| 00.00 Uhr

Lothar Inden und Thomas König
Die Kirmes für die Kunst öffnen

Rheinkirmes: Interview mit dem Veranstalter St. Sebastianer
Sebastianer-Chef Lothar Inden (l.) und Thomas König, der als Chef der Platzkommission die Kirmes zusammenstellt, in der RP-Redaktion. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Am Freitag beginnt die große Rheinkirmes. Die St. Sebastianer als Veranstalter wollen den Rummel als Gesamtevent weiterentwickeln. Die Zeit der megateuren Innovationen ist in ihren Augen vorbei.

Worauf können sich die Düsseldorfer in diesem Jahr besonders freuen?

König Wir haben eine Kirmes, die für jeden etwas im Angebot hat. Sensationshungrige, Nostalgiker, alle Generationen. Die Kirmes ist attraktiv, das zeigt ja auch die App der Rheinischen Post. Wobei ich da zunächst gestutzt habe.

Düsseldorf: Der Aufbau der Rheinkirmes 2016 FOTO: Laura Ihme

Worüber denn?

König Sie haben zu Beginn in der App gleich auf die Empfehlung des Kinderschutzbundes aufmerksam gemacht, nur am Nachmittag mit kleineren Kindern auf die Rheinkirmes zu gehen. Das stimmt ja grundsätzlich, aber wir sind eine Familienkirmes und haben diese Empfehlung sogar mit dem Kinderschutzbund gemeinsam formuliert. Das Problem erscheint manchmal vielleicht größer, als es ist.

Fotos: Das sind die Fahrgeschäfte und Attraktionen FOTO: Martin Gerten

Über die Rheinkirmes wird halt viel diskutiert, auch mit den Anwohnern.

Inden Wir sind froh, dass es mit den Oberkasselern einen engen Draht gibt und wir dank vieler Gespräche heute ein gutes Miteinander haben. Seit der Lärmpegel nach 22 Uhr heruntergefahren und dies auch kontrolliert wird, ist das Einvernehmen größer und, wie ich es empfinde, gut.

Am "Hangover" musste jetzt nachts das Licht ausgestellt werden, weil sich ein Anwohner beschwert hat. Übertrieben?

Inden Wir versuchen, mit allen gut auszukommen. Am "Hangover" sollte schon mal auf die neue Attraktion hingewiesen werden. Wir wollen aber erst gar keinen Unmut aufkommen lassen, ab Freitag erwacht ja die bunte Lichterstadt - und dann haben für zehn Tage auch alle Seiten hoffentlich Verständnis für ihre Existenz.

Früher konnte man auch noch um 23 Uhr auf die Kirmes gehen und bis 3 Uhr feiern. Vermissen Sie das?

Inden Die Zeiten sind leider vorbei. Eine solche Großveranstaltung braucht die Akzeptanz des Umfeldes, deswegen ist nach Mitternacht auch Schluss.

Was sind dieses Jahr die Highlights?

König Ganz klar ist der "Hangover" das Maß aller Dinge. Die Olympia-Achterbahn mit Fünfer-Looping hat ebenfalls ihre Fans. Für die Kinder ist es toll, in den großen transparenten Bällen über das Wasser zu laufen.

Macht dies die Attraktion der Kirmes aus: das zu machen oder zu erleben, was sonst nicht geht oder in der Vorstellungswelt ausgeschlossen ist?

Inden Natürlich, die Welt steht auf der Kirmes einmal auf dem Kopf, das ist ja bei manchem Fahrgeschäft wörtlich zu verstehen. Das Andere, Schräge ist anziehend. Wer würde sonst Schoko-Kebap essen? Um es modern zu sagen: Ein Veggie-Stand auf der Kirmes ist natürlich besonders cool, den erwartet dort schließlich niemand.

Der Predator dreht sich im Kreis, stellt die Gondeln auf den Kopf. Das Ganze wirkt wie ein Foltergerät von der Großbaustelle. Würden Sie auf so etwas gehen?

Inden Auf keinen Fall. Ich gehe lieber auf die Überschlagschaukel, die ich selbst in Bewegung versetze. Wir haben ja einige dieser alten Fahrgeschäfte. KÖNIG Ich würde bis zur Kasse gehen und dann das Podium verlassen. Meine Söhne sehen das sicher anders, die wollen auf diese Geräte.

Die neuen Attraktionen sind das Salz in der Suppe. Haben Sie Hoffnung, dass es noch einmal eine neue Achterbahn gibt?

