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Serie Düsseldorf International
Koreaner singen anders

Düsseldorf. Seit mehr als 50 Jahren ist Düsseldorf die Heimat mehrerer Tausend Koreaner. Ihre vielfältige Kultur leben sie in der Gastronomie und in der Musik aus - Karaoke können nämlich nicht nur Japaner. Von Oliver Burwig

"Mein Mann ist vom Charakter her deutsch", sagt Min-Young Cho. Als die Besitzerin der Karaoke-Bar "Gilson" ihren Zukünftigen in Korea kennenlernte, hatte dieser schon viele Jahre in Deutschland gelebt. Mit "deutschem Charakter" meint Cho nicht etwa das Klischee des pünktlichen, fleißigen Arbeitsmenschen, sondern das genaue Gegenteil: "Hier ist man gemütlicher, weniger hektisch und nimmt sich viel mehr Freizeit." Wie fühlt sich die Japan-Stadt Düsseldorf für Koreaner an? Was vermissen sie aus ihrer alten Heimat - und was hat ihnen ihre neue Heimat am Rhein gegeben?

"Ich war vor etwa 20 Jahren zum ersten Mal in Düsseldorf", erinnert sich Cho. Die 45-Jährige wuchs in der Provinzhauptstadt Jeonju auf, die mit mehr als 600 000 Einwohnern nach koreanischen Maßstäben geradezu winzig ist. "Die Kultur dort ist ganz anders. Es gibt einfach viel mehr Menschen auf den Straßen, mehr Autos und mehr Hochhäuser", sagt Cho. Der Alltag vieler Familien sei von bis spät in den Abend hinein arbeitenden Erwachsenen und durchstrukturierten Bildungsplänen für die Kinder gezeichnet, denen oft kaum mehr Freizeit bleibt. "Das wollte ich meinen beiden Kindern ersparen. Ich lasse sie aber zumindest Unterricht in koreanischer Sprache nehmen", sagt Cho.

Koreaner haben aber auch eine ganz eigene Form der Erholung, die viele Deutsche nur aus dem Fernsehen kennen: Karaoke. "Etwa ein Viertel unserer Gäste sind Deutsche, die aber meist in Begleitung ihrer koreanischen oder japanischen Freunde kommen", sagt Cho. Ihre Karaoke-Bar an der Immermannstraße ist daher auch eine Mischung aus japanischer und koreanischer Tradition: Ein großer Raum mit Bar und Bühne entspricht den Erwartungen der Japaner, während Koreaner - wie auch vorsichtige Deutsche - eher in den "Norebangs", kleinen Gruppenräumen mit eigener Gesangsanlage, den Abend verbringen. "Es kommen auch viele Koreaner zu uns, mehr als die Hälfte der Gäste sind aber Japaner", sagt Cho.

Wie auf ein Stichwort marschiert ein japanischer Gast auf die Bühne, reißt das Mikrofon aus der Halterung und setzt zu einer etwas schiefen Ballade an, schafft es allerdings nicht einmal durch die erste Strophe, ohne in Lachen auszubrechen. Alles begleitet vom enthusiastischen Klatschen einer einzelnen jungen Dame, die den Herrn begleitete und ihn vor der Bühne anfeuert. "Für viele Deutsche ist das Ganze natürlich sehr ungewöhnlich", sagt Cha. "Einige trauen sich zuerst auch gar nicht auf die Bühne, wollen dann aber nicht mehr herunter."

Nicht weit vom "Gilson" liegt der asiatische Supermarkt "Dae Yang" an der Immermannstraße. Dass die Geschäfte in diesem als "Little Tokio" geltenden Stadtviertel nicht alle japanisch sind, beweist Hyang-Suk Cha, die dort gemeinsam mit ihrem Mann und der befreundeten Familie Pak vor 30 Jahren begann, asiatische Produkte zu verkaufen. "Hier gab es schon damals viele Japaner", sagt die 62-Jährige. "Mein Mann dachte sich: Das könnte klappen." Es klappte, über die Jahre kaufte das Ehepaar die Ladenfläche eines angrenzenden Geschäftes dazu und bot bald auch immer mehr koreanische Lebensmittel an.

Den Unterschied zwischen koreanischen und japanischen Gerichten werden deutsche Zungen schnell bemerken. "Das Grundgemüse ist bei uns viel schärfer, Japaner mögen es lieber mild", erklärt Cha. Von der deutschen Küche unterscheidet sich ein typisch koreanisches Essen wie das Gemüsegericht "Pibimbap" schon in der aufwendigeren Präsentation: "Es müssen fünf Farben enthalten sein, die sich auf dem Teller nicht mischen dürfen. In Deutschland wird ja einfach alles durcheinander gemischt."

Koreaner werden laut Cha in Düsseldorf selten als solche wahrgenommen: "Das war schon in den 70er Jahren so." Ihr sei rätselhaft, warum der sogenannte Chinakohl - ein typisch koreanisches Gemüse und wichtige Zutat für das Grundnahrungsmittel "Kimchi" - so heißt, wo doch Koreaner die Hauptabnehmer dieser Gemüsesorte seien. Dennoch fühlt sich Cha in Deutschland wohl: "Wenn wir unsere Verwandten in Korea besuchen, bekommen wir sehr schnell Heimweh nach Düsseldorf." Zu viel habe sich seit der Jugend verändert.

Das Phänomen kennt auch Jae-Woan Kim. Als Theologiestudent in Seoul lebte er in einer Stadt, die er heute nicht mehr wiedererkennt. "Ich habe vor einigen Jahren nicht einmal mehr meine ehemalige Studentenwohnung gefunden", sagt Kim, der 1990 mit seiner Frau und zwei Söhnen nach Deutschland zog. Heute ist der 52-Jährige Pfarrer der koreanischen Kirchengemeinde "ZuKeRo" im Süden der Stadt, die etwa 200 Mitglieder zählt. Als Koreaner nehme er die Entwicklung in seinem Heimatland mit Interesse wahr, hofft wie wohl alle Südkoreaner, die Verwandte im Norden haben, auf ein Ende des Konfliktes mit Nordkorea. "Ich fühle mich aber hier heimisch", sagt Kim.

Von der ersten Generation der koreanischen "Fremdarbeiter", die mit Dreijahresverträgen in den rheinischen Bergbau gingen, war es ein langer Weg, bis die Koreaner wirklich integriert waren. "Die ersten Zuzügler hatten ja kaum die Gelegenheit, Deutsch zu lernen."

Kims Söhne Kwang-Seong und Kwang-Hun brachten ihm einiges über die deutsche Kultur bei. "Zu Hause sprechen wir aber auch heute noch Koreanisch", sagt Kim. Feste wie das chinesische Neujahr, die größte Feier im koreanischen Jahr, feiern die Kims im Familienkreis, mindestens einmal am Tag steht koreanisches Essen auf dem Tisch.

Das Gemeinschaftsgefühl, das Koreaner auch in Deutschland miteinander verbindet, sei in jedem seiner Gottesdienste spürbar: "Ich glaube, dass Koreaner als geschlossene Gemeinschaft auftreten müssen, um wirklich in der Gesellschaft anzukommen."

Quelle: RP
 
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