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Kneipe Zwiebel in Düsseldorf
Ein letztes Bier unter Freunden

Düsseldorf. Mit einer fulminanten Abschlussparty feierte die Traditionskneipe Zwiebel den Abschied aus der Altstadt. Von Marc Ingel

Den Wert einer Kneipe wie der Zwiebel vermag erst so richtig anzuerkennen, wer sich an einem Samstagabend Richtung Mertensgasse in der Altstadt den Weg vorbei an 13 Junggesellenabschieden bahnen muss. Es ist eben leider doch kein Klischee, dass sich an der längsten Theke der Welt das Niveau des Feierns verändert hat und Einheimische allzu oft Auswärtigen und ihren nur selten einfallsreichen Party-Gags und -Outfits das Feld überlassen müssen.

Nun ist es nicht so, dass in der Zwiebel in den vergangenen 42 Jahren die Abende stets gesittet und bei einem netten Plausch mit intellektuellem Inhalt verbracht wurden. Es wurde gezecht und gebechert, Alt und der Hausschnaps Zwiebelchen vor allem, es wurde auf Tischen und Bänken getanzt, und manches Mal spielte einem die frische Luft nach dem Verlassen der Kneipe in der Nacht einen Streich und am nächsten Morgen war die Erinnerung allenfalls rudimentär: Filmriss. Und doch gibt es einen Unterschied, denn wie sich ein Abend in der Zwiebel gestaltete, war fast immer spontanen Ursprungs. Ein Bier führte zum nächsten, neue Freundschaften entstanden und bedingten mindestens eine weitere Runde.

Auch vor der Kneipe wurde am Samstagabend noch lange auf die gute alte Zeit angestoßen. FOTO: Anne Orthen

Wie anders ist es, zu erklären, dass jetzt, wo das Ende der Zwiebel gekommen ist, so viele davon berichten, dass sie ihren Partner in eben dieser Kneipe vor vielen Jahren oder gar Jahrzehnten lieben gelernt haben, obwohl der Zwiebel doch so gar nichts Romantisches anhaftet. Es waren die Menschen vor und hinter der Theke, die den Ausschlag gaben, das irgendwie kommunikationsfördernde Flair trug seinen Teil dazu bei.

Das ist nun alles vorbei. Am Samstag wurde im und vor dem Laden eine letzte große Party gefeiert, und natürlich kamen alle, die in ihrer Biografie womöglich ein Kapitel der Zwiebel widmen würden, sämtliche aktuellen und viele ehemaligen Kellner aus mehr als vier Jahrzehnten mitgerechnet. "Never forget", niemals vergessen, war auf den eigens für diese Sause angefertigten T-Shirts des Teams zu lesen. Pink Floyd und AC/DC dröhnten aus den Boxen, die Toten Hosen natürlich, aber ebenso Helene Fischer und der Gassenhauer "An der Nordseeküste". Der DJ hinterm Tresen in der Zwiebel war eben stets unberechenbar, und das Fehlen eines musikalischen roten Fadens war ein Versprechen, das nie enttäuscht wurde - und bisweilen auch eine wohltuend abschreckende Wirkung hatte. Denn die Junggesellenabschiede machten auch am Samstag einen weiten Bogen um die Zwiebel. Man blieb unter sich, auf ein letztes Bier oder zwei oder zehn, wer zählt die schon an so einem Abend.

Der Keller sei jedenfalls leer getrunken geworden, hieß es gestern. Um 5.30 Uhr sei der letzte Gast vor die Tür gebeten worden, inoffiziell habe das Team noch bis morgens früh durchgefeiert. Wer es am Samstag nicht geschafft hatte, sich von der Zwiebel zu verabschieden, hatte gestern noch einmal die Gelegenheit, ehe Chef Klaus Schliesky nach 42 Jahren ein letztes Mal die Tür hinter sich abschloss. Er war es, der 1974 zusammen mit dem damaligen Betreiber des Weißen Bären den Laden eröffnete, der schnell ein Stammpublikum fand, weil es keine Zielgruppe gab. Schüler fühlten sich genauso wohl wie Studenten, Altrocker, Rentner oder Anwälte. Die Gäste kamen auf ein Bier oder eine Partie Billard, wurden dann vielleicht Tage oder Wochen lang nicht mehr gesehen, um sich beim nächsten Altstadtbummel doch wieder an dieses unverkrampfte Ambiente zu erinnern.

Die Zwiebel gibt es ab heute nicht mehr, aber sie hat viele Geschichten geschrieben, die unvergessen bleiben. Und manche gleichen sich: Auf Facebook ist in einem Beitrag zu lesen, wie ein Stammgast vor 26 Jahren seine heutige Partnerin in der Zwiebel kennengelernt hat. So ein Zufall: Dem Verfasser dieser Zeilen erging es genauso.

Quelle: RP
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