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Düsseldorf
Angekommen in der neuen Stadt

Düsseldorf. Die ersten Schauspieler des neuen Ensembles am Schauspielhaus beziehen Quartier in ihrer neuen Heimat Düsseldorf. Christian Erdmann zum Beispiel. Im September wird er in der Eröffnungspremiere "Gilgamesh" zu erleben sein. Von Dorothee Krings

In der Wohnung türmen sich die Kartons, die Familie fühlt sich noch ein wenig herausgerupft aus dem alten Leben in Dresden und trauert den verlassenen Freunden nach, doch Christian Erdmann ist schon angekommen im Wald Chumbaba. Er verfolgt bereits, wie Gilgamesh auszieht, mit seinem Gefährten den Himmelsstier zu bezwingen und zu ergründen, warum der Mensch sterben muss.

Das Gilgamesh-Epos, 3000 vor Christus in Mesopotamien festgehalten, ist eines der frühesten Werke der Weltliteratur. Im September wird Wilfried Schulz mit diesem Stoff seine Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus beginnen - und Erdmann wird in der Eröffnungspremiere unter der Regie von Roger Vontobel auf der Bühne stehen. Darum hat der Schauspieler jetzt begonnen, den Schöpfungsmythos zu lesen, ihn auf sich wirken zu lassen, "zu sehen, welche Türen er in mir öffnet".

Erdmann arbeitet gern kontinuierlich mit denselben Künstlern. Darum hat er sich für Düsseldorf entschieden, nicht für die Stadt, sondern für das Team um Intendant Schulz, das aus Dresden an den Rhein zieht. "Ich sehne mich nach einer künstlerischen Familie", sagt Erdmann. Darum arbeitet er auch gern am Theater, liebt die Einstudierungsphase, in der "eine verschworene Bande sich für sechs Wochen in einen dunklen Raum zurückzieht und ausprobiert". Doch Erdmann arbeitet auch vor der Kamera, war zuletzt in der viel diskutierten Fernsehproduktion "Eine handvoll Leben" zu sehen, in der es um ein Paar geht, das ein behindertes Kind erwartet und sich für oder gegen eine Abtreibung entscheiden muss. Der Film bekam viele gute Kritiken - und Christian Erdmann daraufhin reizvolle Film-Angebote. Doch er hatte sich schon für das Theater entschieden, für den Neubeginn mit Schulz in Düsseldorf. "Ich möchte nicht monatelang in Hotels leben, sondern bei meiner Familie an einem festen Ort", sagt er. Dass nun wegen der verlängerten Bauarbeiten um die neue Tiefgarage am Gründgens-Platz das Ensemble erzwungenermaßen erst einmal ein Nomadendasein innerhalb der Stadt führen muss, findet er betrüblich. "Auch ein Ensemble braucht ein Haus, sein Haus, in dem es Heimat findet", sagt Erdmann. Andererseits findet er es reizvoll, nun Theater an ungewohnte Spielorte in der Stadt zu bringen. "Eine Bühne in einem Zelt gleich an der Kö hat natürlich auch etwas", sagt er.

Erdmann stammt aus Thüringen, hat schon als Schüler in seiner Heimat Rudolstadt Theater gespielt, zuletzt in einer Nachwuchsgruppe am Landestheater. Dabei lernte er Profis aus dem Ensemble kennen - und wurde erst einmal abgeschreckt. "Die sahen alle so grau und unglücklich aus, so wollte ich nicht werden." Erdmann absolvierte seinen Zivildienst, ging für ein halbes Jahr nach Israel und freundete sich bei seinen Reisen immer wieder mit Leuten an, die sich als Schauspieler entpuppten. "Ich habe das als Zeichen gedeutet, habe nach meiner Rückkehr in Potsdam an der Schauspielschule vorgesprochen und wurde auf Anhieb genommen", erzählt er. So landete er doch beim Theater, wurde in seiner ostdeutsch geprägten Ausbildung aber zunächst darauf gedrillt, perfekt in Rollen zu schlüpfen und seine eigene Biografie dabei möglichst auszuklammern. Nach dem Examen arbeitete er erst in Meiningen, bewarb sich dann bei Schulz in Hannover. "Nach dem Vorsprechen fragte Schulz damals: Können Sie das nun einmal so spielen, dass man sieht, was der Text mit Ihnen zu tun hat", erzählt Erdmann und lacht. Für ihn war es eine Schlüsselfrage. Er verstand damals, dass ihm der persönliche Bezug zu seinen Rollen immer gefehlt hatte. In Hannover arbeitete Erdmann dann unter anderem mit Regiemeister Jürgen Gosch. "Zu der Zeit hatte ich furchtbaren Liebeskummer, aber ich habe versucht, das zu verbergen und zu funktionieren", sagt er. Gosch habe sich das eine Weile angeschaut und dann auch so einen Satz gesagt, der einem Darsteller nicht mehr aus dem Kopf geht: "Sie langweilen mich zu Tode, können sie nicht wenigstens zeigen, dass es ihnen schlecht geht." Erdmann lächelt wieder. Damals habe er endgültig begriffen, dass es beim Schauspielen nicht um Verstellen geht, sondern um die Suche nach der Wahrheit einer Figur, die immer auch die Wahrheit des Darstellers sei. Er spielt seitdem jedenfalls ohne "eine fette Schicht Ironie", gibt preis, was ihn im Inneren bewegt.

Nun in Düsseldorf. Erdmann hofft, dass das Publikum dem Ensemble mit Neugier und Mut begegnet. Und sich fesseln lässt. Von Geschichten wie die von Gilgamesh, die vor 5000 Jahren erzählt wurden und von der Gegenwart handeln.

Quelle: RP
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