König Nein, diese Projekte sind heute nicht mehr zu finanzieren. Mehr als 20 Millionen Euro sind ein zu großes Risiko. Und die Betriebskosten sind gigantisch. Abbau, der Transport mit 70 Hängern und Wiederaufbau kosten bei einer Achterbahn wie dem Eurostar 150 000 Euro - deswegen hat er heute auch seinen Standort fest installiert im Gorky-Park. Die Olympia-Bahn steht dieses Jahr nur an drei Standorten: bei uns, in Crange und beim Oktoberfest - das war's. Für einen "Hangover" brauchen Sie dagegen nur fünf Hänger.

Dann sind die Achterbahnen die unmäßig großen Kirmes-Dinos und die ranken Kirmes-Türme die evolutionären Gewinner?

König So kann man es sagen. Bei den neuen Türmen liegt das Investitionsvolumen bei vier bis fünf Millionen Euro. Aber selbst hier wird weiter an Verbesserungen gefeilt, die beim Kostensparen helfen. Für den "Power Tower" brauchen Sie beim Aufbau einen 500-Tonnen-Kran, der die Einzelteile aufeinanderstellt. Der "Hangover" wird wie beim Aufbau eines Krans Stück für Stück von unten errichtet.

Wie entwickelt sich die Kirmes weiter?

Inden Das Höher-Schneller-Weiter ist vorbei, die Kirmes ist ein Gesamtevent. Bei den Zelten haben wir das schon, da geht es von Party bis Wohlfühlcharakter. Ebenso bei den Fahrgeschäften, wo es noch die Holzraupenbahn gibt. Wir würden jedoch gerne noch mehr Zielgruppen ansprechen und beispielsweise gerne die Modeszene und die Düsseldorfer Künstlerschaft einbinden. Unsere Location ist doch einzigartig - stellen Sie sich da mal eine Modenschau oder andere Präsentationen vor.

Die Rheinkirmes wird von den Schützen veranstaltet, das wissen viele gar nicht.

Inden Das stimmt, das Problem ist leider auch hausgemacht. Die St. Sebastianer tauchten früher nicht einmal auf den Plakaten der Kirmes als Veranstalter auf. Heute machen wir stärker auf uns aufmerksam.

Ist es für Sie dank der attraktiven Rheinkirmes einfacher, Nachwuchs zu gewinnen?

Inden Sie hilft sicherlich, die große Kirmes hebt schon bei den Pagen das Selbstwertgefühl. Sie gehören schließlich zur großen Schützen-Familie, die bei uns 1400 Köpfe zählt. Wir haben ja auch einen Tag der Jugend, an dem Abend wird der Jungschützenkönig gekrönt - und es gibt natürlich Party. Und auch so wird viel gemacht, gemeinsame Ausflüge oder Fußballspiele Bataillon gegen Bataillon.

Was sagen Sie zur aktuellen Schützendiskussion?

Inden Ich halte es für unfassbar, was uns da vorgehalten wird. Ich bin sehr stolz, wie groß das ehrenamtliche Engagement bei uns ist. Wir haben ´zig freiwillige Helfer, die das große Zelt schmücken, ganze Familien helfen beim Seniorennachmittag mit, wenn wir 2000 Mitbürger bewirten.

Nächstes Jahr wird der St.-Sebastianus-Schützenverein 700 Jahre alt. Was ist geplant?

Inden Im Januar wird eine große Ausstellung im Stadtmuseum eröffnet, für den 8. Mai ist eine Festveranstaltung in der Tonhalle geplant. Auch bei der Kirmes werden wir etwas machen, lassen Sie sich überraschen.

Zurück zur Kirmes. Stimmt es, dass das Sicherheitskonzept erneut überarbeitet wurde?

König Nach dem Sturm im vorigen Jahr haben wir jetzt Unwetter-Szenarien und Maßnahmen eingearbeitet, die auch bei anderen Krisensituationen in Gang gesetzt werden können. Dazu gehören etwa Durchsagen, die nicht nur über unsere Lautsprecheranlage verkündet werden, sondern per Wave-Dateien auch an Schausteller gesendet werden, die an strategisch wichtiger Stelle stehen.

Fast hätten wir's vergessen: Kann es sein, dass nächstes Jahr wieder Ponyreiten auf der Kirmes stattfindet?

Inden Wir schließen nichts aus. Jetzt war einfach mal eine Pause angesagt. Bei uns haben die Ponys ja sogar eine Wiese zur Regeneration. Ich weiß nicht, ob das auf anderen Plätzen der Fall ist. Solange uns niemand nachweist, dass der Betreiber seine Sache falsch macht, bleibt auch das Ponyreiten eine Option.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ARNE LIEB UND UWE-JENS RUHNAU

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Rheinkirmes: Interview mit dem Veranstalter St. Sebastianer


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.