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Biohacker-Messe im NRW-Forum
Die Cyborgs erobern Düsseldorf

Cyborg-Messe: Interview mit Biohacker Hannes Sjöblad
Düsseldorf . Sie öffnen Türen mit einer Geste und können elektromagnetische Wellen spüren: Cyborgs sind Menschen, die sich Technik in den Körper implantieren lassen. In Düsseldorf treffen sich jetzt einige besonders beeindruckende Exemplare zur weltweit ersten Cyborg-Messe.  Von Susanne Hamann

Hannes Sjoblad sieht aus wie jeder andere Geschäftsmann. Er trägt Hemd, Anzughose und Jackett. Er ist schlank, spricht gut Englisch und könnte ohne Probleme als Handelsvertreter durchgehen. Sjoblad ist jedoch alles andere als ein typischer Anzugträger. Sjoblad ist ein Biohacker. 

Biohacker - das Wort deutet es schon an: Statt Computer hackt Sjoblad den Menschen, allerdings nur, um ihn zu verbessern, wie er selbst sagt. "Viele geraten zum Beispiel regelmäßig in Stress, weil sie ihre Schlüssel, ihr Handy oder ihren Geldbeutel nicht mehr finden. Das kostet Zeit und Nerven, und das würde ich den Menschen gerne ersparen." Wie das gehen kann, lebt Sjoblad selbst vor. Kaum sichtbar verbirgt sich zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger ein kleiner RFID-Chip, der Daten übertragen kann. "Ich öffne damit mein Büro,  melde mich damit an unserem Drucker an - und ich kann den Chip inzwischen sogar statt einer Mitgliederkarte in meinem Fitness-Studio nutzen", sagt der Schwede.

Menschen, die ihren Körper mit Technik-Implantaten verbessern wollen, kannte man früher nur aus dem Kino. Inzwischen sind Cyborgs Realität. Seit Freitag treffen sie sich im Düsseldorfer NRW-Forum zur Messe "Science + Fiction". Es ist die weltweit erste Veranstaltung dieser Art - und auch Biohacker Sjoblad ist dabei. 

Hannes Sjoblad im Video-Interview sehen Sie hier:

NRW Forum Düsseldorf: "Ego Update"

"Wir sind in einer Zeit, in der wir viel experimentieren müssen - um herauszufinden, was alles möglich sein kann", sagt Sjoblad, der sich selbst als Biohacker-Aktivist bezeichnet. "Aus diesem Grund machen wir Implant-Partys, auf denen sich Menschen kostenlos einen RFID-Chip implantieren lassen können." Erst vor kurzem wurde auf einer Konferenz 64 Menschen an einem Tag ein Chip eingesetzt. "Das ist natürlich ein tolles Momentum, um sich auszutauschen und Erfahrung zu sammeln." 

Transhumanismus nennt sich die Philosophie hinter den Cyborgs. Vor allem auf medizinischem Gebiet sieht Sjoblad für diese Strömung eine große Chance. "Es gibt bereits erste Versuche mit Chips, die die Körperfunktionen messen. Sie sagen einem, ob die Körpertemperatur steigt, wie die Schlafphasen waren oder wieviele Schritte man am Tag gelaufen ist." Wer Sjoblad nun entgegnet, dass diese Dinge doch schon längst von Tracking-Armbändern übernommen werden können, der erntet nur ein Lächeln: "Die sind aber lästig, weil man sie an- und ausziehen muss - und sie anfällig für Fehler sind. Ein Implantat dagegen misst immer ganz genau."

Sjoblad ist kein Anhänger. Er ist ein Believer. Ein Gläubiger, der fest davon überzeugt ist, dass die Maschine letztlich das verlässlichere System vor der Biologie, vor der Religion und vor jedem erlernten Wissen des Menschen ist. Das sagt er in vernünftigen Worten, mit ruhiger Stimme und ohne überflüssige Euphorie - und fasst damit zusammen, was die Community der Cyborgs zusammenschweißt.

Sie sind die Science Fiction-Fans. Die Hardcore-Computerspieler, die Rollenspieler, Programierer und Hacker. Dass Mensch und Maschine eins werden könnten, ist für sie von Kindesbeinen an nur eine Frage der Zeit gewesen. Als die Möglichkeit dann real wurde, haben viele ohne langes Nachdenken ja gesagt. 

