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Hartz-IV-Empfänger in Düsseldorf
Kein Geld für Sommerferien

Hartz-IV-Empfänger in Düsseldorf: Kein Geld für Sommerferien
Viele Familien in Deutschland können sich in den Sommerferien keinen Urlaub leisten (Symbolbild). FOTO: dpa
Urlaub? Für viele Familien in Deutschland ist das ein Fremdwort. Allein in NRW leben 1,2 Millionen Menschen von Hartz IV. Wie verbringt man die Sommerferien ohne Geld? Besuch bei einer Hartz-IV-Familie in Düsseldorf-Benrath.  Von Susanne Hamann, Düsseldorf

Es ist 10.15 Uhr an einem Dienstag. Thomas Hillers (alle Namen von der Redaktion geändert) beste Freunde klingeln gerade an seiner Tür. Die drei 16-Jährigen haben einiges vor. Sie gehen heute zusammen ins Phantasialand in Köln. Achterbahnfahren, bis es nicht mehr geht. Danach gehen sie gemeinsam zu einem der drei nach Hause. Essen, zocken, chillen.

Nur Thomas kann nicht mit. Was sich anhört wie der normale Tagesplan eines Jugendlichen, wird er sich vermutlich bis zum Abitur nicht leisten können. Die Mutter von Thomas gehört zu den knapp 1,2 Millionen Hartz-IV-Empfängern in NRW. 57,25 Euro in der Woche, also 229 Euro im Monat hat die alleinerziehende Mutter für sich und ihren Sohn. Es ist das Geld, das ihr vom Jobcenter aufs Konto überwiesen wird, nachdem die Miete abgerechnet worden ist. Kindergeld und Unterhalt gehen zusätzlich als Einnahmen auf ihr Konto. Doch einen Großteil ihrer Einnahmen muss sie aufwenden, um Schulden zu bezahlen, sagt uns Nadine Hiller. Es blieben demnach 229 Euro. Damit gehört Thomas zu den 654.000 Kindern und Jugendlichen in NRW, die in Armut aufwachsen. Betroffen ist fast jeder fünfte Minderjährige. 

Von dem Geld muss die 53-jährige Mutter alles bezahlen: Kleidung, Schulbücher, kaputte Küchengeräte, Versicherungen. Das ist im alltäglichen Leben schon schwierig. Am schlimmsten ist es aber, wenn etwas Besonderes ansteht: Konfirmation, Geburtstage oder eben Ferien. Denn was tun, wenn man sich ein Freizeitprogramm nicht leisten kann?

10.25 Uhr

Thomas ist also nicht auf dem Weg in den Freizeitpark, sondern in die Küche. Er ist gerade erst aufgestanden. Eigentlich ist ihm ausschlafen gar nicht so wichtig. Aber es ist eine Beschäftigung. Er macht sich eine Schüssel Cornflakes und setzt sich neben seine Mutter an den Tisch. An fast jeder Wand der 93-Quadratmeter-Wohnung hängen Fotos der beiden Kinder. Seine 21-jährige Schwester ist vor einem Jahr ausgezogen. 

13 Jahre wohnt Familie Hiller jetzt in Düsseldorf-Benrath. Beim Einzug waren sie noch zu viert. Drei Jahre später kam die Trennung und Mutter Hillers Mann zog aus. Eigentlich hätte sie die Wohnung damals aufgeben müssen. Aber zwei Todesfälle in der Familie kamen dazwischen. Eine außergewöhnliche psychische Belastung. Seitdem lässt sie das Amt mit dem Thema in Ruhe. Von Luxus kann trotz der Größe ohnehin nicht die Rede sein. Die meisten Möbel hat Mutter Hiller vor Jahren von ihrem Neffen übernommen. Die ockerfarbenen Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen, die Flecken im Boden werden durch kleine Teppiche abgedeckt. Die Spüle in der Küche hat einen Riss.

