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Düsseldorf
Als jüngster Zuhörer beim klassischen Klavierabend

Düsseldorf. Klassische Musik? Das ist doch etwas für die ältere Generation. So denke ich, als ich um 20 Uhr in der Tonhalle Platz nehme: zweites Parkett, Reihe 1, Platz 1. Ein sehr guter Platz. Ob ich von mir aus hingegangen wäre? Von Johannes Löchner

Als 19-jähriger Praktikant in der Kulturredaktion der Rheinischen Post darf ich nun aber den Klavierabend von Rudolf Buchbinder besuchen. Aus dem Programmheft leuchten mir die großen Namen entgegen: Bach, Beethoven ("Appassionata") und Schubert (späte B-Dur-Sonate) - das sind alles Bekannte aus dem Musikunterricht der Schulzeit. Aber das war es dann auch schon, mehr weiß ich nicht.

Wie würde das Publikum aussehen? Mit meiner Vermutung liege ich gar nicht so falsch: Den Großteil - gute 80 Prozent - stufe ich als über 60 Jahre alt ein. Aber es ist alles andere als eine steife Veranstaltung. Entgegen meiner Erwartung tragen die meisten keinen Anzug, keine Fliege, keine Krawatte; stattdessen den sogenannten Smart-Casual-Look: Stoffhose, Hemd und oft auch ein Sakko.

Dann beginnt der Abend. Rudolf Buchbinder betritt unter tosendem Applaus (der Saal ist gut besucht) die Bühne. Sein Frack und das schlichte, aber eindrucksvolle Spotlight stellen einen gelungenen Kontrast zu der doch sehr modernen Einrichtung der Tonhalle mit ihren Bögen und wirr platzierten Lichtern an der Decke dar. Als die Finger des Pianisten über den Tasten schweben, wird es still im Saal. Es herrscht andächtiges, erwartungsvolles Schweigen. Sei es die schnelle und heitere Weise der Musik, mit der sich Buchbinder aufwärmt, oder einfach nur die ungewohnte Situation: Anfangs bin ich jedenfalls sehr unruhig. Doch schon nach einigen Minuten gelingt es mir, mich auf die Musik einzulassen. Meine Großmutter, die ich - im Wissen um ihre Begeisterung für klassische Musik - als Begleitung eingeladen hatte, "kann den Schnee tanzen sehen", wenn sie die Augen schließt, so ihre Worte.

Ich folge ihrem Rat, schließe die Augen - und tatsächlich: In der fließenden Melodie von Bachs Englischer Suite Nr. 3 g-Moll kann ich das klare Wasser eines Gebirgsbaches erahnen; in den eingestreuten hohen Klängen die Schneeflocken, die auf die Oberfläche treffen und fortgespült werden.

Ich glaube langsam zu verstehen, warum klassische Musik bei so vielen Menschen Anklang fand und findet. Sie lädt zum Zuhören ein, zum Meditieren. "Eine gute Einstimmung in die Weihnachtszeit" - so lautet das Fazit meiner Oma, nachdem der Abend mit zwei Zugaben sein Ende findet.

Auch der Aussage, dass es ein "Highlight für Senioren" ist, kann ich nur zustimmen; bin ich doch - abgesehen von zwei Mädchen - der mit Abstand Jüngste im Saal. Eigentlich schade, denke ich mir. Die Erfahrung, einfach mal abzuschalten, den Stress für einen Moment von sich abfallen zu lassen und sich auf das Wesentliche zu besinnen, könnte vielen Vertreter meiner Generation auch gut gefallen. Natürlich hat Buchbinder den Beethoven und den Schubert großartig gespielt, aber sein Bach ist mir nahegegangen.

Klassische Musik? Ist also auch etwas für deutlich Jüngere.

Quelle: RP
 
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