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Düsseldorf
Katerstimmung nach dem Brexit

Düsseldorf. Die IHK und die britische Handelskammer luden zum ersten Austausch nach der Entscheidung, die EU zu verlassen. Die Stimmung mutete an wie Gespräche nach einer Scheidung über die Kinder. Von Thorsten Breitkopf

Gestern, kurz vor drei vor der Industrie- und Handelskammer. Eine schwarze Jaguar-Limousine fährt vor. Darin sitzt ein britischer Diplomat. Sein Auto kommt ausgerechnet an den Fahnenmasten vor der Kammer zu stehen, an denen neben der schwarz-rot-goldenen die Flagge der Europäischen Union mit den zwölf Sternen auf blauem Grund weht. Die Sterne standen einmal für die Europäische Gemeinschaft der zwölf. Einer von ihnen war Großbritannien, der Union beigetreten im Jahr 1973. Das ist Geschichte. Das britische Volk hat per Referendum beschlossen, die Europäische Union verlassen zu wollen.

Hätte man die gut 100 Wirtschaftsvertreter, die zu dem Infonachmittag von IHK und der britischen Handelskammer "Britsh Chamber of Commerce" gekommen waren, gefragt, wäre das Vereinigte Königreich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Europäischen Union geblieben. Die Stimmung ist gedämpft, ein bisschen so, wie wenn einem nach durchzechter Nacht am Morgen klar wird, was gestern Abend wirklich Schlimmes passiert ist. Langsam kommt die bittere Erkenntnis. Denn im Saal herrscht Einigkeit, dass wohl niemand, nicht mal die Befürworter des Brexit, wirklich an ihn geglaubt haben.

Symptomatisch für das Verhalten Großbritanniens sind auch die Regeln für die gestrige Veranstaltung. In Deutschland gibt es eigentlich drei Möglichkeiten für Gespräche in Anwesenheit der Presse. Unter eins: Alles darf geschrieben werden. Unter zwei: Die Quelle wird vernebelt (etwa "wie aus Diplomatenkreisen zu hören war"). Oder unter drei: kein Wort in der Zeitung, Hintergrundgespräch.

Doch die Briten wählten für die Talkrunde eine typisch britische Lösung, die so genannte Chatham-House-Rule, das heißt, dass die freie Verwendung der erhaltenen Informationen unter der Bedingung gestattet ist, dass weder die Identität noch die Zugehörigkeit von Rednern oder anderen Teilnehmern preisgegeben wird. Daher bleiben Gäste und Redner in diesem Text meist namenlos - ein britischer Sonderweg in Düsseldorf halt.

Ein Experte legt dar, welche Folgen der Brexit für Deutschlands, Britanniens und Düsseldorfs Wirtschaft hat. Mit vielen Zahlen, die wir hier weglassen. Die Kernbotschaft: Alle werden verlieren. Weniger Zusammenarbeit, weniger Geschäft auf beiden Seiten, mehr Gerichtsprozesse, die Rückkehr von Zöllen, eine Einschränkung der Freizügigkeit, wesentlich erschwerte Auslandsstudenten a la Erasmus. Möglicherweise eine Visums-Pflicht. Großbritannien könnte im schlimmsten Fall ein Dritt-Staat wie Jamaika werden. "Alles nicht so schön" schließt der Experte lapidar. Im Saal schweigende Zustimmung.

Dann startet der anonyme Diplomat und beantwortet die Fragen der anonymen Gäste. Ein Rührei lasse sich nicht trennen, habe er früher geglaubt, doch die Wissenschaft wisse heute, dass es geht. Kernbotschaft: Der EU-Austritt ist machbar, ein Aus vom Aus undenkbar. Stille im Saal. Die EU sei seit Jahren eine Aneinanderkettung von Krisen. Für Kontinental-Europa sei die EU ein Friedensprojekt, für Britannien nicht. "Die Insel ist seit 1000 Jahren nicht erobert worden", sagt der anonyme Diplomat. Ein schwieriger Vergleich, findet man im Publikum. Die EU sei für Briten volksfern und lobbygesteuert. Ein Engländer aus dem Publikum stimmt ein, beklagt die vielen Migranten im United Kingdom und sagt: die wirtschaftlichen Vorteile nehmen, aber mehr Souveränität kriegen - dann wären die Briten der EU auch nicht von der Stange gegangen. So sehen es wohl viele Briten. Außerdem sei der Brexit das kleinere Übel, sein Land habe die Wahl gehabt zwischen Unsicherheit und Desaster und habe sich deshalb richtigerweise gegen ein Desaster entschieden. "Das Sicherheitsdenken ist typisch deutsch", sagt er. Der anonyme Diplomat beendet seinen Vortrag mit dem expliziten Wunsch: "Starke Reformen sind ein Muss in der EU!" Das ist in etwa so, als würde man die Scheidung von seiner Ehefrau einreichen und gleichzeitig fordern, dass diese sich nach dem Trennungsjahr zu einem besseren Menschen mit neuer Frisur entwickeln müsse.

Einige brechen dann doch die Chatham-House-Rule. "Großbritannien bleibt ja Teil Europas, wir hoffen auf einen Brexit light", sagt Andreas Meyer-Schwickerath von der britischen Handelskammer. Und zitiert zum Schluss noch den Song Hotel California: "You can checkout any time you like, but you can never leave!" Sinngemäß, du kannst gehen, aber nicht ganz.

Anwalt John Hammond, selbst Brite und nach eigenen Worten Profiteur der EU-Freizügigkeit, warnt davor, zu glauben, alles werde noch gut. "Der Brexit ist unabwendbar." Doch in einer Sache widerspricht er seinem Diplomaten-Landsmann. "Die Suche nach Sicherheit ist nicht typisch deutsch, sie ist typisch Geschäft."

Quelle: RP
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