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Düsseldorf
"Bewegerei ohne Grund langweilt mich"

Düsseldorf. Ballettchef Martin Schläpfer fühlt sich wohl im neuen Trainingszentrum in Bilk - vermisst aber ein Bekenntnis der Stadt zum Umfeld. Von Dorothee Krings

Kastanien liegen auf dem Tisch im neuen Büro des Ballettchefs Martin Schläpfer. Er mag das frische, glänzende Braun seiner Fundstücke. "Und sie sind ein Zeichen für die Zeit - schon wieder Herbst", sagt er und lacht. Bis auf diesen Gruß aus der Natur wirkt der Raum gleich hinter dem Eingang im neuen Trainingszentrum hell, aber streng funktional - wie der Rest des Gebäudes. "Wir wollten keine Gemütlichkeit, die Wärme und Energie soll allein von den Künstlern kommen", sagt Schläpfer. Die neuen Studios seien neutral, man könne sie mit Stimmungen besetzen, mit einem Stück, einer Musik. "Ist die Probe aber vorbei, sind die Räume modern und reduziert genug gebaut, um wieder bereit zu sein für einen anderen Choreografen - sie sind dann leer wie eine Leinwand."

Das Ballett am Rhein ist angekommen im neuen Zuhause in Bilk. In den Studios laufen parallel die Proben für die erste Premiere der Saison am Samstag. Noch stehen einzelne Leitern auf den Gängen, wird hier und da noch gepinselt, geschraubt, ausgebessert. "Natürlich gibt es ein paar Kinderkrankheiten, die erst im Gebrauch eines neuen Gebäudes zu Tage treten", sagt Schläpfer, "aber eigentlich hat der Einzug reibungslos funktioniert." Das gilt sogar für die technischen Anlagen. Alle Trainingsstudios im neuen Balletthaus am Steinberg sind digital ausgestattet, sämtliche Musiken von einem zentralen Server abrufbar. Wo ist noch mal die CD? - diese Frage gehört der Vergangenheit an. Auch kann die Kompanie nun in mehreren Studios gleichzeitig trainieren, eines davon hat sogar eine kleine Publikumstribüne, und man kann die Bühnensituation mit den Gassen für die Auf- und Abgänge simulieren. "In diesem Studio bin ich besonders gerne", sagt Schläpfer, "es hat einen Werkstattcharakter, der sehr inspirierend ist."

Für den anstehenden Ballettabend b.25 hat Schläpfer keine eigene Kreation geschaffen. Er hat sich eine Pause verordnet, nutzt die, um intensiv mit der Kompanie zu arbeiten. "Nach Jahren, in denen ich vier, fünf Produktionen pro Jahr gemacht habe oder Mahler in fünf Wochen, war ich in einem Marathon-Modus", sagt Schläpfer, "der Schaffensdrang ist immer noch in mir, aber jetzt muss ich erst einmal innehalten, sonst wird alles, was ich leiste, selbstverständlich."

Durch die intensive Trainingsarbeit begegnet Schläpfer auch immer wieder den eigenen älteren Choreografien, etwa, wenn die Kompanie zu Gastspielen reist. Für Schläpfer ist das auch Anlass, die eigene Arbeit, ja sogar den Tanz schlechthin zu hinterfragen. "Ich denke viel darüber nach, welche Begründungen es für die Abläufe in meinen Choreografien gibt", sagt der Ballettchef. Es gäbe viele begabte Choreografen, die sich schöne Bewegungen einfallen ließen; und der Applaus sei ihnen gewiss, aber nur wenige machten tatsächlich Stücke - Choreografien, in denen die Bewegungsabläufe notwendig sind. Das aber ist Schläpfers Ziel: "Bewegerei ohne Grund langweilt mich", so der Ballettchef.

Für b.25 hat er Arbeiten von Choreografen ausgewählt, die im Ruf stehen, wirkliche Stücke zu liefern: William Forsythe, Frederick Ashton und einmal mehr Hans van Manen. Der langjährige Frankfurter Ballettchef Forsythe arbeitete früher in direkter Nachbarschaft zu Schläpfer in Mainz. Ihn einzuladen, ergab darum für Schläpfer damals wenig Sinn. "Nun wird Forsythe fast schon klassisch", sagt Schläpfer, "und es ist interessant zu sehen, wie das Ballett am Rhein mit seiner so ganz anderen Bewegungssprache umgeht." Eine noble, formal ungemein strenge Choreografie hat Frederick Ashton zu César Francks "Variations symphoniques" für Klavier und Orchester geschaffen. Ein Stück für drei Solistenpaare, vor dem manche Tänzer Angst haben, weil es so durchsichtig ist. Eine Herausforderung, an der das Ballett am Rhein seine Qualität beweisen kann. Mit Hans van Manens "Two Gold Variations" verleibt Schläpfer seiner Kompanie ein weiteres Werk des Niederländers ein. "Aber ein ungewöhnliches", sagt Schläpfer, in seiner Modernität und Klarheit fordere es seine Tänzer ebenfalls heraus.

Im Stadtteil Bilk fühlt Schläpfer sich wohl. "Ich mag das Urbane, man begegnet Menschen aus allen Schichten, es gibt Shopping, Kneipen, das reale Leben", sagt Schläpfer. Im alten Trainingszentrum in Oberkassel habe man sich mitten in einem reinen Wohngebiet doch wie von der Stadt ausgespuckt gefühlt. Allerdings hält er es für bedenklich, dass sich die Stadt zur Gestaltung des restlichen Geländes am Straßenbahndepot in Bilk noch nicht endgültig festgelegt hat. Geplant ist, dort Künstlerateliers anzusiedeln. "Natürlich sind wir dankbar für das neue Trainingszentrum, das ja auch eine große Anerkennung ist, aber auch das Umfeld ist wichtig", sagt Schläpfer, "ich weiß nicht, ob Schuldenfreiheit das höchste Ziel für eine Stadt sein sollte."

Quelle: RP
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