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Bowie-Musical "Lazarus" in Düsseldorf
Schauspielhaus-Regisseur Hartmann äußert sich zu schweren Vorwürfen

Bowie-Musical "Lazarus": Vorwürfe gegen Schauspielhaus-Regisseur Matthias Hartmann
Matthias Hartmann (Archivbild). FOTO: dpa, bsc
Düsseldorf. Vor der deutschen Erstaufführung von "Lazarus" im Düsseldorfer Schauspielhaus haben 60 ehemalige Mitarbeiter von Regisseur Matthias Hartmann schwere Vorwürfe gegen den Ex-Direktor der Wiener Burg erhoben. Die Rede ist von Sexismus, Rassismus, Homophobie und Machtmissbrauch. Hartmann sagt, dass man ihn fertigmachen wolle. Von Annette Bosetti

Der Zeitpunkt hätte zündender nicht gewählt werden können für diesen Offenen Brief, der am Freitag im Wiener Standard veröffentlicht wurde und in der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift "Atmosphäre der Angst" aufgegriffen wurde. Punktgenau zur Deutschen Erstaufführung des Bowie-Musicals "Lazarus" am Düsseldorfer Schauspielhaus holt Star-Regisseur Matthias Hartmann (54), der das Musical für die Bühne im Gustaf-Gründgens-Platz einrichtet, ein Stück weit seine Vergangenheit ein.

In diesem Brief, der von 60 Mitarbeitern verschiedener Abteilungen des Wiener Burgtheaters, darunter renommierte Schauspieler, unterschrieben ist, werden gegen Hartmann zwar keine strafrechtlich relevanten Vorwürfe erhoben, aber es werden Beschwerden laut über sein Verhalten, die im Fahrwasser der #MeToo-Debatte auftauchen und Herabwürdigungen anderer Menschen wie Sexismus, Rassismus, Homophobie und Machtmissbrauch andeuten.

Demnach soll unter Hartmann, der in Wien als Burgtheaterdirektor 13 Mal selbst Regie führte, ein mehr als fragwürdiges Arbeitsklima geherrscht haben. "Das Burgtheater hat von 2009 bis 2014 eine Direktion erlebt, die unter Matthias Hartmanns Leitung und mit ihm als hauptsächlichem Regisseur am Haus Abhängigkeiten und Betriebshierarchien nicht durch einen verantwortungsvollen Umgang aufgefangen, sondern eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung erzeugt hat", heißt es im Brief.

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Beschimpfungen und Demütigungen

Die konkreten Vorwürfe reichen von der Beschimpfung des technischen Personals über die Demütigung einzelner Produktionsmitarbeiter bis zu Homophobie. Hartmann wird konkret die Frage an Schauspielerinnen während einer Probe vorgeworfen, ob "sie beim Oralverkehr das Sperma schlucken würden, oder ob das einer kalorienbewussten Ernährung widerspricht". Auch soll der Theaterchef einen dunkelhäutigen Choreografen als "Tanzneger" bezeichnet haben. Das am Theater gebräuchliche Toi, toi, toi-Sagen mit Spucken über die Schulter sei von Hartmann dahingehend abgewandelt worden, dass er eine Umarmung oder einen Klaps auf den Po dazusetzte.  

"Habe bestimmt schon mal Witze über Homosexuelle gemacht"

Zu diesen Vorwürfen hat Hartmann, wie die Süddeutsche schreibt, ausführlich in E-Mails Stellung bezogen. Die Äußerung mit dem "Spermaschlucken in Zusammenhang mit einer kalorienbewussten Eiweißdiät" bezeichnet er darin als einen Witz. Der von ihm als "Tanzneger" bezeichnete Choreograf habe sich selbst zuvor so bezeichnet. Er gibt weiter zu, "bestimmt schon einmal Witze über Homosexuelle gemacht zu haben."

Hartmann schreibt der Zeitung: "Ich bin groß, durchsetzungsstark und ungeduldig. Ich habe es stets versucht zu vermeiden, mit der Macht zu spielen, die mir zu Gebote war. Das ist mir vielleicht nicht immer gelungen."