Thomas macht seine Schüssel leer. Dann legt er sich wieder ins Bett. Ein Sofa gibt es in dem 12-Quadratmeter-Zimmer ebensowenig wie einen Computer. Also nimmt er sein Handy und guckt Serien. Er weiß, dass seine Freunde jetzt gerade am Rechner sitzen und zocken, googeln, facebooken. Aber der Gemeinschafts-PC der Hillers schmiert schon ab, wenn man ein Schreibprogramm öffnen will. Über ein Jahr hat Thomas gespart, bis er sich wenigstens das Smartphone leisten konnte. Natürlich nicht die neueste Generation. "Mit 20 Euro Taschengeld im Monat kommt man nicht weit", sagt er. 

10.47 Uhr

Mutter Hiller trinkt noch ein Glas Wasser mit ihrer Tochter Melanie. Die 21-Jährige ist für zwei Wochen zu Besuch. Eigentlich studiert sie soziale Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Um 11 Uhr zieht Melanie die Tür hinter sich zu. Sie will eine Freundin in Bochum besuchen. 

Jetzt hat Mutter Hiller drei Dinge zu tun: den Haushalt, zur Tafel gehen und Fernsehen. "Manchmal komme ich mir schon vor wie 80, weil ich das Fernsehprogramm in- und auswendig kenne", sagt sie. "Aber ich kann mir nun mal nichts anderes leisten." Ihr liebstes Hobby, der Karnevalsverein, ist längst dem Sparzwang zum Opfer gefallen. Freunde gibt es auch nur noch wenige. "Wenn man Einladungen zu oft ablehnt, weil man sich das Ausgehen nicht leisten kann, bleibt das Telefon irgendwann still", sagt Hiller.

Dabei wäre Ausgehen auf jeden Fall Teil ihres perfekten Ferientages. "Ich würde gerne mit meinen Kindern ans Meer fahren. Nach Italien zum Beispiel und einen schönen Tag mit ihnen erleben. Entspannen, sich sonnen und abends schön ausgehen." Ein guter Vino und eine Pasta in einem guten italienischen Restaurant… Es geht aber nicht. Um genau zu sein, geht es nie.

Also widmet sie sich dem Haushalt: Die Spülmaschine leer- und wieder einräumen. Wischen und in der Küche Platz für die Lebensmittel von der Tafel schaffen. "Das sind meine Hauptaufgaben, seit ich Hartz IV beziehe", sagt sie.

Man lässt sie ja nichts anderes machen, seit sich ihr Mann von ihr getrennt hat. Die einen sagten, die ausgebildete Arzthelferin und Bürokauffrau habe zu lange nicht in diesen Jobs gearbeitet. Die anderen fanden, dass Alleinerziehende mit zwei Kindern schwer zu vermitteln seien. Inzwischen kommt eine schwere Erkrankung am Fuß hinzu, die sie nur kurze Strecken zurücklegen lässt. Aber den Kopf würde Mutter Hiller gerne noch beruflich einsetzen. Unterhalt vom Vater bekommen nur die Kinder. Für Thomas sind das 348 Euro. 

12 Uhr

"Thomas, kannst du heute zur Tafel gehen?", ruft Mutter Hiller durch die Wohnung. Der 16-Jährige schaut kopfschüttelnd aus seinem Zimmer. "Er macht das nicht gerne", sagt Monika Hiller. "Es ist ihm unangenehm." Mutter Hiller dagegen ist abgehärtet. Sie hat ihren Kindern versprochen, dass sie niemals hungern müssen. Und das hat sie wahr gemacht, auch wenn das bedeutet, sich für kostenlose Essensspenden bei Hilfsorganisationen wie der Diakonie anzustellen. "Manchmal schaffe ich es sogar, ein Wiener Schnitzel zu kaufen, das ist dann ein echtes Highlight." Daran, dass sie nie essen gehen können, hätten sich Thomas und Mutter Hiller inzwischen gewöhnt. Irgendwie. Es geht ja nicht anders.

12.03 Uhr

Bevor es zur Tafel geht, hat sie Zeit zu lesen. Das macht Mutter Hiller gern. Dafür hat sie sich von den wenigen Freunden einen Ebook-Reader schenken lassen. Am liebsten Historien-Romane, sagt sie. Thomas liegt schon wieder im Bett. Inzwischen hat er sich auf YouTube vorgearbeitet. "Ein wenig Abwechslung in die Serien bringen." Bis auf den Regen ist kein Laut in der Wohnung zu hören.

