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Düsseldorf
Momentaufnahme: Mittagspause auf der Terrasse des Kö-Bogens

Bauboom rund um den Kö-Bogen in Düsseldorf
Bauboom rund um den Kö-Bogen in Düsseldorf FOTO: Hans-Juergen Bauer (hjba)
Düsseldorf. Der Kö-Bogen, was ist das eigentlich genau? Viele Menschen behaupten, es handele sich um ein Geschäfts- und Gastronomieviertel am Nordende der Kö. Um das neue "Herz der Düsseldorfer Innenstadt". Von Frank Lorentz

Da ist etwas Wahres dran. Als ich den Kö-Bogen kürzlich an einem sonnigen Samstagmittag besuchte, flanierten Menschen jeden Alters zwischen den beiden Libeskindbauten hindurch und um sie herum. Auf der Terrasse des Restaurants waren sämtliche Plätze von einem nach Businessclass aussehenden Publikum besetzt. Im Economy-Abteil, sprich: auf den Treppen zur Landskrone, waren noch Plätze frei.

Ich hockte mich dorthin, betrachtete drei junge Frauen, die ein paar Meter weiter diskutierten, eine alte Dame, die ein Hündchen streichelte, und ein paar Kinder, denen es die Wildgänse angetan hatten, und dachte: Ja, der Kö-Bogen hat was. Aber was? Ist es die Abwesenheit von Autoverkehr? (Die einzigen Autos, die ich sah, parkten gegenüber, vorm Steigenberger Parkhotel, ein Dutzend Luxuskarossen, in ihrem einheitlichen schwarzen Glanz an Darth Vader erinnernd, die dunkle Seite der Macht.)

Kö-Bogen: Ein Jahr voller Auf und Abs FOTO: Andreas Endermann

Ist es der schöne Blick auf den Hofgarten? Die renditeträchtige Verbindung von Natur und Design, Büro und Shopping? Das internationale Stimmengewirr? Oder der verblüffend uniforme Dresscode? (Die meisten Frauen: lange glatte Haare, große Sonnenbrillen, Ballerinas. Die meisten Männer: Polohemd, Shorts, die Füße sockenlos in Slippern.) Ich weiß es immer noch nicht genau. Ich weiß nur, dass der Kö-Bogen anders als alle Viertel ist, die ich kenne. Geballter. Futuristischer. Abweisender. Anziehender. Ambivalenter. Science-fiction-artiger. Wie ein Gruß aus der Zukunft. Der Eindruck begann sich in mir festzusetzen, nachdem ich den alten Herrn getroffen hatte.

Der alte Herr war ein Düsseldorfer um die siebzig, der am Durchgang zwischen den beiden Bauten stand. Er war alleine. Wir kamen ins Gespräch. Er lästerte, wie teuer die Geschäfte und Restaurants doch alle seien, und dass sich das kaum ein Mensch leisten könne. Eine bizarre Ansicht, da die Läden, vor allem der Apple-Store, ziemlich voll waren.

Ich tat, als sähe ich das Viertel zum ersten Mal, und fragte: "Die Häuser sehen so modern aus. Stehen die schon lange hier?" Er antwortete: "Nein, die Galerie ist recht neu." - "Ach, gibt es hier auch eine Galerie?" - "Nein. Das Ganze nennt man Galerie. Und dort" - er drehte sich um und zeigte mit dem Finger auf den Hofgarten - "ist der Schlosspark."

Fotos: Die bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Düsseldorf FOTO: Hans-Juergen Bauer

Kö-Bogen? Hofgarten? Sagen wir doch Galerie. Sagen wir Schlosspark! Wäre das Gespräch auf die Sansibar gekommen, der Mann hätte ihr wahrscheinlich ebenfalls einen anderen Namen verpasst. Vielleicht Hansibar. Wie auch immer. Sprache ist etwas Magisches - du nennst die Dinge anders, und schon nimmst du sie anders wahr. Und seltsam: Als sei mit dem Gespräch ein geheimer Knopf gedrückt worden, passierten kurz darauf die ersten merkwürdigen Dinge. Zum Beispiel lief ich über die Brücke, setzte mich im "Schlosspark" auf eine Bank und betrachtete die "Galerie", wo an dem Tag ein "Food-Festival" (hieß wirklich so) stattfand - ein paar Zelte mit diversen kulinarischen Angeboten. Die ganze Szenerie in einen loungigen Klangbrei getunkt, der aus Boxen auf hohen Ständern quoll. Da ertönte eines meiner All-time-Lieblingsstücke, die Gymnopédie Nr. 1 von Eric Satie, leider in einer grauenvoll verkitschten Streicherversion. Ich dachte, das geht ja gar nicht - schon brach die Musik ab, und ein anderes Stück begann.

