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Serie Eine Sichere Bank
Auf der Ersatzbank

Serie Eine Sichere Bank: Auf der Ersatzbank
RP-Mitarbeiterin Nicole Scharfetter auf einer Ersatzbank in Benrath. Ihre Lieblingsbank wurde abmontiert. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Nach zwei Jahren war RP-Mitarbeiterin Nicole Scharfetter mal wieder in der Benrather Innenstadt auf dem Markt. Traurig musste sie feststellen, dass es ihre Lieblingsbank dort nicht mehr gibt. Die Nachbarbank ist ihr nicht gleichwertig. Von Nicole Scharfetter

Donnerstag ist Eiertag, das war schon immer so, und auch an diesem Donnerstag ist der Mann aus Kleve gekommen, der in Benrath Eier und Geflügel verkauft. Ich bin schon lange nicht mehr hier gewesen, auf diesem kleinen Platz in der Mitte der Fußgängerzone. Geändert hat sich eigentlich nicht viel seitdem.

Da ist immer noch der Gemüse-Mensch und daneben der Kaffee-Mann, dessen Oldtimer so schön rot leuchtet. Wie oft habe ich dort einen Latte Macchiato bestellt und mich mit dem Becher auf die Bank gesetzt, diese eine mit Blick auf den Markt: Leute gucken, Kaffee trinken - meine Mittagspause, früher, als ich noch in Benrath war. Zwei Jahre ist das her, viel Zeit, in der sich wenig verändert hat. Bis auf meine Bank. Die ist weg.

Das ist traurig. Ich hätte vermutlich eher kommen sollen, dann hätte ich noch mal ein bisschen Zeit gehabt auf der Bank. Ich weiß nicht, warum sie abgebaut wurde und wann. Vielleicht ist das erst ein paar Tage her, vielleicht schon Monate. Ich suche mir ein anderes Plätzchen, die nächste Bank ist nicht weit weg, ich kenne sie flüchtig, vom Vorbeigehen, aber ich habe ihr nie viel Beachtung geschenkt, geschweige denn auf ihr gesessen. Von dieser Bank aus kann ich sehen, wo meine Bank einmal gestanden hat.

In der Luft liegt der gleiche ölige Geruch wie früher, ein Gemisch aus gebrauchtem Frittenfett und Fisch. Das ist der Geruch, der zum Markt gehört, der signalisiert, dass Markt ist. Kein guter Geruch, nicht wie der aus der Bäckerei, wenn es nach frisch gebackenen Brötchen riecht oder nach frisch aufgebrühtem Kaffee, oder wenn man beim Obstmann vorbeikommt und die Erdbeeren einen quasi anspringen. Viele Male habe ich meine Nase gerümpft, im Sommer mehr als im Winter, weil die Wärme diesen Geruch verstärkt. Und trotzdem hat er mich nie vertrieben. Man gewöhnt sich daran, wenn man ihn nur lange genug einatmet.

An die Lautstärke an diesem Tag will ich mich dagegen nicht gewöhnen. Es ist lauter als jemals zuvor, Bauarbeiter reißen Pflastersteine raus. Sie sind mit einem Lkw gekommen, der Motor brummt ohne Pause. Bald wird aus dem Brummen ein Knurren. Mich macht es aggressiv, weil ich den Brunnen nicht plätschern höre, weil ich nicht dieses Gefühl von Ruhe bekomme, von Entspannung. Dem kleinen Mädchen mit dem pinken Anorak, das gerade Blätter in das Wasser tunkt, scheint der Krach nichts auszumachen, auch den beiden Männern, die mir gegenübersitzen, nicht. Vielleicht weil sie um kurz nach 10 Uhr Bier trinken. Sie prosten einem Dritten zu, der sich eingeladen fühlt, sich auf die Bank daneben zu hocken. Er holt einen Korn aus seiner Jackentasche. Ich schüttele mit dem Kopf - innerlich -, die Männer sollen nicht sehen, dass ich Bier und Korn so früh morgens nicht besonders gut finde.

Ich frage mich, ob diese Männer schon immer zusammen am Marktplatz getrunken haben oder ob sich das geändert hat in der letzten Zeit. Vielleicht habe ich sie einfach nicht gesehen, weil sie in meinem Rücken saßen, weil ich von meiner Bank aus ganz andere Dinge sehen konnte, Bekannte, die sich flüchtig grüßten, oder Freunde, die sich eine Crêpe teilten. Mir fehlt meine Bank, ich würde gerne wieder diese Dinge sehen. Kann ich aber nicht, weil die Sicht versperrt ist durch die enge Anordnung der Stände - der knurrende Lkw hat sich schrecklich breit gemacht. Und weil meine Bank nicht mehr dort steht.

Eine kleine, alte Frau mit feinem, weißen Haar kommt auf mich zu, sie stützt sich auf ihren Stock und bewegt sichsehr langsam. Aus ihrer Jacke kramt sie ein Taschentuch, mit dem sie die Bank von den Wassertropfen der Holzlatten trocken tupft. Es hat geregnet in der Nacht. Sie setzt sich neben mich, langsam und zittrig. Eine ganze Weile sitzen wir zwei so da, beobachten das Mädchen, wie es um den Brunnen tanzt. Irgendwann frage ich sie nach meiner Bank. Die Frau ist irritiert. Ein bisschen, weil ich sie angesprochen habe, vor allem aber, weil sie sich an meine Bank nicht erinnern kann.

Ich stehe auf, überzeugt, dass es diese Bank gegeben hat, und gehe zu der Stelle, wo sie mal gestanden hat. Das ist der Moment, in dem ich Abschied nehmen muss. Vielleicht nur für eine Weile, vielleicht für immer. Aus meiner Tasche hole ich einen Einkaufsbeutel. "Zehn Eier, bitte", sage ich zum Eier-Mann, als ich vor seiner Glasvitrine stehe. Eine Tortilla will ich heute Abend machen, so wie früher, wenn Donnerstag Eiertag war.

Quelle: RP
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