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Düsseldorf
Abgründige Videokunst von Cyprien Gaillard

Düsseldorf: Abgründige Videokunst von Cyprien Gaillard
Videoarbeit von Shooting-Star Cyprien Gaillard. FOTO: Copyright Cyprien Gaillard
Düsseldorf. Julia Stoschek stellt Videoarbeiten von Shooting-Star Cyprien Gaillard aus. Der Franzose zeigt eine Gesellschaft in Auflösung. Von Philipp Holstein

Cyprien Gaillard ist einer dieser Künstler, von deren Namen viele Leute sofort angetan sind und ausrufen: "Ach, der!" Der 35-jährige Franzose ist ja nicht nur wegen seiner Arbeiten berühmt, sondern auch wegen seiner Lebensart. Die bunten Blätter berichten über ihn ebenso wie die Feuilletons. Er pendelt zwischen Berlin und New York, er beehrt Partys mit einer coolen Entourage, zu der auch seine Freundin gehört, das "Victoria's Secret"-Model Lily Donaldson. Er wurde von Moritz von Uslar für dessen "99 Fragen"-Reihe in der "Zeit" interviewt, und in der deutschen Hauptstadt installierte er in den "Kunstwerken" jüngst eine Pyramide, die zwar die Form der ägyptischen Vorbilder hatte, im Gegensatz zu ihnen aber komplett aus Sixpacks von Efes-Bier errichtet war. Man konnte darauf klettern, sitzen und trinken.

Die Julia-Stoschek-Collection in Oberkassel widmet Gaillard nun eine Einzel-Ausstellung, und dort darf man mal gucken, ob der Mann wirklich etwas kann - außer gut zu leben. Man benötigt wenigstens eine Stunde für den Rundgang mit mehreren Videos und Dokumentationen von Performances, aber danach herrscht Gewissheit: Gaillard kann ziemlich viel. Ein schöner Einstieg ist das Ballett der Bagger. In einer Baugrube vor dem Schinkel-Pavillon in Berlins Mitte ließ er Schaufelbagger tanzen. Es war Nacht, die Maschinen wurden effektvoll illuminiert, und es sah großartig aus, wie sie vor dem Hintergrund der Friedrichwerderschen Kirche bengalisches Feuer transportierten.

Gaillard interessiert sich für städtischen Verfall, verwahrloste Architektur, entweihte Nationalsymbole und die erodierende bürgerliche Ordnung. Er beauftragte einen Landschaftsmaler, Schweizer Sozialbauten in alter Manier zu malen. Er nahm Abdrücke von Gullydeckeln in Los Angeles, die eines gemeinsam hatten, nämlich den Nachweis "Made in India".

Gaillard richtet den Blick auf Phänomene, die nicht zusammenzupassen scheinen - ein eigens für Düsseldorf eingerichteter Film zeigt die eigentlich in Afrika und Asien beheimateten Halsbandsittiche auf der Kö. Er rückt Objekte ins Bild, die zu zerfallen drohen, vornehmlich Architektur, die einst als visionär galt und inzwischen von den Menschen verlassen wurde und von Natur überwuchert wird. Architektur, die für Desillusionierung steht. Der Videofilm "Artefacts" aus dem Jahr 2011 etwa spiegelt den Mythos der Stadt Babylon. Gaillard reiste in den Irak, filmte die vom Krieg zerstörten Stätten der Kultur und schnitt Neubauten aus dem Irak der Nachkriegszeit dagegen. Das alles wird konfrontiert mit Bildern vom Ishtar-Tor im Pergamon-Museum, das von vergangener Schönheit kündet.

Diese Kunst spürt dem Alten in der Gegenwart nach. Sie fragt nach den Gründen für das Verschwinden von Utopien, das ist ihr gesellschaftlich relevantes Moment. In dem Film "Cities Of Gold And Mirrors" zeigt Gaillard amerikanische Studenten in Mexiko. Sie feiern Springbreak, veranstalten ein Wettsaufen in der Stadt Cancun, und hinter ihnen sieht man Ruinen von Maya-Bauten und neue Hotelburgen, die nach dem Vorbild der verfallenen Maya-Pyramiden gestaltet wurden. Dazu wird Synthesizer-Musik gespielt. Es ist völlig gaga, aber echt.

Diese Videoarbeiten sind ein Festival aus Bezügen, Zitaten und Querverweisen. Das ist abgründige und theorieaffine Kunst, über die man lange nachdenkt. Im Grunde fordert Gaillard sein Publikum dazu auf, nichts als gegeben zu akzeptieren. Er ermuntert zum Widerspruch, und das ist ein Merkmal von Qualität.

Cyprien Gaillard also? Genau der.

Quelle: RP
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