Ebenfalls in Düsseldorf vertreten ist Tim Cannon, der wohl bekannteste Do-it-yourself-Cyborg. Er bezeichnet sich selbst als Mega-Nerd. Science Fiction bestimmt sein Universum, seit er denken kann. Bis heute arbeitet er nebenbei als Programmierer. Was er aber wirklich möchte: mit seiner Firma Grindhouse Wetware ganz groß rauskommen. Nicht unbedingt, um Geld zu verdienen, sondern um die Menschheit zu retten: "Das Problem ist doch, dass wir Menschen den Planeten zu Grunde richten. Wir können nicht aufhören zu essen, nicht aufhören zu atmen - und wir können nicht aufhören, die Erde zu zerstören, um selbst zu überleben."

Tim Cannon im Video-Interview sehen Sie hier:

So funktioniert der Netzhaut-Chip FOTO: Retina Implant

Für Cannon ist das vor allem eines: ein primitives Verhalten. "Wenn der Mensch aber von seinem animalischen Teil befreit wäre, dann könnte er auch handeln, wie er behauptet es schon zu tun: als wirklich hochentwickelte, intelligente Spezies mit Mitgefühl."

Die Technologie als Erlösung des Menschen? Zu einem Implantat raten will Cannon trotz dieser Ansicht nur Menschen, die experimentierfreudig sind, sich gut informieren. Nicht jeder ist geeignet, um Pionier dieser Bewegung zu werden.

Für sich selbst kennt Cannon allerdings keine Gnade: fünf Implantate sitzen derzeit in seinem Körper: drei Magneten, mit denen er elektromagnetische Felder aufspüren kann, etwa von großen elektrischen Maschinen. Außerdem zwei Chips, ähnlich jenem von Sjoblad. Das klingt nach viel, ist aber nur ein Zwischenstand der Maschinchen, die Cannon schon mit sich herumgetragen hat. "Ich hatte schon ein Implantat in meinem Gehörknochen, mit dem ich Musik von meinem Handy ohne Kopfhörer in mein Ohr senden konnte", sagt der Biohacker. "Außerdem habe ich mir vor ein paar Jahren ein sehr großes Implantat in den Unterarm schieben lassen, das konnte unter anderem mein Tattoo grün aufleuchten lassen." 

Eingesetzt wurde Cannon das große Metallstück nicht von einem Arzt, sondern von einem Ingenieur aus der Szene. Denn Mediziner machen einen großen Bogen um derlei Eingriffe, auch wenn sie oftmals nur klein sind. Stattdessen haben Biohacker ihre ganz eigenen Piercer und sogar eben ein paar eigene Ingenieure, die sich darauf spezialisiert haben, die Mini-Operationen nur mit lokaler Beteubung vorzunehmen. 

"Als ich mein erstes Implantat bekommen habe, hatte ich wahnsinnige Panikattacken. Ich wusste ja nicht, welche gesundheitlichen Auswirkungen das hat, und ob das Ding in meinem Körper vielleicht zerbricht", sagt Cannon. In der Folge begann er mit Bastlern, Hackern, Biologen und Programmierern verschiedene Härtetests mit Implantaten durchzuführen, um herauszufinden, was sie im Körper aushalten. Das war die Geburtsstunde von Grindhouse Wetware vor inzwischen vier Jahren. 

Cyber-Angie: Bundeskanzlerin zwischen Bits und Bytes FOTO: ddp

"Meine Zukunftsvision wäre, dass der Mensch komplett ohne organische Masse auskommt. Das hieße, dass auch mein Gehirn nur noch aus maschinellen Teilen besteht." Ob er sich denn in seiner fleischlichen Hülle so unwohl fühlt? "Ja", sagt Cannon, "ich finde, dass der menschliche Körper in vielerlei Hinsicht eine Belastung ist. Man erlebt darin viele Emotionen und Kämpfe, die eigentlich unnötig sind, und die mit der Evolution durch Biohacken einfach verschwinden." 

Die "Science + Fiction", die erste Cyborg-Messe weltweit, findet vom 6. bis 8. November 2015 im NRW-Forum in Düsseldorf statt. Die Tageskarte kostet 6 Euro, sie berechtigt auch zum Besuch der Ausstellung "Ego Update".

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