Bemerkenswert auch: Ich ging zu Breuninger und staunte, dass man im größten Geschäft dieses ultraurban gestalteten Quartiers die Eingangstüren selbst aufdrücken muss, wie im 19. Jahrhundert. Als ich wenig später hinausging, stand ein lächelnder Mitarbeiter an der Tür und öffnete sie für mich.

Der Kö-Bogen liest Gedanken.

Der Kö-Bogen weiß, was du willst.

Der Kö-Bogen programmiert seine Besucher.

Wisse: Alles, was du hier als Durchschnittspassant machen sollst, haben weitsichtige Menschen von langer Hand geplant. Zum Beispiel sollst du in diesem Viertel shoppen gehen. Du sollst flanieren. Du sollst essen, trinken und viel Geld ausgeben. Du sollst dich auf die Treppen setzen, dich wohlfühlen und die Menschen gegenüber auf den Hofgartenbänken betrachten, wie sie dich betrachten. Was du nicht sollst, ist, unter anderem: die nicht-öffentlichen Bereiche betreten, wo ungezählte Menschen ihre tägliche Arbeit verrichten.

Der Kö-Bogen verfügt über 20 000 Quadratmeter Bürofläche und 19 000 Quadratmeter für Einzelhandel und Gastronomie. Mit anderen Worten: Büro schlägt Konsum. Der Bürostandort ist dem Konsum- und Erlebnisstandort einen Tick voraus. Die Büroleute sind der Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens Kö-Bogen, wobei das Spiel aktuell unentschieden steht, denn gut 1000 Quadratmeter Bürofläche mit Dachterrasse sind noch frei, wie ein Aufsteller zwischen den beiden Gebäudeteilen informierte. Die Frage, die sich mir vor diesem Hintergrund stellte: Wie sähe es wohl hinter den Kulissen des Kö-Bogens aus? Wie nähmen die Angestellten in den Büros ihn wahr?

Fotos: Apple-Fans campieren vor Store in Düsseldorf FOTO: ila

Der Kö-Bogen - ein Hochsicherheitssystem. Es gibt ein halbes Dutzend nicht-öffentliche Büro-Zugänge, wo man zu Global Playern wie der Boston Consulting Group oder Egon Zehnder kommt und vor denen zumeist eine hochformatige Tafel steht, die wie ein iPhone 4 (eventuell 5s) für Riesen wirkt: schwarz glänzendes Glas in einer Edelstahlfassung. Mit Überwachungskamera, wenigen Klingelknöpfen und ein paar Symbolen, die zum Beispiel anzeigen, wo die Codekarte hinzuhalten ist. Keine Chance, hier unbefugt einzudringen.

Dass ich es dennoch in die Breuninger-Verwaltung zu den Bürokräften schaffte, verdankte ich der jungen Dame, der ich im trostlos-kahlen Personal-Treppenhaus begegnete (sind wir nicht alle in gewisser Weise Personal?) Sie guckte verdutzt, als sie mich in Höhe der dritten Etage, wo der Eingang zur Verwaltung ist, sah, und fragte: "Kann ich Ihnen helfen?" Ich, mit einer reflexhaften Notlüge: "Hier sollen irgendwo 1000 Quadratmeter freie Bürofläche sein. Die wollte ich mir mal anschauen. Oben, fünfte Etage. Mit Dachterrasse. Stimmt das?" - "Oh, so weit oben war ich noch nie. Aber wenn Sie nicht weiterkommen, fragen Sie in unserer Verwaltung." Gesagt, getan. Ich reihte mich in die Schlange der Mitarbeiterinnen ein, die sich gerade am Empfang zum Dienst meldeten, und fragte die Frau vor mir, ob sie sich in dem Viertel auskenne.

Sie sagte: "Nö." Als ich an der Reihe war, fragte ich die Dame hinterm Tresen, ob es stimme, dass das freie Büro im fünften Stock des Hauses zu finden oder ob das ein anderer Teil des Kö-Bogen-Komplexes sei. Aber auch sie sagte: "So weit oben war ich noch nie. Breuninger geht nur bis zum dritten Stock." - "Was? Sie gehen nie höher? Sie sind nicht neugierig, was der Kö-Bogen ganz oben zu bieten hat?" Sie guckte mich verständnislos an. Ich: "Da oben sind Dinosaurier!" Sie guckte noch verständnisloser. Gut. So viel zum Thema: So sehr interessieren sich die Beschäftigten für den Ort, an dem sie täglich arbeiten und um den seit einer halben Ewigkeit ein Wahnsinns-Bohei gemacht wird.

