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Düsseldorf
Christo hält Sprechstunde

Düsseldorf. Der Verhüllungskünstler stellte sich im ausverkauften Schumannsaal den Fragen des Publikums. Er verriet, worin bei seinen Projekten die größte Schwierigkeit besteht. Und erzählte von den alten Zeiten in Wuppertal. Von Bertram Müller

Wer Christo schon immer mal etwas fragen wollte, hatte jetzt dazu Gelegenheit. Denen, die im ausverkauften Schumannsaal am Ehrenhof ganz vorne saßen, stellte sich allerdings zunächst eine Frage, die mit Verhüllungskunst scheinbar nichts zu tun hatte: Warum saß in Reihe eins fast unbeachtet Rita Süssmuth, die frühere Bundestagspräsidentin?

Christo beantwortete die unausgesprochene Frage gegen Ende seines anderthaltstündigen Auftritts nahezu beiläufig: Hätte die Hausherrin des Reichstags 1991 nicht ihre Zustimmung zur Verhüllung gegeben, wäre aus Christos Plan nichts geworden: "Bei allen Projekten ist es das Schwierigste, die Erlaubnis zu bekommen."

Christo zeigte sich bei seinem Düsseldorfer Gastspiel von vornherein in glänzender Laune. Wahrscheinlich hatte dazu der Rundgang beigetragen, den er zuvor durch die kürzlich eröffnete Ausstellung im Museum Kunstpalast unternommen hatte: "Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance. Von Tizian bis Christo". Schließlich sieht sich selbst ein Vielbeachteter wie Christo nicht jeden Tag in eine Reihe gestellt mit den Meistern der Renaissance. Vertreten ist er in der Schau unter anderem durch den VW-Käfer, den er und seine 2009 gestorbene Jeanne-Claude 1963 in der Düsseldorfer Galerie Schmela verhüllten.

Nach einem diagestützten Schnelldurchgang durch die Projekte der vergangenen 50 Jahre, vom Bau einer Mauer aus Ölfässern in Paris bis zu den stoffbespannten Stegen zu zwei Inseln des Iseosees in Italien, eröffnete Christo seine Sprechstunde. Da wollte etwa jemand wissen, ob Jeanne-Claude bei besonders verrückten Projekten nicht manchmal gefragt habe: Willst du das wirklich machen? Christo antwortete, dass all seine Projekte gar nicht so kompliziert seien wie etwa große Bauprojekte der Alltagswelt, Brücken zum Beispiel. Der Unterschied: "Meine Projekte sind völlig nutzlos." Und sie sind zeitlich begrenzt. Nur zwei bis drei Wochen haben Besucher, um sie zu erleben. Dann wird abgebaut.

Noch eine Frage: Christo, wie war das, als Sie in den 50er, 60er Jahren das Rheinland erkundeten? Christo erzählte, wie er zunächst nach Wuppertal kam, sich später in kargen Worten beim Galeristen Alfred Schmela vorstellte und gleich zur Sache kam: Er wolle eine Ausstellung. Einen Schlafplatz fand er bei Günther Uecker. Und er begann, seine ersten als Kunst deklarierten Pakete zu verkaufen.

Mehrere Fragesteller im Schumannsaal setzten voraus, dass es Christo stets um das Kunstwerk gehe, das am Ende seiner langen Vorbereitungen steht. Christo widersprach: Das Projekt sei der Weg, es beginne bereits mit der Planung. Schon in dieser frühen Phase lerne man: Was ist der Reichstag?

Auf seine Erfahrungen in Japan angesprochen, gab Christo eine Anekdote zum Besten: Als er seine gelben und blauen Schirme über die Landschaft verteilen wollte und sich als "Christo" vorstellte, habe man sein Ansinnen zunächst abgelehnt, weil man ihn für eine "religiöse Person" hielt.

Zu Beginn des Abends hatte Christo grinsend seine Spielregeln formuliert: keine Politik, keine Religion, keine Fragen zu anderen Künstlern. Daran gemessen, war seine Sprechstunde doch ergiebig: ein kurzweiliger Spaziergang durch ein Lebenswerk. Am Ende konnte es Christo kaum fassen, dass niemand mehr eine Frage stellen wollte. Dabei hatte er sogar schon in die Zukunft geblickt: auf seinen Plan, den Arkansas River im US-Bundesstaat Colorado mit frei schwebenden Gewebebahnen zu überspannen, und auf ein Bauwerk aus 410.000 liegend gestapelten Ölfässern in Form eines altägyptischen Grabes. Im letzten Fall wird er die Kosten des Projekts erstmals nicht durch den Verkauf von Auflagenobjekten und Fotolizenzen tragen können: eine halbe Milliarde Dollar.

Quelle: RP
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