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Düsseldorf
Auf Kunstreise im Oldtimer-Bus

Düsseldorf: Auf Kunstreise im Oldtimer-Bus
Künstlerin Melanie Richter und die anderen Besucher der Kunstpunkte im Oldtimer-Bus an der Ackerstraße 15. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Zum 20. Bestehen der Kunstpunkte bringt ein alter Bus die Gäste in die im Norden gelegenen Ateliers Düsseldorfer Künstler Von Natascha Plankermann

Durch die Fenster des rotweißen Oldtimerbusses sieht die Stadt auf einmal anders aus. Die Septembersonne taucht Düsseldorfs Straßen in ein weiches Licht, während Menschen am Straßenrand stehenbleiben und dem rollenden Schmuckstück mit verklärten Blicken hinterher schauen. Wer drin sitzt, ist allerdings bereit dazu, sich im Hier und Jetzt schnell zu bewegen. "Wir haben 20 Minuten, dann müssen wir weiterfahren", mahnt Künstlerin Melanie Richter das 20-köpfige Grüppchen, das sie und der Schauspieler Gabriel Rodriguez im Auftrag des Kulturamtes drei Stunden lang zu Arbeitsplätzen von Künstlern in den nördlichen Stadtteilen führt - etwa nach Flingern. Ein knapp bemessenes Zeitkontingent für die Werke von sieben Malern, Bildhauern und Fotografen an der Ackerstraße 15. Alle stellen sich darauf ein und behalten im Hinterkopf, dass sie wiederkehren, wenn ihnen etwas besonders gut gefällt.

Das sind für eine Erzieherin aus Garath, die schon im dritten Jahr bei der Oldtimerbusfahrt zur Kunst dabei ist, auf jeden Fall die Fotografien von Erika Anna Schumacher. Sie zeigen nächtliche Momentaufnahmen aus Städten der Welt wie Miami: Ein Hirsch äst in der Dunkelheit, sein Fell ist mit wilden Mustern geschmückt. Wer hat das Tier bemalt? Lebendig kann es doch nicht sein? Die Fotografin zuckt lächelnd mit den Schultern: "Ich liebe solche Szenen, die wie Ausschnitte aus Filmen wirken und bei denen sich die Frage stellt: Was passiert hier, oder was könnte gleich geschehen?" Die Gäste nicken beeindruckt und hasten weiter.

An der Ackerstraße 15 wird ähnlich wie in einem Großraumbüro gearbeitet: Stellwände trennen die Bereiche der Mieter in der Halle voneinander ab - so entstehen die abstrakten Gemälde von Judith Funke gleich neben den Tischszenen von Susanne Müller-Kölmel. Gerade das findet Marion Eyl cool und kann sich an diesem Ort gut in ihre Porträtmalerei versenken: "Wir sind ja meist zu unterschiedlichen Zeiten da und stören einander nicht." So kommt es, dass die Kunstpunkte für sie und die anderen eine willkommene Gelegenheit bieten, nicht nur Gäste zu empfangen, sondern einander wiederzusehen und beim Nachbarn über die Schulter zu schauen.

Genau dieser Gedanke stand vor 20 Jahren im Raum, als diese Aktion aus der Taufe gehoben wurde - angesprochen werden sollten vor allem die Düsseldorfer, die sonst wenig mit den Künstlern zu tun haben, obwohl sie bei ihnen nebenan wirken. Mehr als 500 Teilnehmer öffnen inzwischen an 248 Kunstpunkten ihre Türen. "Das bedeutet: Produktionsstopp, aufräumen und sich neu sortieren", weiß Melanie Richter, die im Vorfeld der Bustour mit ihren Kollegen spricht, um mehr über den Ist-Stand ihrer Arbeiten zu erfahren.

Vieles erklärt sie, während der Bus zur nächsten Besichtigungsstation knattert, mit manchem überrascht sie ihre Mitfahrer. So etwa mit der Ausstellung der Fotografin Beate Knappe an der Birkenstraße. "Fuck you cancer" lautet ihr Titel, und Beate Knappe sagt dazu: "Ich will zeigen, wie schön Frauen aussehen können, obwohl sie an Krebs erkrankt sind und durch eine Chemotherapie ihre Haare - also ein wichtiges Zeichen ihrer Weiblichkeit - verloren haben."

Wieder nicken die Tourteilnehmer, diesmal sehr berührt, denn sie sind auch fast durchweg Frauen. Draußen auf der Straße atmen sie auf und warten darauf, dass Gerd Adorf mit seinem Bus aus dem Jahr 1953 herankurvt. Es geht weiter zur letzten Station, dem mehr als 100 Jahre alten Atelierhaus an der Sittarder Straße. Dort, im Schatten des Ergo-Versicherungshochhauses, erreicht die Zeitreise einen ihrer Höhepunkte im Atelier von Dorothée Bouchard. Die 79-Jährige sinniert über die Veränderungen in der Kunst- und Galerieszene, während sie eine Rose ins Wasser stellt, die ihr eine Besucherin überreicht hat. "Mein Galerist Alfred Schmela hat meinen Marktwert gemacht. Heute beobachte ich, dass junge Künstler sich selbst darum kümmern müssen, bekannt zu werden - mindestens bis Miami sollten sie kommen."

Bouchard selbst schaut zufrieden auf die Zeit zurück, in der sie im südfranzösischen Departement Lozère für Naturstudien durch eine wilde Landschaft kletterte. Bilder von einem Wasserfall zeugen noch davon. Draußen vor der Tür wartet der Bus, und auf der Rückfahrt meint die Erzieherin aus Garath strahlend: "Jetzt habe ich schon wieder so vieles gesehen, von dem ich mich frage: Wie kommt man nur auf so eine Idee? Davon kann ich doch einiges mit meinen Kindern nachmachen."

Quelle: RP
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