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Düsseldorf
20 Nackte eröffnen die Spielzeit im Tanzhaus

Düsseldorf. Die Choreografin Doris Uhlich stellte ihr Stück "More than naked" vor. Von Klas Libuda

Tatsächlich ist es so, dass einem die Nackten bald nichts mehr ausmachen, dass es einem irgendwie egal wird, also nicht ganz gleich, sondern eher so: Es ist dann einfach okay. Das geht ganz schnell, es dauert keine fünf Minuten, man hat in dieser Zeit die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne gemustert, und weil sie in dieser Zeit aus ihrem Nacktsein kein zwanghaftes Spektakel gemacht haben, wird es dann auch keins.

Das ist gut so, denn als das Tanzhaus ankündigte, seine Spielzeit mit 20 Nackten auf der Bühne zu eröffnen, löste das ohnehin allerhöchstens reflexartiges Gähnen aus, provoziert jedenfalls dürfte sich niemand mehr gefühlt haben. Seit geraumer Zeit ist es ja Trend, sich auf der Bühne auszuziehen. Gefühlt macht sich bald jeder Hamlet nackt, es läuft dann Techno, und der arme Kerl wird mit Farbbeuteln beworfen.

In "More than naked" von Choreografin Doris Uhlich läuft ebenfalls viel elektronische Tanzmusik, zunächst "Doin' It Right" von Daft Punk, das ist eher was zum Kopfnicken, keine große Disconummer. Uhlich übrigens gibt die DJane, bekleidet nur mit Stiefeln und silberner Alu-Fliegerjacke. Auf der kargen und gut ausgeleuchteten Bühne machen sich die Tänzer bereit, zuvor hatten sie diese einzeln betreten, mit schnellem Schritt und größter Selbstverständlichkeit. Sie bringen ihre Körper langsam aber sicher zur Musik in Bewegung wie einen Motor, der warmlaufen muss.

Man kann das Folgende als Körper-Erkundung begreifen, aber nicht so wie bei Doktor Sommer, jeder Muskel wird sichtbar gefordert und zur Schau gestellt, jedes Gramm Körperfett zum Wippen und Wackeln gebracht, schamlos, ohne jede Hemmung, auch nicht davor, das Gegenüber anzufassen - nur von Berührungen zu sprechen, wäre zu harmlos. Den Zuschauern bleibt dabei nichts verborgen, es gibt ja keine Sichtbarriere mehr. Man begreift dann auch, warum alle nackt sein müssen, anders würde es nicht funktionieren, dann müsste man "More than naked" ganz sein lassen.

Explizit, obszön oder gar skandalös wird das Stück nie, auch nicht, als sich die Tänzer aufeinander fallenlassen oder gegenseitig in den Hintern treten. Das sieht allenfalls ulkig aus, es wird viel gelacht in den mehr als 60 Minuten, und es entstehen dabei eigentümliche Sounds, zuweilen rhythmisches Klatschen, das ist Körpermusik. Die Körperlichkeit ist in diesem, zugegeben, speziellen Stück ohnehin stets präsent, nicht nur durch den Aufzug der Tänzer. Auch, weil man ihnen jede Anstrengung ansieht. Wenn sie sich fallenlassen, glänzt der Boden danach nebelfeucht, später wurde das Tanzhaus sicher ordentlich durchgewischt.

Sie wolle "eine gesellschaftliche Nacktbewegung anzünden", sagte Choreografin Uhlich. Das aber misslingt, muss es vielleicht auch, die Distanz zwischen Bühne und Publikum bleibt allzeit gewahrt, auch wenn auf den Rängen ein oder zwei Besucher ohne Klamotten sitzen, das hatten sie sich vom Tanzhaus genehmigen lassen. Kurz vor Schluss stellt sich Uhlich in die Mitte der Bühne, zieht die Jacke aus und peitscht sie Richtung Publikum. Wenn's eine Aufforderung war, folgt ihr lieber niemand. Trotz großem Applaus zum Schluss.

Quelle: RP
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