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Düsseldorf
"Alice im Wunderland" neu interpretiert

Düsseldorf. In der Inszenierung des Kinderbuch-Klassikers von Lewis Carroll am jungen Schauspielhaus ist nicht alles mit Zuckerguss überzogen. Von Regina Goldlücke

Zwillingsschwestern, eineiige noch dazu, die künstlerische Projekte miteinander umsetzen - das klingt nicht ungewöhnlich. Kommt aber ein Mann ins Spiel, dann fragt man sich schon, wie es mit der Zusammenarbeit wohl funktionieren mag. Bei Lisa und Laura Quarg fällt die Antwort positiv aus: Mit Tobias Goldfarb bilden sie seit fünf Jahren ein erfolgreiches Theater-Trio. Die meisten Stücke entwickeln und inszenieren sie zu dritt. Gelegentlich treten die Schwestern selber darin auf: Beide haben an der Essener Folkwangschule Schauspiel und Bühnentanz studiert. Und manchmal ziehen sie nur die Fäden im Hintergrund. So wie in Düsseldorf, wo am 17. Januar "Alice im Wunderland" am Jungen Schauspielhaus Premiere hat. Die Quarg-Zwillinge, Jahrgang 1984, teilen sich die Regie mit Tobias Goldfarb (41), der mit Laura Quarg verheiratet ist. Für ihn macht diese Konstellation Sinn: "Kein Regisseur ist in der Lage, jedes Detail gleichermaßen gut im Auge zu haben", glaubt er. "Achtet er besonders sorgsam auf die Sprache, können Bewegung, Musik oder Choreografie der Schwachpunkt einer Inszenierung sein. Deshalb ergänzen wir drei uns perfekt."

Für den optischen Feinschliff sorgen bei "Alice im Wunderland" die beiden Damen. "Wir machen wirklich alles zu zweit, von Anfang an", beteuert Laura Quarg. "Trotzdem hat jede von uns ihre Stärken. Lisa kann besser als ich Choreografien entwerfen. Sie improvisiert mit großer Lust. Ich beobachte sie dabei und halte das mit dem Blick von außen fest." Die Zwillinge sind symbiotisch verbunden, haben exakt die gleiche Ausbildung absolviert und sich nie getrennt. Mit ihren Ehemännern und jeweils einem Kleinkind wohnen sie in Berlin Tür an Tür. Und selbstverständlich gehen die Familien heute um Mitternacht auch vereint ins Neue Jahr.

Regisseur Tobias Goldfarb ist Literaturwissenschaftler und Autor. Mit seiner Neuübersetzung des Kinderbuch-Klassikers von Lewis Carroll schuf er die Basis für die Düsseldorfer "Alice"-Fassung. "Der Stoff ist durch Verfilmungen und Bühnenadaptionen fast schon zu Tode interpretiert", sagt er. "Uns ging es darum, eine bisher unbekannte Komponente zu entdecken und sichtbar zu machen." Geholfen hat die Biografie des Autors: "Carroll war Mathematiker, ein Freund der Logik des Bruchs. Sein Buch steckt voller Wortspiele und Doppeldeutigkeiten, für die ich witzige, treffende Entsprechungen zu finden versuchte. Ich bin sicher - hätte er Deutsch gekonnt, hätten sie ihm gefallen."

Die Abenteuer von Alice sind in England so bekannt wie hierzulande der "Struwwelpeter". Ein junges Mädchen fällt durch ein Kaninchenloch und landet in einer unterirdischen Welt, die auf dem Kopf steht. Alle erlernten Regeln sind Schall und Rauch. Skurrile Figuren bevölkern das absurde Reich: das nervöse weiße Kaninchen, der verrückte Hutmacher, die freche Grinsekatze. Und nicht jeder Bewohner ist friedfertig. Alice gerät in Gefahr, sie braucht Mut, um das Wunderland zu retten. Carrolls Buch erschien 1865, sechs Jahre später folgte die Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln." Bei Tobias Goldfarb schnurren beide Geschichten zu einer zusammen, die er als "Reise zu den verborgenen Aspekten der eigenen Persönlichkeit" beschreibt: "Meine Figuren sind nie nur böse oder gutherzig. Sie bewegen sich in diesen Traumwelten wie in einem Schachspiel. Was mich interessierte: Wer geht wohin? Und mit welchen Konsequenzen?" Die surrealen, märchenhaften Bögen der Erzählung kontrastiert der venezolanische Bühnen- und Kostümbildner José Luna mit klaren Linien, geometrischen Formen und starken bis grellen Farben. Er arbeitet zum wiederholten Mal mit dem Regie-Trio zusammen, ebenso wie Thomas Unruh, der die Musik komponierte. Den Zwillingen fiel es leicht, sich auf Goldfarbs Interpretation einzulassen. Sie mochten, dass nicht alles mit Zuckerguss überzogen ist. "Gerade die etwas düsteren Elemente tun der Geschichte gut", meint Laura. "Man muss nur schauen, wie man die richtige Balance findet."

Quelle: RP
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