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Düsseldorf
"African Angels" singen in der Tonhalle

Düsseldorf: "African Angels" singen in der Tonhalle
Der Chor der Cape Town Opera setzt bei seinen Auftritten auf Leidenschaft in der Stimme. FOTO: Kim Stevens
Düsseldorf. Der Chor der Kapstädter Oper gibt zwei Vorstellungen in Düsseldorf. Die Musiker ziehen mit ihrer Show durch die Welt. Von Christoph Forsthoff

"Caro mio ben?" Nein, von der berühmten Arie hatte Bukelwa Velem noch nie gehört - und Italienisch verstand die Südafrikanerin auch nicht. Doch der Chorleiter drückte ihr die Kassette mit den Klassik-Hits von Giordano, Verdi und Co in die Hand und riet der jungen Frau, genau hinzuhören, um sich auf die Auditions in Kapstadt vorzubereiten. "Ich wusste nicht, was Klassik ist, sondern war nur dankbar für diese Chance", erinnert sich die 33-Jährige, die bis dahin lediglich im Chor in der Schule und der Gemeinde gesungen hatte. "'Caro mio ben' habe ich dann einfach durchs Hören einstudiert - und jedes Mal, wenn ich das Lied zuhause übte, haben mich alle gefragt, was ich da denn eigentlich sänge."

Mittlerweile können nicht nur alle in der Familie Velem den Klassiker trällern, sondern die dunkelhäutige Sopranistin singt seit über einem Jahrzehnt im Chor der Cape Town Opera (CTO). Klingt wie ein Märchen oder die Geschichte einer wundersamen Entdeckung - und ist doch Normalität in Südafrika. Viele der "African Angels", wie die 23 Chordamen und -herren im Volksmund genannt werden, können solche und ähnliche Geschichten erzählen, denn der Gesang ist am Kap der guten Hoffnung ein Teil des Alltags, von der Geburt bis zum Tod.

"Singen gehört hier zum Leben wie das Atmen", spitzt Michael Williams die Bedeutung zu - und der weiße Südafrikaner muss es wissen: Leitet der Mann mit dem kahlen Schädel doch Südafrikas einziges Opernhaus mit ganzjährigem Spielbetrieb seit dessen Gründung 1999. "Es gibt hier eine wohl einzigartige Tradition des Chorgesangs", sagt der Intendant. Keine Grundschule im kleinsten Dorf ohne nicht mindestens einen Kinderchor, keine Hochschule, an der es nicht mehrere Ensembles gäbe - und in den Gemeinden haben die Kirchenchöre oft einen größeren Anteil an der Gestaltung der Gottesdienste als der Prediger. "Ohne dass deren Mitglieder jemals Gesangsunterricht gehabt hätten, ja, oft kennen sie noch nicht einmal Noten", erzählt CTO-Chorleiter Marvin Kernelle. "Sie machen sich auch keine Gedanken um Technik - viel entscheidender ist für sie, Körper und Stimme in Harmonie zu bringen und sich zu ihren Gefühlen zu bekennen."

Manch europäischer Gesangslehrer mag da die Stirn runzeln, doch das Ergebnis begeistert selbst westeuropäische Opernkenner: Es sei ein "bewundernswürdiger, variationsreicher und aufregender Klang", der den CTO-Chor auszeichne, befand die Jury des International Opera Award und kürte die African Angels 2013 unter 1500 weltweit nominierten zum besten Opernchor des Jahres. Stolz? "Vor allem haben wir uns sehr gefreut, dass damit endlich mal eine positive Nachricht aus Afrika in die Welt gesandt wurde", sagt Williams. Zudem hat die Auszeichnung den Vorbild-Charakter des Chores für Kinder und Jugendliche verstärkt: Reisen doch zehn Sänger jedes Jahr drei Wochen lang 2000 Meilen durchs Land, um ihre Begeisterung für die Oper in die Schulen zu tragen. Quer durch Wüsten in die entlegensten Winkel, jenseits der attraktiven Städte hinein in die Townships, um dort die junge Generation für den Gesang und das Musiktheater zu gewinnen.

Wobei: Wirklich gewonnen werden muss niemand mehr. Nicht selten schmettern auf den Schulhöfen schon Teenager treffsicher Bravourarien, stimmen Halbwüchsige Mozart-Duette an oder bekennen im Ensemble ihre Leidenschaft für die Oper. Und so sind denn bei diesen Tages-Gastspielen der CTO neben deren Aufführungen vor allem die Workshops der Profis heiß begehrt, brennen die Schüler nach Atemübungen oder Coaching-Tipps. Denn, auch das ist bei aller Stimm-Verrücktheit klar: Oper bietet gerade für Kinder aus den Armenvierteln die Chance, sich "hochzusingen". Selbst wenn die staatliche Unterstützung für das Musiktheater weit dürftiger ausfällt als in Deutschland und Jobgarantien ein Fremdwort sind. "Doch eben das steigert den Enthusiasmus unserer Sänger für ihre Arbeit eher noch", hat Williams festgestellt und aus der Not eine Tugend gemacht: Der Intendant entwickelte die Idee, die Oper und ihren Chor mit Inszenierungen und Shows auf Tour in alle Welt zu schicken.

So finden sich im aktuellen Programm "African Angels", mit dem der Chor zum Jahreswechsel auf Deutschlandtour ist, neben Verdi-Chören, Gershwin-Songs und Weihnachtsmelodien auch Gospels und südafrikanische Lieder. Was diese verschiedenen Genres verbindet, ist die Leidenschaft ihrer Interpretation: "In Südafrika leben wir die Musik und denken nicht darüber nach", sagt Bukelwa Velem. Gut erinnert sich die Sängerin an ihre erste Gesangsstunde in der Ausbildung an der CTO: "Ich habe weder mit den Noten etwas anfangen können noch mit den Erklärungen zur Technik - es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, wie ich die Gesangstechnik für mich nutzen kann." Und ihre Sopran-Kollegin Busisiwe Ngejane fügt hinzu: "Europäische Sänger sind geprägt von der Stimmtechnik - bei uns steht die Leidenschaft im Vordergrund."

Quelle: RP
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