Draußen an den Treppen, zwischen Wasser und Gastronomie, machten zwei junge Leute mit einem Lastenfahrrad Halt. Sie warben für das neue Lifestyle-Magazin "Walden", das den Untertitel trägt: "Die Natur will dich zurück", und verteilten Gratisausgaben. Sehr passend, an einem so unwilden, hochgezüchteten Ort wie dem Kö-Bogen mit einer derartigen Aufforderung hausieren zu gehen. Zwei Männer in den besten Jahren flanierten am Wasser entlang und sahen mit ihren weißen Leinenhosen zum dunkelblauen Zweireiher mit Goldknöpfen aus, als hätten sie eben mit ihrer 18-Meter-Yacht angelegt. Asiaten, Kamera vorm Bauch, schlängelten sich durch die Menge. Kleinkinder heulten, Sektflaschen ploppten, Schwaden von Zigarrenrauch breiteten sich aus.

Auf der Restaurantterrasse saßen schweigende Menschen mit wächsernen, staunenden Gesichtern. Andere guckten, als lebten sie seit 20 Jahren in dem Lokal. Eine todschicke Dame um die Sechzig mit Marilyn-Monroe-Frisur, wahrscheinlich in einem der Läden beschäftigt, saß rauchend auf einer Bank. Sie trug ein Kunstwerk von hautengem weißem Kleid, das ihr bis zu den Fesseln reichte, dazu High Heels mit leuchtend buntem Würfelmuster, über die sie mit ihrer Nachbarin sprach: "Die habe ich schon zehn Jahre!" Der spontan von mir verliehene Kö-Bogen-Fashion-Award (undotiert) ging an einen etwa 65-Jährigen mit schulterlangen grauen Haaren, Tränensäcken groß wie Walnüsse, buschigem Schnäuzer, weißem Unterhemd - beide Arme flächendeckend tätowiert - und untenrum karierten Shorts. (So laufen eigentlich nur Kölner herum.)

Vereinzelt schrien Wildgänse.

In regelmäßigen Abständen rumpelte die Straßenbahn vorbei.

Heile Welt.

Vollkommene Balance von angucken, aber nicht anfassen.

Kaufen und kaufen lassen.

Auf einmal schwebte ein Mann über den Weg, dessen Füße den Boden nicht zu berühren schienen. Der Grund: Sie berührten ihn wirklich nicht, denn er fuhr auf einem E-Wheel, das heißt: Er hatte ein vollverkleidetes Rad mit Elektromotor zwischen die Füße geklemmt, an dem zwei Trittflächen ausgeklappt waren, auf denen er stand. Wow - unfassbar lässig sah das aus. Ich lief ihm hinterher, und als er die Rampe zum Wasser heruntergerollt kam, stoppte ich ihn. "Hey, was ist das? Und aus welcher Zukunft kommst du?" Es stellte sich heraus: Der Kerl, Anfang 50, bestens in Form, war einer der ersten, die in Deutschland auf einem E-Wheel herumkurvten. Die Community, sagte er, sei noch klein, selbst in Megastädten wie Paris und London gebe es gerade mal ein paar Hundert E-Wheeler.

Das Rad habe noch keine Straßenzulassung und sei deshalb nur halblegal, weshalb der Mann seinen Namen nicht in der Zeitung stehen haben wollte. Er erzählte, dass er auch einer der ersten Segway-Fahrer in Deutschland gewesen sei. Das E-Wheel wiederum sei optimal, um "chillig unterwegs zu sein". Und in Städten sei es das Fortbewegungsmittel schlechthin - handlich, trägt sich wie ein Köfferchen, und wenn man's beherrscht, sieht man wie ein Abgesandter aus Star Wars aus, der den Erdlingen mal eben zeigt, wie sich das Problem mit der Mobilität in Innenstädten lösen lässt.

So verging der Tag an diesem Ort, der eine Bühne ist. Eine große Show. Wo es keine Statisten gibt, sondern nur Hauptdarsteller, die eine Utopie aufführen: Die Geschichte, wie man es - wenn man viel Geld investiert - hinbekommt, den Autoverkehr aus dem Stadtzentrum zu verbannen, und sei es nur auf überschaubarem Raum, und es den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben, den Fußgängern. Einmal noch betrachtete ich diese unwahrscheinliche Gleichzeitigkeit von Naturgenuss und High-End-Konsum.

Einmal noch schaute ich in die satten Gesichter der Gäste auf der Restaurantterrasse. Einmal noch hörte ich auf die Musik, die sich in einer Endlosschleife wiederholte. Kaum hatte ich bemerkt, dass wieder Eric Satie in dieser klebrigen Version aus den Boxen tröpfelte, brach das Stück ab, und ein neues begann.

Quelle: RP
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