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El Greco im Düsseldorfer Kunstpalast
Altmeister trifft Avantgarde
Düsseldorf. El Greco trifft die Avantgarde: Erstmals zeigt ein Museum in Deutschland eine hochkarätige Auswahl von Bildern El Grecos. Eine großartige Schau im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, die Brücken über die Jahrhunderte baut.

Die Gliedmaßen sind überlang, seltsam verdrehte Gestalten in kalkweißer Totenblässe streben zum stürmischen Himmel oder stürzen fast aus dem Bild. Glühend blau, rot, gelb sind die Gewänder in einem unwirklichen Faltenwurf. Die Perspektiven geraten völlig aus dem Lot. Der spanische Meister El Greco (1541-1614) pfiff auf die künstlerischen Regeln der späten Renaissance und malte rauschhafte Bibel- und Mythologieszenen, die in ihrer Expressivität nicht mehr von dieser Welt scheinen.

Bei Spaniens König Philipp II. fiel der frühere Ikonenmaler aus dem griechischen Kreta Anfang 1600 allerdings durch. Erst 300 Jahre später entdeckten junge Expressionisten in Frankreich und Deutschland El Greco, der bis ins späte 19. Jahrhundert als pathologischer Fall galt. Im "El Greco-Fieber" erkoren Picasso, Delaunay, Macke und Marc um 1910/1912 den Exzentriker aus Toledo mit dem Hang zu dramatisch- visionären Szenarien zu ihrem "Heiligen Geist", wie die "Zeit" es einmal schrieb.

100 Jahre nach der Neuentdeckung El Grecos widmet erstmals in Deutschland das Museum Kunstpalast in Düsseldorf dem Manieristen eine hochkarätige Ausstellung. Vier Jahre arbeitete Museumsdirektor Beat Wismer an der Schau "El Greco und die Moderne", die El Greco im Original mit seinen "Jüngern" aus dem 20. Jahrhundert vereint.

Zwei Jahre vor den großen Ausstellungen zum 400. Todestag El Grecos in Spanien sind in Düsseldorf bereits die bedeutendsten Werke wie "Laokoon", "Entkleidung Christi" und die "Öffnung des Fünften Siegels" zu sehen. Die größten Museen der Welt rückten ihre Kostbarkeiten heraus.

In großzügigen Sichtachsen sind verblüffende Ähnlichkeiten zwischen El Greco und der Avantgarde festzustellen. El Grecos "Pietà" mit dem fast weißen Leichnam Jesu vor einem stürmischen Himmel wird Heinrich Nauens "Beweinung Christi (1913) gegenübergestellt. Das Farbspiel El Grecos wird bei Nauen durch die Flächigkeit verstärkt. Bis zur Kopfhaltung des kantigen, fast weißen Körpers Christi scheint die Komposition der Pietà nachempfunden.

Frappierend auch das Nebeneinander von Carlo Menses prismatisch aufgefächerter "Madonna mit Kind" (1914) und El Grecos "Unbefleckter Empfängnis". In beiden Werken strebt die Madonna in die Höhe, die fast irrationalen Farben und die Spielklötzchenstadt im Hintergrund korrespondieren miteinander.

Brücke zwischen Moderne und El Greco

Ähnlichkeiten der Komposition stellt man auch zwischen "Laokoon", der einen unrühmlichen Tod durch einen Schlangenangriff stirbt, und Ludwig Meidners "Heimatlosen" fest. Selbst Kokoschkas "Stillleben mit Putto und Kaninchen" scheint in seinen hellen Grautönen vor dunklem Hintergrund vom Bild des Todeskampfes des Vaters und seiner Söhne vor einem wolkenverhangenen Himmel beeinflusst.

Nicht immer haben sich die Künstler so explizit auf El Greco bezogen wie Picasso mit einem Porträt oder Delaunay mit seinen flächig zerlegten drei Grazien, die einer Figurengruppe in der Apokalypse-Darstellung des "Fünften Siegels" nachempfunden sind. Franz Marc zum Beispiel betonte stärker den formalen Einfluss El Grecos und die Geistesverwandtschaft über die Jahrhunderte hinweg. Sein knallrotes prismatisches Bild "Füchse" lässt jedenfalls nicht zwingend zuerst an El Greco denken.

Für Kurator Wismer stellen aber vor allem die "Mehransichtigkeit und das Aufbrechen der klassischen Perspektive" die Brücke zwischen Moderne und El Greco her. "Das Schwierige an der zeitlichen Situation, die wir darzustellen versuchen ist, dass sie ein Amalgam war", sagt Wismer. "Es kam so vieles zusammen."

Eine Überraschung ist der Bezug zwischen den überlangen Skulpturen Wilhelm Lehmbrucks und El Grecos gedehnten Figuren, die in die Höhe zu streben scheinen. Durch die Verbindung zwischen El Greco und der Moderne wird auch die weniger beachtete religiöse Thematik der Avantgarde wiederentdeckt. So wird El Grecos "Entkleidung Christi" - ein Motiv, das es in der Bibel gar nicht gibt - mit Max Beckmanns "Kreuzabnahme" konfrontiert. Am Ende wird klar: Der alte Meister El Greco fiel aus seiner Zeit und schlug in der Moderne auf.

Quelle: dpa
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