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Gastspiel von Doris Uhlich
20 Nackte treten im Tanzhaus auf

Gastspiel von Doris Uhlich: 20 Nackte treten im Tanzhaus auf
Szene aus "More than naked". FOTO: Andrea Salzmann
Düsseldorf. Die Choreographin Doris Uhlich zeigt zum Spielzeit-Auftakt ihr Stück "More than naked". Alle Tänzer stehen nackt auf der Bühne.

Das Tanzhaus NRW feiert seinen Spielzeit-Auftakt mit einer besonderen Aufführung: Am 8. und 9. September kommt die Österreicherin Doris Uhlich für ein Gastspiel nach Düsseldorf, um ihr Stück "More than naked" aufzuführen. Zu deutsch: Mehr als nackt.

Sie werden mit 20 nackten Tänzerinnen und Tänzern auftreten. Reicht heutzutage nicht mehr ein Nackter, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Uhlich Reichen könnte es schon, aber mein Interesse ist ein anderes: nämlich eine gesellschaftliche Nacktbewegung anzuzünden. Eine Arbeit mit 20 Menschen bedeutet immer auch eine Energiesteigerung. Auch der Blick der Zuschauer verändert sich: Bei einem einzelnen nackten Körper schaut man diesen ganz genau an. Bei 20 Nackten zoomt man in eine Fleischmasse hinein. Dadurch wird man ganz anders involviert und kann sich viel mehr identifizieren.

Warum gehen wir davon aus, dass uns Nackte auf der Bühne provozieren sollen?

Uhlich Nacktheit, Sexualität, das Entblößen sind Wörter, die bestimmte Erwartungen wecken. Andererseits weiß heute jeder, der ins zeitgenössische Theater geht, was ihn erwartet. Da funktioniert die Provokation nicht mehr. Vor allem, wenn ein Stück "More than naked" heißt, weiß jeder, dass der Titel Programm ist. Dabei spielen wir gerade nicht mit dem Bild aus den Medien, also mit dem nackten, sexualisierten Körper. Es geht nicht um ein Bild vom Nacktsein, sondern um das nackte Sein.

Was ist das "Mehr" in "More than naked"?

Uhlich Ich glaube, der nackte Körper hat wahnsinnig viel zu sagen, auch innerhalb einer Gruppe. Auch in der Geschichte, etwa in den 20ern und den 60ern, haben sich immer wieder Menschen ausgezogen, um gesellschaftliche und politische Dinge ins Rollen zu bringen oder sich noch einmal anders zu erleben. In "More than naked" geht es um eine Art Befreiungsschlag. Das ist zwar ein riesiges Wort, aber er findet statt bei jungen Tänzern, und das überträgt sich auch auf den Zuschauerraum.

Welche Art von Befreiung?

Uhlich Im Stück gibt es verschiedene Bewegungsmöglichkeiten, die nur mit dem nackten Körper möglich sind. Ich nenne das eine emotionale Fleischlichkeit. Es gibt Emotionen, die entstehen, wenn das Fleisch mal fliegen oder wackeln darf.

Sind wir noch zu verklemmt?

Uhlich Ja. Weniger in unserer Vorstellung, auf der Bühne oder in der Werbung, da sind wir es nicht mehr. Ich glaube aber, dass sich der Körper im Alltag noch sehr verhalten bewegt. Wir wollen einem bestimmten Bild entsprechen. Wir wollen individuell sein und trotzdem nicht aus der Reihe tanzen. Aber eigentlich möchte der Körper oft schreien. Die Gegenwart produziert gerade viel Angst, die Körper scheinen sich mehr zu verschließen als zu öffnen. In "More than naked" wollen wir die Körper aktivieren. Wir feiern den Körper. Ich verstehe den Körper als Epizentrum all unserer Handlungen.

War es schwer, Tänzer für "More than naked" zu gewinnen?

Uhlich Ich habe damit begonnen, Nackttanz-Workshops zu geben, weil das eine Marktlücke war. Ich hatte festgestellt: Es gibt so viele Nackte auf der Bühne, aber es gibt keinen Nackttanz-Unterricht. Aber daraus ein Stück zu machen, war mir kein Anliegen.

Gab es für Ihr Angebot denn gleich eine Nachfrage?

Uhlich Zum ersten Workshop 2011 kamen acht Leute. Und diese acht Leute haben noch während der Workshop-Zeit weitererzählt, dass es super ist. Im Jahr darauf waren es 25, der Kurs war ausgebucht. Für das Stück habe ich genau diese 25 Menschen gefragt, ob sie "More than naked" mit mir machen wollen. 20 hatten Zeit.

Und die mussten Sie nicht überreden?

Uhlich Nein, denn schon während des Workshops war allen klar, dass das von Zuschauern gesehen werden muss.

Kostet es Überwindung, sich nackt auf der Bühne zu zeigen?

Uhlich Sobald es Sinn macht, ist es keine Frage der Überwindung, sondern eine Notwendigkeit. Bei "More than naked" würde es mich eher Überwindung kosten, mit einem Gewand zu tanzen. Aber in Ländern, in denen der Körper religiös oder gesellschaftlich anders konnotiert ist, ist das schon ein anderes Empfinden auf der Bühne. Als ich das Stück einmal in Jerusalem gezeigt habe, hatte ich Gänsehaut. Dort gab es vorher politische Diskussionen über das Stück. Für religiöse Menschen war es ein Affront, für die Zuschauer dann ein Erfolg.

Erleben Sie in Deutschland nur positive Reaktionen?

Uhlich Es kommen ja Leute ins Theater, die neugierig sind. Wer die nackten Körper nicht akzeptieren will, kommt erst gar nicht. Würden wir "More than naked" unangekündigt auf der Straße zeigen, wären die Reaktionen andere.

Bei Youtube gibt es Ausschnitte des Stücks zu sehen, aber erst ab 18. Haben die bei Youtube nicht kapiert, dass es nicht um Pornografie geht?

Uhlich Bei meinem Stück "Mehr als genug" bin ich sogar auf Pornoseiten gelandet. In unserer digitalen Welt kann man nicht abschätzen, was mit dem Material passiert. Wer das bei Youtube dann sperrt, weiß ich nicht. Es gibt auch Leute, die im Zuschauerraum ihr Handy herausholen und mitfilmen.

Was machen Sie dann?

Uhlich Wir sagen vorher immer, dass filmen und fotografieren verboten ist. Wenn ich das trotzdem sehe, gehe ich nach dem Applaus hin und stelle die Person zur Rede.

KLAS LIBUDA FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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