| 16.55 Uhr

Interview mit Pferdeexperte Jörg Kotenbeutel
"Es werden nur Pferde ausgesucht, die sich nicht wehren"

Ponyreiten auf Rheinkirmes: Pferdemediziner sehen Attraktion kritisch
Das Ponyreiten auf der Rheinkirmes wurde in diesem Jahr abgesagt. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. In der Diskussion um das Aus für das Ponyreiten auf der Rheinkirmes haben bisher Tierrechtler auf der einen Seite und Freunde nostalgischer Attraktionen auf der anderen Seite ihre Argumente ausgetauscht. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Jörg Kotenbeutel, Sachverständiger für Pferdzucht, Ausbildung und Haltung am Pferdezentrum der Freien Universität Berlin in Bad Saarow, über die medizinischen Folgen für die Pferde. Von Aaron Clamann

Was ist überhaupt am Ponyreiten auf einer Kirmes zu kritisieren?

Jörg Kotenbeutel Solch ein Pferdkarussell ist problematisch, weil die Tiere einer Reizüberflutung unterliegen. Es gibt auf der Kirmes einen konstanten Lärmpegel und auch Lichteffekte, die die Tiere ständig verarbeiten müssen. Die Begebenheiten für Ruhepausen sind auf einer Kirmes einfach nicht gegeben. Zudem sind nicht an allen Ständen Mitarbeiter, die sich mit der Pflege und Haltung von Pferden ausreichend auskennen.

Ist es nicht besser, wenn Ponys auch gefordert werden und - wie auf der Kirmes - viel laufen?

Kotenbeutel Dass Pferde sich bewegen und geritten werden, ist nicht das Problem – vorausgesetzt, die Pferde laufen nicht immer in die gleiche Richtung und können regelmäßig Pausen machen. Die Kreisbewegung ist aber einfach nicht die Form, in der sich die Tiere in der Natur bewegen würden.

Welche Krankheiten erleiden Tiere, die mehrere Stunden nur im Kreis laufen?

Kotenbeutel Zunächst einmal weisen einige Pferde Verhaltensstörungen auf. Die Tiere laufen dann teilmahmslos durch die Manege. Offensichtliche Verletzungen treten meist dann auf, wenn Haltungs- und Transportbedingungen nicht stimmen. Oftmals wird auch unbrauchbares, nicht passendes oder falsch verschnalltes Sattelzeug benutzt.

Können die Amtstierärzte solche Verletzungen bei einem einzigen Termin überhaupt erkennen?

Kotenbeutel Wer eine tierärztliche Ausbildung genossen hat, der erkennt Verhaltensauffälligkeiten und auch Verletzungen oder vernachlässigte Pflege auf den ersten Blick. Viele Abweichungen sind aber auch schon für den Laien zu erkennen. Und wenn es solche Probleme gibt, kann das Veterinäramt auch weitere Grenzen für den Betrieb eines Standes setzen oder aber anordnen, dass ein Pferd ausgetauscht wird.

Wenn schon der Laie erkennt, dass viele Tiere auf solchen Ständen verhaltensgestört sind, warum gab es so lange keine Diskussion darüber?

Kotenbeutel Das Wissen über die Probleme beim Ponyreiten auf der Kirmes besteht schon lange. In der Tiermedizin ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die Tiere hier auch gesundheitlich Schaden nehmen können. Aber letztendlich hat die konstante Berichterstattung der Medien über den Tierschutz dazu geführt, dass eine breite Öffentlichkeit sich an der Diskussion beteiligt. Und im Schaugewerbe gibt es mittlerweile einfach Attraktionen, gegen die das Ponyreiten nicht mehr nur nostalgisch sondern altbacken wirkt.

Gibt es Züchter, die sich auf Zirkus- und Kirmes-Pferde spezialisiert haben?

Kotenbeutel Nein, die gibt es nicht. Im Prinzip werden nur die Pferde für die Kirmes ausgesucht, die sich nicht wehren oder versuchen ihren eigenen Willen durchzusetzen. Kurz gesagt nimmt man Pferde, die den "Zirkus" mit sich machen lassen. Eine spezielle Ausbildung gibt es für die Tiere nicht.

Wie müsste eine Attraktion aus Ihrer Sicht aussehen, bei der die Tiere positiv gefordert werden?

Kotenbeutel Es gibt vorbildliche Ponyreitbetriebe mit geschickt in die Landschaft integrierte Hindernisbahnen, dort wo Ponys hingehören: in den ländlichen Breich.

Wie groß müsste eine Manege sein, in dem ein Pony sich frei und der Natur entsprechend bewegen kann?

Kotenbeutel Ein vernünftiger Reitplatz ist mindestens 20 mal 40 Meter groß.

Das Interview führte Aaron Clamann.

(ac)
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