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Düsseldorf
Kleine Heimat

Zeichnungen aus der Eckkneipe
Zeichnungen aus der Eckkneipe FOTO: Johannes Vogginger
Düsseldorf. Ein Satz wird in den folgenden Zeilen ganz sicher nicht zu finden sein. Der Satz lautet: Johannes Vogginger hat der Eckkneipe ein Denkmal gesetzt. Es wird trotzdem ein paar Klischees geben, versprochen. Von Christian Herrendorf

Ein Denkmal verewigt in Stein, Beton, Bronze, was späteren Menschen überliefert werden, was nach seinem weltlichen Ende dennoch auf diesem Planeten erhalten bleiben soll. Auch wenn Vogginger eine pessimistische Prognose für die Eckkneipe hat ("Ich schätze, von den Orten, die in diesem Heft abgebildet sind, wird in zehn Jahren nur noch die Hälfte existieren"), geht es ihm nicht darum. Er zeigt das Leben, die Lebenden und ihre lebendige Gemeinschaft, die irgendwann nach 18 Uhr beginnt und gerne erst endet, wenn die Sonne wieder aufgegangen ist.

Der Künstler und die Kneipe, da haben wir doch schon unser erstes Klischee, das in Düsseldorf gute Tradition besitzt. Bei Mutter Ey war es Anfang des 20. Jahrhunderts noch die Kaffeestube, in der sich Maler, Musiker, Schauspieler, Journalisten trafen. Am anderen Ende desselben Jahrhunderts bildeten nicht nur die Punks die Stammbesetzung im Ratinger Hof, sondern schlicht alle, die gerade etwas machten. Und gegenüber im Ohme Jupp hatten die Künstler ein weiteres Wohnzimmer für diverse Lebenslagen.

Johannes Vogginger ist auf Umwegen ein Teil dieser Welt geworden. Die Eltern sind Bayern, der Junge wächst am Bodensee auf, er will Filme machen, besucht eine Kunstschule und hört, er sei ein Maler. Wenn ich das schon bin, denkt er, dann muss ich auch an eine Akademie. Die beste sei Düsseldorf, hört er, also zieht er ins Rheinland. Er kommt in die Klasse von Siegfried Anzinger, in der sehr puristisch gelehrt wird. Papierarbeiten bilden bald das Zentrum von Voggingers Schaffen, er will jedes Werk an einem Tag durchziehen, jede Arbeit soll in einem Guss entstehen. In Kneipen Kneipenzeichnen zählt schon lange dazu, aber erst kurz vor dem Abschluss wird das Ganze Konzept und die finale Arbeit. Beim Akademie-Rundgang entdeckt Hans-Peter Schwemin, Chef der Hausbrauerei Kürzer, die Bilder und fragt den Künstler, ob er mit ihnen die schöne Tradition von Düsseldorfer Malerschule an Düsseldorf Brauerei-Wänden fortsetzen kann. Für ein halbes Jahr hängen nun 21 Zeichnungen an der Kurzen Straße, die Ausstellung trägt den wunderbaren Titel "Kleine Heimat".

Da ist natürlich das Engelchen zu sehen, eine der wenigen Kneipen, die allen Event-Wahnsinn der Altstadt unbeeindruckt überstanden hat. Da sind auch die Legenden wie Julio, die Kneipe mit dem dienstältesten Wirt der Altstadt, oder Ludwigs Bier und Brot, das eigentlich um 5 Uhr erst richtig aufmacht. Da sind die Entdeckungen aus den Stadtteilen rund ums Zentrum, das Fortuna Eck, das gerade ein famoses und verdientes Comeback erlebt, oder Prinz Albert, dem diese Erfahrung verwehrt blieb und der die Antwort auf die Frage mitgenommen hat, ob es dort wirklich eine Tafel mit der Aufschrift "Bergziege rot/grün 3,5 Euro" gab. Und da ist der Nachwuchs unter den Eckkneipen, die Kassette in Oberbilk, die bei allem Rauchverbot-bedingten Pessimismus ein wenig Hoffnung gibt.

Einer fällt auf allen Bildern nicht auf, der Chef des Ganzen. Wunderbares weiteres Klischee: der Wirt als Beichtvater. Der Wirt schweigt, hört zu, bewegt so dazu, dass der andere weiterredet. Besser er spricht die Gedanken aus, als sich alleine mit ihnen herumzuschlagen, das ist das Gebot des Wirtes. Er mischt sich eigentlich nur ein, wenn es zu laut wird. Nach seiner Definition.

Um ihn herum wächst und wuchert die Gemeinschaft. Jeder Mensch ist Stammgast. Die einen helfen, die anderen halten zusammen. Meist gibt es ein paar so genannte Bessergestellte, sie beraten, wenn es Probleme mit dem Vermieter, dem Vielleicht-gerade-noch-so- oder dem Doch-schon-definitiv-Ex-Partner gibt. Das dauert ein bisschen, je länger der Abend, desto getrennter die Spreu, desto besser die Gespräche.

Johannes Voggingers Bilder zeigen jede Tages- und Jahreszeit. Die Bilder wimmeln von Menschen, Schildern, Postern und sehr besonderen Preisen. Die Bilder zeigen, dass in der Kneipe alles nebenbei passiert - auch die Hauptsachen. Die Bilder strahlen Ruhe aus, egal, wie viele Menschen darauf zu sehen sind. Die Bilder sind schön, ohne zu beschönigen. Das machen nur Denkmäler.

Schau & Katalog 21 Zeichnungen sind im Kürzer (Kurze Straße 18-20) zu sehen. Ein Katalog mit 22 Zeichnungen ist für eine Spende zugunsten der Altstadt-Armenküche erhältlich.

Quelle: RP
 
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