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Düsseldorf
Bilanz der Ära Beelitz in sechs Akten

Düsseldorf: Bilanz der Ära Beelitz in sechs Akten
Tippen! Den "Sekretärinnen" war der Erfolg gewiss, mit v.l. Isabel Hindersin, Katrin Hauptmann, Susanne Tremper, Hanna Werth. FOTO: Düsseldorfer Schauspielhaus
Düsseldorf. Unter widrigen Umstände trat Günther Beelitz 2014 an, wieder Vertrauen für das Schauspielhaus zu gewinnen. Das ist ihm gelungen - mit Gespür für Erfolgsstücke wie "Terror", aber ohne überregionale Strahlkraft. Von Annette Bosetti und Dorothee Krings

I. Auftritt des Retters Sie kann zerbrechen, die Beziehung zwischen einem Stadttheater und den Bürgern. In Düsseldorf war das nach den glücklosen Intendanzen von Staffan Holm und Interimsnachfolger Manfred Weber geschehen. Das reizte den erfahrenen und gewieften Günther Beelitz, eine zweite Ära als Intendant des Schauspielhauses zu wagen und zusammen mit dem kaufmännischen Leiter Alexander von Maravic Vertrauen für das Haus zurückzugewinnen - durch Theater, das sein Publikum nicht verstören, sondern gewinnen will. Beelitz ließ wieder Goethe, Hauptmann, Shakespeare spielen, gewann gestandene Regisseure wie Volker Hesse, Alexander Müller-Elmau, Hasko Weber und setzte auf Unterhaltsames wie Wittenbrinks "Sekretärinnen", um sein Haus wieder zu füllen. Mit Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama "Terror" gelang ihm der Coup: das Große Haus war ständig ausverkauft mit einem Stück, in dem die Zuschauer abstimmen dürfen - das Publikum war wieder gefragt, auch im übertragenen Sinne. Allerdings fuhr niemand nach Düsseldorf, um Entdeckungen zu machen.

Abstimmen! In "Terror" urteilt das Publikum über die Gewissensfragen eines Piloten, der von Moritz von Treuenfels gespielt wurde. FOTO: Sebastian Hoppe

II. Sammlung der Truppe In der Zeit der allgemeinen Düsseldorfer Theater-Verunsicherung griff Beelitz als einer der dienstältesten deutschen Intendanten in die Trickkiste, sortierte ins Ensemble längst ausgeschiedene Publikumslieblinge wieder ein und mutete diesen große Rollen zu. So erlebte man Manuela Alphons als eine der wahrhaftigsten Schauspielerinnen in "Maria und Josef". Das goutierte das ältere Publikum und belohnte Beelitz mit Präsenz bei den Premieren. Dieser holte auch Weggefährten ans Haus und auf die Bühne, darunter Nicole Heesters, deren Ruf als Schauspielerin alleine schon die Menschen neugierig auf "Terror" machte, in dem sie die Staatsanwältin gibt. Beelitz ging am Ende gern auf Nummer sicher: "Comedian Harmonists", "Swing Sisters", die Uraufführung von "Königsallee"- meist gelang es ihm, großes Interesse zu wecken, auch wenn die Inszenierungen nicht immer überzeugten.

III. Aufbruch Am Übergang zum Central am Hauptbahnhof leuchten jetzt Buchstaben, die das Schauspielhaus weithin sichtbar machen. Beelitz ist der Umzug in die Ersatzspielstätte gegen viele Widrigkeiten und in sehr kurzer Zeit gelungen. Der Spielort in prekärer urbaner Umgebung behagte vielen Besuchern anfangs wenig; und die Mitarbeiter des Theaters nötigt er bis heute zu Hochleistung unter beengten Bedingungen. Doch das Schauspielhaus ist mit dem Central auch näher an die Wirklichkeit gerückt. Das spürt man nicht nur im Foyer.

Mitfiebern! Bei "Tschick" war schnell klar, dass junge Menschen mitträumen würden, v.l. Philip Schlomm in der Titelrolle, Jasmina Music, Dominik Paul Weber. FOTO: Sebastian Hoppe

IV. Hilfreicher Gefährte Christoph Seeger-Zurmühlen weiß, was junge Zuschauer spannend finden. Und was sie beschäftigt. Schon als Schauspieler und Regisseur am Jungen Schauspielhaus hat er das bewiesen. Und als Beelitz dem Mitbegründer des "Asphalt"-Sommerfestivals die Leitung des Jungen Hauses übertrug, legte der erst so richtig los. Großartige Inszenierungen von Jugendromanen wie "Tschick" oder "Es bringen" bleiben in Erinnerung, das Theater in Rath beteiligte mit Projekten wie "Herzrasen" oder "Garten Eden" die Bürger auch direkt. Und die Familienstücke "Der kleine Muck" und "Pinocchio" sorgten für volle Häuser in der Weihnachtszeit. Das Besondere an der Münsterstraße: Das Theater funktioniert in einem Stadtteil, in dem mehrheitlich Menschen mit Migrationshintergrund leben - dazu gesellt sich das ältere Stammpublikum.

V. Altmeister Manche haben Beelitz unterschätzt oder gar zu Unrecht belächelt, als der längst im Rentenalter befindliche Kandidat von Stadt und Land aus dem Hut gezaubert wurde. Der 77-Jährige hat sein selbsterklärtes Ziel indes erreicht, das Theater wieder zum Thema in der Stadt gemacht, die Reihen gefüllt, die Einnahmen gesteigert, die Finanzen konsolidiert. Hausintern hat sich der Prinzipal aufgrund seines autoritären Führungsstils nicht nur Freunde gemacht, was er im RP-Interview zugab: "Es muss einen geben, der die Kommandos gibt. . . So wird man nie Everybodys Liebling." Beelitz' künstlerische Ausbeute blieb, gemessen an der finanziellen Ausstattung und Bedeutung des Hauses, mager. Es wird keine Entdeckung, nichts Unvergessliches in die Geschichte eingehen. Die eigenen Inszenierungen wie zuletzt "Biografie. Ein Spiel" bestätigen auch als Regisseur eher den Altmeister.

Wiederaufrollen! Nicht erst seit "Biografie. Ein Spiel" ist gewiss, dass das Leben Fehler fest im Programm hat; Szene mit Andreas Grothgar und Katrin Hauptmann. FOTO: Sebastian Hoppe

VI. Ausblick Günther Beelitz übergibt ein in vieler Hinsicht gut bestelltes Haus an Nachfolger Wilfried Schulz, der freilich aus Dresden eine andere Vorstellung von Theatermachen mit in die Landeshauptstadt bringt. Beelitz hat es geschafft, die Entfremdung zwischen Publikum und Theater zu verringern und das Vertrauen vieler Zuschauer neu zu gewinnen. Das ist ihm hoch anzurechnen. Und daran kann Schulz anknüpfen. Eigentlich hatte Günther Beelitz die Zumutungen der Sanierung auf sich genommen, damit Wilfried Schulz in diesem Spätsommer für seinen Neubeginn in eine perfekte Spielstätte am Gustaf-Gründgens-Platz einziehen könnte. Dass dies nun nicht möglich ist, liegt nicht an der Sanierung des Schauspielhauses - geht also nicht auf das Konto Beelitz, sondern an den Bauvorhaben des "Kö-Bogen II", die sich massiv verzögern. Es ist die größte Hypothek für Nachfolger Schulz.

Quelle: RP
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