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Düsseldorf
Kinder gequält: Vorwürfe gegen Erzieher

Düsseldorf: Kinder gequält: Vorwürfe gegen Erzieher
Das Haus der Graf-Recke-Stifung mit Educon in Wittlaer. FOTO: Esser, Paul
Düsseldorf. Die Staatsanwaltschaft will demnächst elf Ex-Beschäftigte der Kinder- und Jugendeinrichtung Educon vors Landgericht bringen. Zwei Jahre lang sollen sie behinderte Schützlinge angeblich fast täglich massiv gequält haben. Von Wulf Kannegiesser

Im Zusammenhang mit dem Verdacht von Quälereien durch Ex-Erzieher der Kinder- und Jugendeinrichtung Educon werden immer schlimmere Details bekannt.

Zwei leitende Angestellte und neun Erzieher sollen sich nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wegen besonders schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung von autistischen Kindern und Jugendlichen vor dem Landgericht verantworten. Eine entsprechende Anklage hatte die Staatsanwaltschaft nach RP-Informationen vor zwei Wochen erhoben.

Mitte 2008 waren 16 Mitarbeiter des Tochterunternehmens der Graf-Recke-Stiftung unter Verdacht geraten, überwiegend autistische Kinder seit Mitte 2006 in mindestens 67 Fällen misshandelt, sie der Freiheit beraubt und genötigt zu haben.

Die Educon-Geschäftsleitung entließ damals die Verdächtigen, hat Strafanzeigen gegen zahlreiche Ex-Beschäftigte erstattet. Bisher war nur bekannt, dass Therapeuten und Erzieher einen extrem rüden Umgang mit Schützlingen (6 bis 15 Jahre) gepflegt, Kinder gewaltsam festgehalten oder einen Bewohner tagelang halbnackt eingesperrt haben sollen. Nun wird von angeblich noch viel schlimmeren Vorfällen gesprochen.

Demnach mussten Educon-Bewohner, die als Autisten körperliche Kontakte kaum ertragen können, angeblich auf einem Stuhl sitzen und sollen von Betreuern samt Stuhl umgestoßen worden sein. Sofort mussten sie wieder aufstehen, sich wieder hinsetzen und sollen erneut umgestoßen worden sein - bis sie nach stundenlanger Wiederholung der Prozedur entkräftet liegengeblieben sein sollen.

Kinder sollen nach Erkenntnissen der Ermittler auch vielfach von Erziehern angespuckt, angeschrien und beschimpft worden sein. Einem Bewohner sei die Nase nach oben gedrückt worden, damit ein Kollege hineinpusten oder Wasser hineinspritzen konnte. Etlichen Kindern sollen auch Handtücher um den Kopf gewickelt und diese dann so fest zugezogen worden sein, bis sie die Orientierung verloren, in Panik gerieten.

Anderen Kindern wurden angeblich Tücher in den Mund gesteckt, damit sie nicht reden konnten. Bei fast täglichen Übergriffen auf wehrlose Bewohner sollen sich die Beschuldigten darüber amüsiert haben, dass ihre Schützlinge litten. So mussten Kinder angeblich stundenlang starr auf einem Flur sitzenbleiben, sonst drohte tagelanger Entzug von Essen oder von Schlaf. Als die Vorgänge untersucht wurden, sollen etliche Educon-Bewohner bereits stark abgemagert gewesen sein.

In einem Fall sei ein Gewichtsverlust von zehn Kilogramm innerhalb weniger Wochen festgestellt worden. Zudem wurden mehrere behinderte Kinder angeblich von Erziehern gezwungen, in Warenhäuser zu gehen, was die Behinderten stets gescheut hätten. Dazu sei den Schützlingen aber auf schmerzhafte Art der Arm auf den Rücken gedreht worden - und in dieser erniedrigenden Haltung sollen sie von Erziehern durch die Warenhäuser geführt worden sein. Neben blauen Flecken, Schwellungen und Schmerzen erlitten einige Behinderte angeblich auch seelische Schäden durch die behaupteten Übergriffe. Ob diese Anklage zugelassen und den Tatverdächtigen der Prozess gemacht wird, hat die zuständige 7. Strafkammer aber noch nicht entschieden. Die ehemaligen Mitarbeiter haben sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert.

"Die Graf-Recke-Stiftung kann erst nach Einsicht in die Anklageschrift Stellung nehmen", so deren Sprecher Roelf Bleeker-Dohmen. Man sei jedoch über die Ergebnisse bestürzt, habe die Ermittlungen unterstützt und Vorgänge transparent gemacht. Die Stiftung unternehme alles, um das Wohl des Kindes aktiv zu fördern.

(RP/ila)
 
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