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Sonja Glass
"Bei uns gibt es aufbrausende Leidenschaften"

Sonja Glass: "Bei uns gibt es aufbrausende Leidenschaften"
Valeska Steiner (l.) und Sonja Glass sind Boy. Das neue Album des Duos steht auf Platz drei der Charts. FOTO: Mittelstaedt
Düsseldorf. Im Oktober tritt die Band Boy in Düsseldorf auf. Das Wort niedlich hören sie nicht gerne: ein Gespräch über Inszenierungen im Pop. Von Philipp Holstein

Vier Jahre sind vergangen, seit das Duo Boy aus Hamburg sein Debütalbum "Mutual Friends" veröffentlicht hat. Valeska Steiner und Sonja Glass spielen zarten Folkpop, und die Intimität und Wärme der Lieder berührt viele Menschen. Das Duo ist in Japan und den USA getourt, der Videoclip zu "Little Numbers" wurde 15 Millionen Mal angeklickt. Obwohl Boy in den vergangenen anderthalb Jahren kaum in Erscheinung getreten ist, erreichte das neue Album "We Were Here", auf dem sie ihrem Stil treu bleiben, soeben Platz drei der Charts. Am 30. Oktober tritt Boy im Rahmen des New Fall Festivals in der Düsseldorfer Tonhalle auf. Wir telefonierten mit Sonja Glass, kurz bevor sie von der Chartplatzierung des neuen Albums erfuhr.

Wer sind eigentlich Ihre musikalischen Helden?

Glass Wir verehren sehr Bon Iver. Und Phoenix ist eine Band, die wir super lieben. Valeska mag Songwriterinnen wie Suzanne Vega, die Geschichten erzählen. Ich mag Devendra Banhart, und als junges Mädchen habe ich Leonard Cohen gehört.

Auf Fotos wirken Sie immer so verträumt und glücklich. Dabei las ich neulich, dass Sie sich beim Songschreiben oft streiten. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.

Sonja Glass Wieso können Sie sich das nicht vorstellen?

Wegen der Bandfotos und Ihrer Video-Clips. Und wegen der Musik.

Glass Uns wird so eine gewisse Niedlichkeit und Harmlosigkeit vorgeworfen. Uns wird totale Harmonie angedichtet. Das ist so schade. Wir haben viele Auseinandersetzungen. Bei uns gibt es ja keine Demokratie. Wie stehen einander eins zu eins gegenüber. Wir müssen Konflikte bis zum Ende ausdiskutieren. Das ist oft anstrengend. Aber Auseinandersetzungen sind wichtig.

Pop ist ja nicht nur Musik. Und seit Ihrer ersten Platte inszenieren Sie sich auf Fotos und in Videos mit dieser verträumten und weichgezeichneten Instagram-Ästhetik.

Glass Das ist oberflächlich gedacht. Man braucht Pressefotos, und dann versuchen wir Fotos zu verwenden, auf denen wir dargestellt sind, wie wir sind. Die Optik der Fotos ist einfach eine intuitive Sprache. Unsere Musik ist ja auch nicht hart.

Ich nehme Ihnen nicht ab, dass Sie diese Optik nicht bewusst gewählt haben und um den Effekt wissen.

Glass Ein Kind mit Glockenspiel ist niedlich.

Im Video zu "Little Numbers" sitzen Sie an einem Kinder-Piano und klimpern versonnen vor sich hin.

Glass Wir sind zwei erwachsene Frauen, die sehr viel erlebt haben.

Sie haben großen Erfolg. Vielleicht befriedigt Ihr Stil ja eine Sehnsucht. In einer Rezension war vom Soundtrack des Neobiedermeiers zu lesen.

Glass Das finde ich schlimm. Bieder sind wir nicht. Aber wer das dennoch so sehen will, soll das tun. Ich kann ihn davon nicht abhalten.

In den USA ist gerade eine Kulturgeschichte der Niedlichkeit erschienen. Der Autor, Marc Spitz, vereint unter diesem Label Künstler wie Miranda July, Wes Anderson, Belle & Sebastian und Feist. Er meint, die Niedlichkeit sei die größe Bewegung im Pop seit dem HipHop.

Glass Wenn Sie Referenzen wie Miranda July nennen und Feist, dann fühle ich mich da aufgehoben. Aber all diese Menschen sind nicht niedlich. Sie haben vielleicht eine positivere Sicht auf die Dinge. Viele verwechseln das mit Niedlichkeit. Es gibt nun mal Leute, die sehen die großen Tragödien, aber sie überlegen, wie sie sie besser machen können, wie sie zu traurigen Nachrichten positive Stimmungen geben, damit sie nicht so schwer zu ertragen sind. Wir behandeln ja auch Themen wie Angst.

Sie meinen den Song "Fear"?

Glass Ja, der ist doch nicht harmlos. Und ich finde es schade, dass ich mich dafür rechtfertigen muss.

Das ist das "Every Breath You Take"-Phänomen: Alle denken, es ist ein Liebeslied, mancher spielt es sogar bei seiner Hochzeit. Dabei geht es in Wirklichkeit um Stalking.

Glass (lacht) Ja, genau.

Vielleicht finden wir so zueinander: Jeder der eben genannten Künstler bildet in seinem Werk einen eigenen Kosmos, der als Gegenbild zur Wirklichkeit funktioniert. Auch Sie bieten einen Gegenentwurf zur beschleunigten Welt.

Glass Ja, das ist uns vielleicht nicht so bewusst, entspricht uns aber. Das stimmt. Damit kann ich mich identifizieren.

Die erste Platte war arglos, zeitlos geradezu. Wie haben Sie es geschafft, sich diese Haltung auf dem Nachfolger zu bewahren?

Glass Indem wir uns in den Zustand vor der ersten Platte zurückversetzt haben. Wir haben uns komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wir haben gemacht, was uns interessiert und nicht auf außen gehört, Wir haben nur auf das geschaut, was uns beschäftigt. Man hätte es eh niemandem recht machen können, davon mussten wir uns freimachen.

Wie läuft der Prozess des Schreibens?

Glass Ich entwickle musikalische Ideen und schicke sie Valeska, und sie macht Texte dafür. Dann beginnt ein monatelanger Austausch, eine Auseinandersetzung. Und noch mal zum Anfang: Es gibt bei uns während dieses Prozesses aufbrausende Leidenschaften.

Quelle: RP
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