Thomas überlegt, seine Verabredung am Nachmittag zu verlegen. "Ich gehe dreimal in der Woche in verschiedenen Comicläden mit Freunden Karten spielen. Aber heute haben schon zu viele abgesagt", sagt er. "Und eine Tagesbeschäftigung ist es leider auch nicht."

Etwas mit anderen zu unternehmen ist für ihn ohnehin Stress. "Sie verstehen nicht, dass ich mir nicht einfach so einen Döner leisten kann oder den Eintritt ins Kino." Seine engsten Freunde laden ihn immer wieder ein. "Aber das ist mir auf Dauer auch unangenehm." Nur einmal hat er es am Ende doch gerne angenommen. Damals hat ihn die Familie eines Freundes in ihr Haus auf Sardinien eingeladen. 

"Das war wirklich toll", sagt Thomas. "Am Strand liegen, den ganzen Tag entspannen und das Essen war unheimlich gut." Er denkt zugleich gern und ungern daran. Denn so schnell wird er wohl nicht wieder rauskommen.

"Ich arbeite zwar ehrenamtlich in der Kirche. Aber selbst für die Kirchenfahrten nach Ratingen oder Neuss muss man 50 bis 70 Euro selbst bezahlen. Und dann kommt noch das Taschengeld dazu." Für die Hillers viel zu viel Geld. Von größeren Reisen nach Frankreich oder Kroatien träumt Thomas deswegen nur selten. Aber machen will er sie irgendwann, am liebsten als Kirchenfreizeit.

13.30 Uhr

Mutter Hiller steigt in den 20 Jahre alten, abgeranzten, moosgrünen Opel Kombi. Der Auspuff knattert. Es ist das Schlimmste, das sie sich vorstellen kann: Was, wenn es der Wagen nicht mehr tut? Mit ihrem Fuß käme sie dann nicht mehr weit.

Aber etwas zu unternehmen gibt Energie. Sie freut sich auf die Lebensmittel. Sie möchte Melanie etwas bieten, wenn sie schon mal Zuhause ist. "Es gibt Dinge, die isst sie am liebsten von mir. So wie Mama sie macht."

Im Gemeindesaal der Benrather Kirche kennt man Mutter Hiller schon. Nach 20 Minuten Wartezeit ist sie an der Reihe. Heute nimmt sie Salat, Tomaten, Streuselkuchen, Schokodonuts, Käse, Schinken, Schupfnudeln und jede Menge Brötchen mit. 

14.25 Uhr

Wieder Zuhause, wird die Ausbeute fein säuberlich sortiert. Mutter Hiller hat daraus eine Kunst gemacht. Sie weiß, dass sich Salat länger hält, wenn man ihn wäscht und mit Zitrone beträufelt. Die Brötchen werden am nächsten Tag zum Frühstück aufgebacken. Die Pilze werden geschnitten und eingefroren.

Der Gefrierschrank ist ohnehin einer der wichtigsten Gegenstände in der Wohnung. "Das Amt sagt immer, ich soll sparen für den Fall, dass solche Geräte kaputt gehen. Aber wie soll ich das machen? Ich kann nicht sparen." Sie kann es sich ja nicht mal leisten, mit ihren beiden Kindern in den Ferien ein Eis essen zu gehen. Oder ins Schwimmbad. Oder gar ins Kino. "Das Vergnügen wird als erstes gestrichen, wenn man Hartz IV bezieht", sagt Mutter Hiller. "Wir haben seit Jahren nichts mehr gemeinsam unternehmen können." Sie würde ja gerne, aber wie? Die Rechnung ist einfach: Zwei mal Schwimmbad-Eintritt für je 5 Euro, oder drei Tage Essen kaufen.

15 Uhr

Mutter Hiller isst zu Mittag. Sie nennt das "bunte Pfanne". Da ist alles drin, was übrig ist. So macht sie das jeden Dienstag. "Mal schmeckt es, und mal nicht", sagt sie mit einem Lachen. Thomas hat sich eine Tiefkühlpizza gemacht und isst in seinem Zimmer. Ein familiäres Abendessen gibt es in den Ferien nicht.

