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Düsseldorf
Als Jörg Immendorff ein Nobody war

Düsseldorf. Filmjournalist Werner Raeune hat in den 60er Jahren in Düsseldorf Künstler fotografiert - eine bislang unveröffentlichte Sammlung. Von Bertram Müller

Der Schatz steckt in Fototüten mit der Aufschrift "Karstadt": Hunderte von Negativen, von denen größtenteils auch 50 Jahre nach ihrer Entstehung noch kein Abzug existiert. Der Düsseldorfer Filmjournalist Werner Raeune (73), langjähriger ZDF-Redakteur in Düsseldorf, hat die aufstrebende Kunstszene der Landeshauptstadt mit der Kamera beobachtet. Jetzt hat er seine nur in Einzelstücken publizierte Sammlung angesehenen Institutionen geschenkt: dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (Zadik) in Köln sowie der Kunstsammlung NRW und der Kunsthalle in Düsseldorf. Das Zadik wird das Material aufarbeiten, für Forschung und Publizistik bereithalten und den Düsseldorfer Kunsthäusern das zur Verfügung stellen, was sie thematisch angeht: dem K 20 das Material über die einstige Galerie Konrad Fischer, der Kunsthalle die Fotos ihrer Ausstellungen seit den 60er Jahren.

Der Reiz von Raeunes schwarz-weißen Fotografien besteht darin, dass sie von einer Zeit erzählen, in der Jörg Immendorff noch ein Nobody war, Blinky Palermo als Barkeeper im Szenelokal Creamcheese arbeitete, in der Gerhard Richter und Sigmar Polke gerade bekannt wurden und nur Joseph Beuys den Zeitgenossen schon ein Begriff war.

Werner Raeune hat Künstler fotografiert, kaum Kunst. "Der Geruch der Ölfarbe hat mich zur Kunst gebracht", so erinnert er sich. Die Atmosphäre von Ausstellungseröffnungen lockte ihn, und rasch machte er sich bei den Künstlern beliebt, indem er ihnen Abzüge seiner Fotos überreichte. Raeune gehörte fortan dazu, wurde tätiger Zeuge eines künstlerischen Aufbruchs, der heute fast zum Weltkulturerbe zählt.

Immendorff blickt uns 1969 als junger Mann im Rollkragenpullover während der sogenannten Lidlwoche in der Kunstakademie an. Als ehemaliger Student hatte er eigenmächtig Schüler, Studenten und Lehrer zu einer alternativen Tagung eingeladen: "Bitte Luftmatratzen mitbringen". Als Rektor Eduard Trier vor vollendeten Tatsachen stand, ließ er die Akademie vorübergehend schließen.

Sigmar Polke und Gerhard Richter zeigen sich 1968 gut gelaunt im Gespräch mit Konrad Klapheck bei der Eröffnung einer Ausstellung von Blinky Palermo in der Galerie Konrad Fischer. Auf einer anderen Fotografie blättert jener Blinky Palermo mit Norbert Tadeusz in einem Katalog. Joseph Beuys schließlich übt sich 1969 im Creamcheese mit magischem Blick in der chinesischen inneren Kampfkunst Tai Chi.

Erst als der Kölner Kunst-Pater Friedhelm Mennekes 1991 den jungen Raeune mit Kamera in der Hand auf einem zeitgenössischen Foto entdeckte und darum bat, den Bilderschatz zu sehen, wurde dem Redakteur klar, was er da hortete.

Raeune hat von seinen Streifzügen durch die Galerien Fischer, Schmela, Gunar und Mayer, durch die Kneipen Jupp Laufs und Zur Uel nicht nur Fotografien, sondern auch Anekdoten mitgebracht. Etwa von Bruce Nauman, der wie andere heute weltbekannte US-Künstler ins Rheinland gekommen war und bei Konrad Fischer wohnte, weil er kein Geld hatte. Claes Oldenburg, Andy Warhol, Robert Rauschenberg - alle waren sie in Düsseldorf. Raeune erinnert sich, wie Rauschenberg auf der Heine-Allee eine Absperrbake klaute und sie zusammen mit der Haube eines VW-Käfers in Kunst verwandelte. Das Werk heißt "German Glut Easter", war in einer Schau des K 20 zu sehen, und als Werner Raeune Rauschenberg fragte, was der frühere Schrott koste, nannte der Amerikaner umstandslos den Preis: 370. 000 Dollar.

Als Raeune noch nicht wusste, was er werden sollte, bekam er vom Maler Konrad Lueg, der sich später als Galerist Konrad Fischer nannte, einen hemdsärmeligen Rat: Künstler. Er möge Foto- und Überschriftenschnipsel aus der Zeitung mit Farbe kombinieren, und fertig - "das, was Richter, Polke und ich auch machen". Raeune studierte zwar kurz an der Düsseldorfer Akademie, lernte in der Filmklasse Candida Höfer und Axel Hütte als Kommilitonen kennen, doch eine Hospitanz beim ZDF stellte die Weichen in Richtung Filmjournalismus. Vom Heute-Journal bis zu "aspekte" - jahrzehntelang machte Raeune die Republik mit der Kunstzene des Rheinlands bekannt. Jetzt aber wartet Archiv-Arbeit: Der Bilderschatz aus den Karstadt-Tüten will erst einmal geordnet und beschriftet werden.

Quelle: RP
 
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