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Düsseldorf
Bei Familie Beuys zuhause

Düsseldorf. Ein Buch mit erstmals veröffentlichten Fotografien von Eva Beuys zeigt die Symbiose von Privat- und Künstlerleben. Von Dorothee Achenbach

Kann man ein Künstlerbuch machen ohne eine einzige Abbildung des Künstlers? Ja, man kann! Das soeben erschienene Buch "Beuys Düsseldorf-Oberkassel Drakeplatz 4" beweist dies eindrucksvoll. Es kommt ohne ein Porträt von Joseph Beuys aus und atmet doch auf jeder Seite seinen Geist. Es ist Zeitdokument und besonderer Augenschmaus zugleich. Herzstück des außergewöhnlichen Bandes sind 64 Schwarz-Weiß-Fotografien, die Eva Beuys von der ehelichen Wohnung - dem später legendären Atelier in der Drakestraße 4 - gefertigt hat.

1961 bezog das frisch verheiratete Paar die Oberkasseler Wohnung "in einem einzigen gemeinsamen Gang aus der Studentenbude: Beuys mit einem Lederkoffer, ich mit einem kleinen Korb meiner Großmutter", erinnert sich die Witwe. Der karg nomadisch möblierte Lebensraum bestand zunächst nur aus dem Eingang und einem großen, weiß gestrichenen Zimmer - es war Küche und Esszimmer, Atelier, Wohn-, Schlaf- und Kinderspielzimmer, temporärer Ausstellungs- und Experimentierraum: Leben und Arbeiten bildeten eine untrennbare Einheit. Eine Herausforderung für jedes Familienleben und unabdingbar für das künstlerische Werk des angehenden Ausnahmekünstlers. Eva Beuys hat die Fotos auf Glasplatten mit einer Plattenkamera gefertigt und in einem komplizierten Prozess im häuslichen Souterrain auf speziellem Papier entwickelt.

"Beuys war sehr froh, dass seine Werke nicht mit einem Rollfilm aufgenommen wurden. Er war real der Überzeugung, sowohl die Werke als auch deren Abbildung litten darunter, für kurze Zeit gerollt zu werden", erzählt sie. Man mag kaum glauben, dass die Fotos von einer Autodidaktin stammen, die die erforderliche Technik mit Hilfe zweier Bücher von Andreas Feininger lernte. Doch das unbestechliche Auge und das Gespür für die perfekte Aufnahmeposition und Belichtung kann man nicht aus Büchern haben - vielmehr spiegelt dies den engen künstlerischen Austausch, den es zwischen den Gatten gegeben hat. Ergänzt werden die Fotografien von ausführlichen Erläuterungen, die Eva Beuys aus dem Archiv ihres Wissens und ihrer Erinnerung zusammengestellt hat. Was heute in den renommiertesten Sammlungen der Welt ausgestellt ist, findet sich zwischen Herd, Nähtisch und Kühlschrank oder an eine Wandecke gelehnt, wieder. Eine rot bemalte Fahne, der Stamm einer Tanne und zwei bleierne Berglampen stehen im Flur und bilden das Werk "Gundfana des Westens - Dschingis Khans Flagge 1961-1970". Drei angespitzte Stöcke, bekrönt mit schwarz gebackenen Kartoffeln und aufrecht in die Abdeckplatte des Ölofens gesteckt, transformiert Beuys später zum plastischen Bild "Vietnam". Eine Melitta-Filtertüte und eine Wärmflasche aus verzinktem Kupfer in einem selbst entworfenen Blechkasten werden zu "Mond 1964/Sonde 1964" arrangiert und im New Yorker Guggenheim Museum ausgestellt. Auch andere Inkunabeln des Oeuvres sind abgebildet: Fettecken und der Stuhl mit Fett, Fluxuskisten, Filzplatten und Wachsgebilde.

Doch das Buch mit seinen Innenansichten aus der Welt eines der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler ist nicht nur berührend, sondern anrührend. Denn es zeigt auch den liebenden Blick einer Mutter: Wie der kleine Sohn Wenzel mitten im Raum schräg auf einer Matratze am Boden liegend so tief schläft, wie nur Kinder schlafen können. Wie er und seine Schwester Jessyka einen Esstisch gebaut und gedeckt haben, an dem ihre ganze Kuscheltier-Riege versammelt sitzt und eine Kieler Sprotte aus Schokolade speist.

Und wie ein Weihnachtsbaum solange in der Mitte des Raumes stehenbleibt, bis er nur noch aus kahlen, dürren Ästen besteht und die Nadelhaufen von den Kindern respektvoll umgangen werden - das sagt mehr über das Wesen und die Künstlerseelen dieses Haushaltes aus, als so mancher wort- und erklärungsreiche Aufsatz.

Quelle: RP
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