Bei Freunden isst Thomas auch in den Ferien nur selten. Das liegt auch daran, dass er immer weniger Freunde hat, seit sich viele von ihnen ständig besaufen. "Weder will ich so viel trinken, noch ist es mir das wert, 5 Euro für einen Sixpack auszugeben."

Ob er sich denn nicht langweilt, wenn er den ganzen Tag Zuhause verbringt? "Doch. Manchmal, wenn ich einfach genug Serien gesehen habe, liege ich so auf dem Bett und frage mich: Und jetzt?" Manchmal würde er dann sogar lieber in die Schule gehen, als weiter so herumzuhängen.

15.53 Uhr

"Ich habe jetzt frei", sagt Monika Hiller. Ihre Tagesaufgaben sind erledigt. Am liebsten hätte Mutter Hiller jetzt Melanie bei sich. Die 21-Jährige und sie gucken gerne gemeinsam Horrorfilme. "Wir gruseln uns dann nicht, sondern lachen uns nur kaputt." Das sind die Momente, in denen Mutter Hiller den Alltag vergessen kann.

Aber Melanie möchte nicht mehr in NRW leben. Die Behörden wären hinter jedem Cent her, den sie verdient. Grund dafür ist, dass der Haushalt der Tochter auch dann zur Bedarfsgemeinschaft von Mutter Hiller gezählt wird, wenn Melanie etwa in Duisburg wohnen und studieren würde. Die Konsequenz: Jeder Verdienst über 120 Euro im Monat würde der Mutter von Hartz IV abgezogen werden.

In Neubrandenburg aber gehört jeder Cent, den Melanie bei ihrem 450-Euro-Job in einer Bäckerei verdient, ihr selbst. "Und jetzt kann ich mir auf einmal alles erfüllen, was ich mir vorher gewünscht habe", hat sie am Morgen noch erzählt. Als sie noch bei ihrer Mutter gewohnt hat, musste sie in den Ferien immer kreativ werden. "Ich habe jede Sommerferien ein anderes Hobby angefangen: Malen, Basteln, Gitarre. Dinge, die kein Geld kosten eben."

Und was leistet sie sich jetzt? "Abends mit Freunden ausgehen oder mal ins Kino. Letzte Woche war ich zum ersten Mal auf einem Festival und ich bin fünf Tage nach Irland gereist." Viel braucht Melanie nicht für ihr Glück, aber sie genießt es, endlich tun zu können, was andere schon mit 14 in den Ferien machen konnten.

16 Uhr

Der Fernseher ist jetzt dran. Mutter Hiller zappt durch die Kanäle. Der große Flachbildschirm ist das neueste Gerät in der Wohnung. Sie hat ihn von einem Ex-Freund geschenkt bekommen. Ohne die Hilfe von Freunden würde es gar nicht gehen. "Je länger man in Hartz IV ist, desto schlimmer wird es. Weil man nie sparen kann und immer wieder ungeplante Ausgaben kommen, etwa wenn mal ein Gerät kaputt geht."

Für heute aber ist der Tag geschafft. Sie wird hier sitzen bis 19 Uhr. Dann legt sie sich ins Bett. Liest. Sieht noch etwas fern. Um 21 Uhr geht meistens das Licht aus.

Und Thomas? Thomas hat das Kartenspiel tatsächlich abgesagt. Zu viel Regen. Und im Bett liegt er ja schon. 

 

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Artikels ist der Eindruck entstanden, dass die Familie lediglich 229 Euro Einkommen hat. Das ist nicht der Fall. Dieses Geld bleibt aber laut der Aussage von Nadine Hiller zum Leben, nachdem Aufwendungen für Schulden abgezogen wurden. 

Das UFA-Kino in Düsseldorf und RP ONLINE haben Familie Hiller drei Freikarten für einen Kinoeintritt und einen Verzehrgutschein für Popcorn geschenkt. 

UPDATE:

Liebe Leser,

Ihre vielen ausführlichen User-Kommentare zu diesem Artikel haben uns überrascht - mit diesen Reaktionen hatten wir offen gestanden nicht gerechnet. Wir werden beim Thema Hartz IV definitiv am Ball bleiben und auch versuchen, Familie Hiller weiter zu begleiten. Bis dahin herzlichen Dank für Ihre vielen Diskussionsbeiträge, 

die Redaktion

 
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