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Düsseldorf
Breitis Familie lebte im Flüchtlingslager

Düsseldorf. Der Gitarrist der Toten Hosen spricht über politisches Engagement und die Großeltern, die aus Schlesien vertrieben wurden. Von Philipp Holstein

Gerade haben die Toten Hosen eine Aufnahme des Konzerts auf CD veröffentlicht, das sie 2013 in der Tonhalle gaben: "Entartete Musik - Willkommen in Deutschland". Es soll ein Statement für die von den Nazis als "entartet" gebrandmarkten Künstler sein. Das ist ein guter Anlass, mit Gitarrist Michael Breitkopf, den alle bloß Breiti nennen, über Engagement zu sprechen.

"Wenn uns ein Thema sehr beschäftigt, wie zum Beispiel die Situation der Flüchtlinge, dann wollen wir unseren Standpunkt klarmachen und die Leute zum Denken anregen", sagt der 51-Jährige. "Das können wir zunächst natürlich am besten durch unsere Lieder." Breiti selbst besucht Flüchtlingsunterkünfte, er arbeitet mit ProAsyl zusammen, und als man fragt, warum ihn gerade dieses Thema so bewegt, wird er persönlich. Er erzählt eine biografische Episode, die nur wenige kennen dürften: "Ich bin aufgewachsen mit den Geschichten meiner Eltern. Die Familie meiner Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben. Der Vater war gestorben, und nun musste die Mutter jahrelang mit neun Kindern in einem Flüchtlingslager bei Hannover verbringen. Sie wurden von der Bevölkerung mit Steinen beworfen und aufs Übelste beschimpft. Meine Großmutter hat Hitler nur ,den ollen Satan' genannt, und deshalb hat mich das alles früh beschäftigt. Dieses Beispiel zeigt, dass Flüchtlinge immer schon das Ziel von Attacken waren. Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert."

Auf die Frage, wie man es ändern könne, antwortet Breiti: "Indem man immer wieder gebetsmühlenhaft dafür einsteht, diese Menschen willkommen zu heißen, ihnen ein faires und rechtsstaatlich belastbares Asylverfahren gewährt und sie menschenwürdig behandelt."

Ob die Toten Hosen mit neuen Liedern Einfluss nehmen wollen? "Es kann nicht darum gehen, noch ein Lied mit demselben Inhalt zu schreiben", sagt Breiti. "Es ist ja tragischerweise so, dass ein Lied wie ,Willkommen in Deutschland', das sich mit Fremdenhass beschäftigt und wie man damit umgeht, noch genauso aktuell ist wie zu Beginn der 90er Jahre, als es geschrieben wurde. Bei unseren Konzerten werden Lieder wie diese von Leuten mitgesungen, die teilweise noch gar nicht geboren waren, als wir sie gemacht haben. Diese Lieder haben also ihre Wirkung, und deshalb muss man nicht alle drei Wochen etwas Neues zum Thema schreiben."

Breiti sieht auch keine Notwendigkeit, gegen Pegida am Düsseldorfer Hauptbahnhof aufzutreten. "Man kann nicht dauernd und überall dabei sein. Ich glaube, wir sollten uns überlegen, wo wir uns engagieren, sonst kann es auch schon mal zu viel werden. Pegida nervt, die sind ätzend, aber die kriegen nicht mal mehr 100 Leute zusammen. Der ganz große Aufschlag ist da im Moment nicht nötig."

Quelle: RP
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