil eine tote Bürokratie Macht über mich gewinnen wollte, lief ich den Weg zurück und war - vorbei an den erstaunten Arbeitern - raus.

Ich weiß nicht, woran es liegt, dass ich dauernd gefragt werde, ob ich an Immobilien interessiert bin. Sehe ich wohlhabend aus? Oder so gutgläubig, dass alle denken, den kannst du über den Tisch ziehen? Oder beides? Jedenfalls, auf einem der gekiesten Wege, die zum Schloss führen, spielten sechs Männer und eine Frau, alle im besten Pensionärsalter, Boule. Die Sonne schien, leuchtend gelb und rot gefärbtes Laub lag auf dem Weg. Ich sprach die Herrschaften auf das Schloss an, woraufhin einer der Männer zu mir meinte: "Wollen Sie es kaufen?" Ich: "Wie viel?" Er: "Ein Euro." Er berichtete, dass das Schloss schon seit sechs, sieben Jahren leer stehe und dass es einmal fast an Scheichs verkauft worden wäre, die dort ein Hotel hätten bauen wollen. "Dann hätten wir hier nicht mehr spielen dürfen", sagte der Mann. Darauf ich: "Wenn ich das Schloss kaufe, dürfen Sie weiterspielen. Gegen eine Gebühr, versteht sich. Irgendwie muss ich die Unterhaltskosten ja reinholen." Er sagte klar und deutlich "jaja", konzentrierte sich auf seinen Wurf, schwang den Arm und warf. Ich denke, der Deal geht klar. Meine erste Amtshandlung als Schlossbesitzer besteht darin, die kafkaesken Regale abzustoßen. Hat jemand Interesse? Aber bitte nur Selbstabholer.

Quelle: RP
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