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Düsseldorf
1440 Bilder für eine Minute Film

Düsseldorf. Lotte Reiniger gilt als Pionierin des Trickfilms. Eine Sonderausstellung im Filmmuseum widmet sich dem Werk der Regisseurin. Von Nicole Scharfetter

Es waren einmal drei Brüder, die in der Abenddämmerung eine einsame gewundene Straße entlangwanderten. . . So beginnt das Märchen der drei Brüder, das Hermine im siebten Teil von Harry Potter im Haus der Lovegoods vorliest. Die Brüder versuchen, den Tod auszutricksen, aber der Tod, der ist gerissener und macht ihnen ein Angebot. Während Hermine im Potter-Film die Geschichte der Heiligtümer des Todes erzählt, erscheinen auf der Leinwand die Silhouetten der Brüder - schwarze Scherenschnitte, die sich vor einem gelblich-braun gefärbten Hintergrund bewegen.

Der Inhalt der Parabel ist für Filmmuseumsleiter Bernd Desinger nebensächlich. Ihn interessiert vielmehr das Prinzip der Filmsequenz, das sich Regisseur David Yates bei einer Deutschen abschaute. Lotte Reiniger ist sozusagen die Erfinderin des Silhouetten-Animationsfilms. Was für Yates vermutlich in wenigen Minuten am Computer entstand, musste Reiniger in mühevoller Kleinarbeit produzieren. An ihrem Tricktisch nahm sie Bild für Bild für Bild auf; aneinandergereiht ergaben die einzelnen Elemente einen bewegten Trickfilm. Wie die 1899 geborene Lotte Reiniger arbeitete, zeigt das Filmmuseum in der Ausstellung "Animation und Avantgarde - Lotte Reiniger und der absolute Film".

"Sie war einzigartig", sagt Desinger. Eine Meisterin im Umgang mit der Schere: "Sie schnitt schneller, als sie zeichnen konnte", fügt Matthias Knop, Kurator der Ausstellung, hinzu. Jeden einzelnen Scherenschnitt fertigte Reiniger selbst, aus dicker, schwarzer Pappe. Sie baute Gelenke mit Ösen und Drähten ein, um die Figuren beweglich zu machen. Manchmal musste Reiniger mehrere Figuren eines Charakters herstellen, in verschiedenen Größen. "Weil sie keinen Zoom in ihrer Kamera hatte", sagt Desinger. Prinz Achmed ist so eine Figur, die es in ganz vielen Variationen gibt.

Der Charakter ist Reinigers Herzstück, Achmeds Abenteuer brachten der Regisseurin weltweite Berühmtheit ein - zumindest in der Trickfilm-Szene. 66 Minuten lang ist die Geschichte des Prinzen und der schönen Pari Banu, für die Reiniger mehr als 300.000 einzelne Bilder an ihrem Tricktisch aufnahm. Inspiration holte sich Lotte Reiniger von den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" - genauso viele Tage soll sie übrigens an dem Film gearbeitet haben. "Eine Minute Film besteht aus 1440 Bildern", erklärt Knop. Eine solche Minute ist bei der Ausstellung auch zu sehen - aufgeschlüsselt in 1440 Briefmarken große einzelne Bilder, bei denen man ganz genau hinschauen muss, um die winzig kleinen Veränderungen der Figuren und des Hintergrunds erkennen zu können. So exakt arbeitete Lotte Reiniger, die nicht nur ein Talent für Scherenschnitte hatte, sondern auch für menschliche Bewegungen, die realistisch und echt wirken. Ein besonderes Schätzchen der Ausstellung ist die Figur des Achmed. "Der Nachlass von Lotte Reiniger wurde zwischen uns und dem Stadtmuseum Tübingen aufgeteilt, und die Tübinger sind uns den Achmed schon ein bisschen neidisch", sagt der Museumsleiter.

Lotte Reiniger wusste schon früh, dass sie zum Film will. Ursprünglich hatte sie eine Schauspiel-Karriere angepeilt. Mit 16 Jahren traf sie Regisseur Paul Wegener, der Reinigers eigentliche Begabung erkannte. Für seine Stummfilme schnitt sie zunächst Zwischentitel, ehe Reiniger und Wagner gemeinsam experimentierfreudig die Entwicklung des Films vorantrieben. Unterstützt wurde Reiniger immer von ihrem Mann Carl Koch, der ihr unter anderem den Tricktisch baute.

Quelle: RP
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