In einzelnen Fällen und auch ganz pauschal bittet der Regisseur um Entschuldigung. Der Süddeutschen schrieb er: "Falls ich dennoch jemanden verletzt oder beleidigt haben soll, möchte ich mich in aller Form dafür entschuldigen."

Für Intendant Schulz ein belastender Vorgang

Düsseldorf ereilte diese Nachricht zu Beginn der Voraufführungen am Freitagabend. Für Intendant Wilfried Schulz ein nicht freundlicher, ein sehr belastender Vorgang. Doch in seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Hartmann habe es derartige Vorkommnisse nicht gegeben. Im Gespräch mit unserer Redaktion weiß der erfahrene Theatermacher gleichzeitig zu beruhigen. Die Erstaufführung am Abend werde man getrennt davon beurteilen, was vier Jahre nach Hartmanns Weggang seine alten Kollegen nun aufs Tapet bringen.

Er habe realistisch keine Angst davor, dass diese Diskussion einen Schatten auf "Lazarus" werfen könne. "Das was man sieht, sieht man." Allerdings sei durch die Platzierung dieser durch Dritte kolportierten schweren Vorwürfe ein unerwünschtes "Nebenrauschen" eingetreten, das niemand verdient habe, schon gar nicht das Team, das seit Wochen fieberhaft an dieser Produktion arbeite.

Schulz sagt, er kenne Matthias Hartmann seit 1993 und habe stets vertrauensvoll mit ihm zusammengearbeitet, in Hunderten Proben mit ihm zusammengesessen. "Dass er manchmal einen selbstbewussten Ton hat, der nicht so gut ankommt, ist bekannt." In Düsseldorf ist Hartmann bereits für die dritte Produktion verantwortlich. Es habe seines Wissens keine unangenehmen Vorfälle während der Proben gegeben. Schulz sagt auch, dass er das Problem nicht kleinreden oder runterspielen wolle.

Ein weiterer Vorwurf gegen Hartmann lautete, dass sich die künstlerische Arbeit des Regisseurs unliebsam vermenge mit dem Machtumfang des Intendanten, der er gleichzeitig war. Grundsätzlich sei künftig im Theaterbetrieb die Debatte intensiver darüber zu führen, wie man mit Macht umzugehen habe. Nach #MeToo habe eine neue Sensibilisierung stattgefunden, auch sei eine neue Generation von Künstlern an der Macht, die solche Debatten vielleicht anders führen wollen.

Schon jetzt, so Schulz, sind im Theaterbetrieb – anders als beim Film – eine Reihe von Anlaufstellen institutionalisiert, an denen Schauspieler Vertrauen genießen und vorsprechen können, wenn sie sich in irgendeiner Form unangemessen behandelt fühlen.

"Man will mich fertigmachen"

Dass man ihn fertigmachen will, davon ist Regisseur Matthias Hartmann überzeugt, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion am Mittag einräumt. Seit wenigen Tagen sind all die Vorwürfe, die man in Wien gegen ihn erhoben hatte und die sich auf seine Geschäftsführung bezogen, null und nichtig. Vor Gericht wurde Hartmann am 25. Januar in allen Punkten entlastet. Damit sind die Gründe für seine Entlassung nicht mehr gültig.

"Die Geschichte mit dem Offenen Brief ist geschickt gesteuert", so Hartmann. Man suche wahrscheinlich nach neuen Gründen, um seine Entlassung zu rechtfertigen. Da käme die #MeToo-Debatte gerade recht. Er ist sich sicher, dass diesen Brief ein Rechtsanwalt aufgesetzt habe, das Ganze hält er für eine juristisch gesteuerte Aktion. Viele der Unterzeichner kenne er gar nicht, das sei schon verwunderlich. Hartmann sagt, dass ihm seit dem Erscheinen des Briefes im Wiener "Standard" sehr viele Kollegen, darunter namhafte Schauspielerinnen, ihre Solidarität bekundet. Das Telefon steht gar nicht mehr still.

Auch gegenüber der unserer Redaktion bittet Hartmann um Verständnis. "Als Regisseur dreht man schnell am Rad, wenn Abläufe nicht so klappen, wie man sich das wünscht." Er räumt ein, dass er ungeduldig sei und manchmal ausfallend werde. Das Bowie-Musical habe er sehr wichtig genommen, sagt Hartmann.

 
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